Kategorie: Alles, was uns bewegt

Alles, was uns bewegt

Der Volontär hat Wechselblues

Zum Abschied gibt es für den Altvolo einen Cappuccino im Stammcafé. (Foto: Mareike König)

Fast ein Jahr verbringen Volontäre in einer Lokalredaktion. Kein Wunder, dass zum Ende Melancholie aufkommt. Der zweite Ausbildungsabschnitt im Mantelteil der Augsburger Allgemeinen lockt mit neuen Herausforderungen. Doch der Abschied fällt schwer. Warum? Ein Volo sucht – und findet – Antworten.

Elf Monate ist es nun her, dass ich zum ersten Mal meine Lokalredaktion in Friedberg betreten habe. Ich war zuvor noch niemals in Friedberg – 30.000-Einwohner, der westlichste Stadtteil verschmilzt mit Augsburg – gewesen. Neuer Job, neue Stadt und für mich auch: neues Bundesland. Fast ein Jahr später fühlt sich das ganz anders an: Job, Stadt und auch die wesentlichen Züge der bayerisch-schwäbischen Mentalität sind mir vertraut.

Zum ersten Februar müssen wir Altvolos uns aber wieder umstellen. Denn dann starten wir in unseren zweiten Ausbildungsabschnitt, der uns in den Mantelteil der Augsburger Allgemeinen führt. Und das bedeutet: jeden Monat ein wechselndes Ressort. Alle vier Wochen ist der Volo dann wieder „der Neue“.

Augsburger Allgemeine: Im Manteljahr warten neue Herausforderungen

Viele von uns sind sozusagen vom Hörsaal in die Redaktionsstube umgezogen. Hatte man sich in der Unibibliothek noch um einen Schreibtisch streiten müssen, haben wir jetzt eine eigene Grundausstattung. Mein Schreibtisch, mein Computer, mein Telefon. Doch nicht nur das gibt dem Altvolo ein gutes Gefühl: Nach elf Monaten im Lokalen wissen wir, wie der Bürgermeister der Gemeinde tickt, die wir betreuen. Wir kennen die Seil-und Machenschaften der Städte, die unseren Heimatausgaben ihren Namen geben. Stellen wir uns einem Gesprächspartner vor, kennt der einen zumindest als Autorenzeile aus der Zeitung.

Zwischen den Feiertagen und dem Wechsel in den Mantel befindet sich der Volo nun in einem ganz besonderen Zustand. So richtig möchte er sich eigentlich nicht verabschieden von den liebgewonnenen Kollegen. Und von einer vorübergehenden Zeit des Sich-kompetent-Fühlens – etwas, das man sich im Laufe des Jahres hart erarbeitet hat. Gleichzeitig kommt Vorfreude auf: Es warten neue Kollegen, Herausforderungen und spannende Geschichten.

Ein letzter Kaffee im Lieblingscafé zum Abschied

Was hilft also gegen den Wechselblues? Ich empfehle therapeutische Spaziergänge durch die Straßen und Gassen, die einem inzwischen vertraut sind. Und ein letztes Getränk im Lieblingscafé. Wenn gewünscht, kann man das – wie in meinem Fall – auch gleich mehrmals machen. Warum ein Abschiedsritual nicht zur Befriedigung von Koffeinsucht-induzierten Gelüsten nutzen?
So ganz von null startet der Altvolo aber nicht, wenn er sich im Haupthaus auf seine neuen Aufgaben stürzt. Nach einem Jahr Intensivtraining auf dem Land schreiben wir schneller und besser. Wir haben unser Rückgrat durch Gespräche – und vielleicht auch Konfrontationen – mit Politikern, Unternehmern, Bürgern und auch Lesern gestärkt. Ich für meinen Teil bin inzwischen auch kulturell besser angepasst. Ich ertappe mich dabei, wie ich beim Bäcker keine Brötchen, sondern Semmeln bestelle. Dass in unserer Zeitung keine Jungen, sondern Buben vorkommen, klingt für mich zwar immer noch komisch – meine Finger tippen das Wort inzwischen aber ganz routiniert. Die magische Grenze der verbalen Integration liegt für mich bei „Grüß Gott!“. In elf Monaten Friedberg ist mir das noch nicht über die Lippen gekommen. Mal schauen, wie das am Ende des zweiten Ausbildungsjahres aussieht.

