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Alles, was uns bewegt

Von Volos, die auf Teller starren


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Da stehen wir nun, knapp zwanzig Volontäre, und starren auf Geschirr. Teller, Suppenteller, Weingläser, Gabeln liegen vor uns auf einem Tisch – jedoch vollkommen ungeordnet. Ein Kollege  stellt sich der Aufgabe: Er soll nun Butterglocke und Buttermesser formkorrekt, wie im Sterne-Restaurant, platzieren. Er grübelt – und auch um ihn heru

m reihen sich fragende Gesichter. Nur eine Person steht wissend daneben und betrachtet die verwirrte Volo-Schar mit einem Lächeln: Susanne Erdmann, Fachfrau für Benimm. Sie ist Vorstandsmitglied der Knigge-Gesellschaft und soll uns an diesem Tag erklären, wie man sich souverän in jedem gesellschaftlichen Rahmen bewegt.

Wir erfahren: Die Dame ist von adeligem Background. Dass sie ihre Großmutter als erstgeborenes Enkelkind noch mit Knicks begrüßen musste, erzählt sie beiläufig. „Aber das hat sich mit dem dritten, vierten Enkel dann schnell erledigt“, sagt sie und lacht. Den roten Faden für ihr Seminar bildet die Lehre eines Adligen, dessen Antlitz nun im Großformat auf Erdmanns Bildschirmpräsentation erscheint: Adolph Freiherr Knigge blickt uns fordernd an – mit napoleonischer Haltung, die rechte Hand im Revers. Ein Mensch aus dem 18. Jahrhundert soll dem journalistischen Nachwuchs, gehüllt in Jeans und Hoodie, als Vorbild dienen?

Nicht ganz. Es geht hier um den souveränen Auftritt im Berufsalltag. Tatsächlich ist das Feld, das wir Volontäre tagtäglich bearbeiten, sehr weit gefächert. Gestern auf dem Hühnerhof, morgen in der Kreistagssitzung. Auch wenn man Knigges Regeln nicht immer befolgen will und kann: Das Wissen, wie es nach dem Etikettekodex richtig geht, ist nützlich.

Jede Begegnung beginnt mit der Kunst der Begrüßung. Coach Erdmann erklärt uns die offiziellen Vorfahrtsregeln des „Servus, Grüezi und Hallo“: Jung grüßt Alt zuerst, Mann grüßt Frau, junge Frau trumpft älteren Mann, Eminenz schlägt Bürgermeister. Auf dem Glatteis der Kommunikation spielt heute aber auch die Technik eine tragende Rolle. Frei nach Freiherr Knigge gilt: Von der Betrachtung transportabler Telekommunikationsgeräte binnen förmlicher Unterredungen ist tunlichst abzusehen. Kurz: Finger weg vom Handy während der Besprechung.

Doch Susanne Erdmann berät uns nicht nur für den Berufsalltag und das noble Parkett. Sie gibt uns auch ein paar Tipps, wie man auf heikle Situationen reagieren kann, auf Wut-Mails oder Beschimpfungen – auch solche Reaktionen treffen Volontäre und Redakteure ab und an. Erdmann rät dazu, wüste Beleidigungen zunächst nicht zu beachten, auf harsche Kritik jedoch zu reagieren.

Zugegeben, wir sind nicht ganz ahnungslos auf dem Gebiet der Etikette. Nach dem ersten Ausbildungsjahr im Lokalen weiß auch Volo, dass Kleiderordnung nicht gleich Kleiderordnung ist: Was in manch einem Gemeinderat als overdressed erscheint, kann im benachbarten Stadtgremium schon als Formverstoß, als zu leger oder nachlässig gelten. Der Kontext bestimmt die Kleidung: Sakko und Fliege schinden bei Recherchen im landwirtschaftlichem Bereich eher selten Eindruck. Dafür ist der Volontär gut beraten, immer ein paar Gummistiefel im Kofferraum parat zu haben.

„Vor allen Dingen soll man nie vergessen, daß die Gesellschaft lieber unterhalten, als unterrichtet sein will“ – das hat Freiherr Knigge einmal geschrieben. Und tatsächlich fühlen wir uns an diesem Volo-Tag nicht streng belehrt, sondern vor allem gut unterhalten. Zum Schluss kristallisiert sich dann doch eine Lehre heraus: Höflich sein, Form wahren – und sich bei alledem nicht den eigenen Charakter verrenken. Oder wie der Freiherr zu sagen pflegte: „Achte Dich selbst, wenn Du willst, dass Andre Dich achten sollen!“