Alles, was uns bewegt

Von Volos, die auf Teller starren

Da stehen wir nun, knapp zwanzig Volontäre, und starren auf Geschirr. Teller, Suppenteller, Weingläser, Gabeln liegen vor uns auf einem Tisch – jedoch vollkommen ungeordnet. Ein Kollege  stellt sich der Aufgabe: Er soll nun Butterglocke und Buttermesser formkorrekt, wie im Sterne-Restaurant, platzieren. Er grübelt – und auch um ihn heru m reihen sich fragende Gesichter. […]

Da stehen wir nun, knapp zwanzig Volontäre, und starren auf Geschirr. Teller, Suppenteller, Weingläser, Gabeln liegen vor uns auf einem Tisch – jedoch vollkommen ungeordnet. Ein Kollege  stellt sich der Aufgabe: Er soll nun Butterglocke und Buttermesser formkorrekt, wie im Sterne-Restaurant, platzieren. Er grübelt – und auch um ihn heru

m reihen sich fragende Gesichter. Nur eine Person steht wissend daneben und betrachtet die verwirrte Volo-Schar mit einem Lächeln: Susanne Erdmann, Fachfrau für Benimm. Sie ist Vorstandsmitglied der Knigge-Gesellschaft und soll uns an diesem Tag erklären, wie man sich souverän in jedem gesellschaftlichen Rahmen bewegt.

Wir erfahren: Die Dame ist von adeligem Background. Dass sie ihre Großmutter als erstgeborenes Enkelkind noch mit Knicks begrüßen musste, erzählt sie beiläufig. „Aber das hat sich mit dem dritten, vierten Enkel dann schnell erledigt“, sagt sie und lacht. Den roten Faden für ihr Seminar bildet die Lehre eines Adligen, dessen Antlitz nun im Großformat auf Erdmanns Bildschirmpräsentation erscheint: Adolph Freiherr Knigge blickt uns fordernd an – mit napoleonischer Haltung, die rechte Hand im Revers. Ein Mensch aus dem 18. Jahrhundert soll dem journalistischen Nachwuchs, gehüllt in Jeans und Hoodie, als Vorbild dienen?

Nicht ganz. Es geht hier um den souveränen Auftritt im Berufsalltag. Tatsächlich ist das Feld, das wir Volontäre tagtäglich bearbeiten, sehr weit gefächert. Gestern auf dem Hühnerhof, morgen in der Kreistagssitzung. Auch wenn man Knigges Regeln nicht immer befolgen will und kann: Das Wissen, wie es nach dem Etikettekodex richtig geht, ist nützlich.

Jede Begegnung beginnt mit der Kunst der Begrüßung. Coach Erdmann erklärt uns die offiziellen Vorfahrtsregeln des „Servus, Grüezi und Hallo“: Jung grüßt Alt zuerst, Mann grüßt Frau, junge Frau trumpft älteren Mann, Eminenz schlägt Bürgermeister. Auf dem Glatteis der Kommunikation spielt heute aber auch die Technik eine tragende Rolle. Frei nach Freiherr Knigge gilt: Von der Betrachtung transportabler Telekommunikationsgeräte binnen förmlicher Unterredungen ist tunlichst abzusehen. Kurz: Finger weg vom Handy während der Besprechung.

Doch Susanne Erdmann berät uns nicht nur für den Berufsalltag und das noble Parkett. Sie gibt uns auch ein paar Tipps, wie man auf heikle Situationen reagieren kann, auf Wut-Mails oder Beschimpfungen – auch solche Reaktionen treffen Volontäre und Redakteure ab und an. Erdmann rät dazu, wüste Beleidigungen zunächst nicht zu beachten, auf harsche Kritik jedoch zu reagieren.

Zugegeben, wir sind nicht ganz ahnungslos auf dem Gebiet der Etikette. Nach dem ersten Ausbildungsjahr im Lokalen weiß auch Volo, dass Kleiderordnung nicht gleich Kleiderordnung ist: Was in manch einem Gemeinderat als overdressed erscheint, kann im benachbarten Stadtgremium schon als Formverstoß, als zu leger oder nachlässig gelten. Der Kontext bestimmt die Kleidung: Sakko und Fliege schinden bei Recherchen im landwirtschaftlichem Bereich eher selten Eindruck. Dafür ist der Volontär gut beraten, immer ein paar Gummistiefel im Kofferraum parat zu haben.

„Vor allen Dingen soll man nie vergessen, daß die Gesellschaft lieber unterhalten, als unterrichtet sein will“ – das hat Freiherr Knigge einmal geschrieben. Und tatsächlich fühlen wir uns an diesem Volo-Tag nicht streng belehrt, sondern vor allem gut unterhalten. Zum Schluss kristallisiert sich dann doch eine Lehre heraus: Höflich sein, Form wahren – und sich bei alledem nicht den eigenen Charakter verrenken. Oder wie der Freiherr zu sagen pflegte: „Achte Dich selbst, wenn Du willst, dass Andre Dich achten sollen!“

Alles, was uns bewegt

Ein Monat Artikeltetris und Themenschach

Am Regiodesk werden die Lokalteile der Augsburger Allgemeinen in Aichach, Friedberg, Schwabmünchen und Gersthofen gelayoutet. Bild: Fabian Kluge

Am Regiodesk werden die Lokalteile der Augsburger Allgemeinen in Aichach, Friedberg, Schwabmünchen und Gersthofen „gebaut“. Reger Kontakt mit den Außenredaktionen und ein sicheres Händchen im Layouten von Zeitungsseiten sind dabei gefragt.

Am Augsburger Rathausplatz befindet sich bekanntermaßen der Ticketservice der Augsburger Allgemeinen. Im Unterbau gibt es eine kleine Redaktion, die für die Fertigstellung der vier Landkreisausgaben der Augsburger Allgemeinen, angrenzend an das Stadtgebiet zuständig ist: der Regiodesk.

Hier nehmen leere Zeitungsseiten Gestalt an. Hier basteln Journalisten und Mediengestalter die Lokalteile zusammen. Also: den Landboten im Norden, die Schwabmünchener Allgemeine im Süden und im Osten die Lokalzeitungen Friedberger Allgemeine und die Aichacher Nachrichten.

Konferenz am Desk

12 Uhr: Der Tag beginnt mit einer Telefonkonferenz. Hier werden die wichtigsten Themenschwerpunkte für die aktuelle Ausgabe festgelegt. Stefan Bürzle, diensthabender Planungschef der Lokalredaktion Augsburg (rechts) und Markus Schwer, Redaktionsleiter des Regiodesks, sprechen die Themenlage mit den vier Leitern der Lokalredaktionen ab.

In der morgendlichen Konferenz besprechen die Redakteure die aktuellen Themen mit den Außenredaktionen Aichach, Friedberg, Schwabmünchen und Gersthofen. Bild: Nina Emering

Die Aichacher Nachrichten widmen die aktuelle Seite 1 einem Artikel über die Eröffnung des millionenschweren Bauprojekts Bundesstraße – „B300“. Der Landbote im Augsburger Land hat eine Geschichte über einen Besitzerwechsel im Lechpark.

Die Redaktion in Schwabmünchen plant im Zuge der Landtagswahl in Bayern ein Wahlporträt über den SPD-Politiker Florian Pronold, und die Friedberger Allgemeine befasst sich in der nächsten Ausgabe in einem Porträt mit dem Geschäftsführer des örtlichen Kreisjugendrings.

Die Seite „Rund um Augsburg“, kurz RUA

Jeden Tag erscheint eine Seite, die interessante Themen und Ereignisse aus der Augsburger Region bündelt. So erhält die Augsburgerin, die in Aichach arbeitet, oder der Leser aus dem Holzwinkel, der täglich nach Graben pendelt, auch Geschichten aus anderen Lokalredaktionen.

Seitenumfang und Andruckzeiten

Der Gesamtumfang der jeweiligen Ausgabe ist abhängig von Veranstaltungen, Terminen und Themen der Lokalredaktionen. Auch gewerbliche Anzeigen werden bei der Seitenbestellung der Redakteure berücksichtigt.

Wie viele Seiten ein Lokalteil umfasst, hängt von aktuellen Themen und Terminen ab. Auch die Andruckzeiten variieren von Außenredaktion zu Außenredaktion. Bild: Philipp Kiehl

Wann soll also welcher Artikel in welchem Umfang erscheinen? Aktualität geht immer vor. Fingerspitzengefühl und strategisches Geschick bei der Verteilung der Themen auf die Woche sind hierbei gefragt. Ein Beispiel: Montag bis 17 Uhr haben Redakteure der Lokalzeitungen Zeit, die Seitenbestellung für Mittwoch an die Regiodesk-Redaktion zu schicken.

Seitenbestellung

Die Aichacher Nachrichten planen 16 Seiten für das kommende Wochenende. Darunter ein Kollektiv, also drei Seiten Verlagsveröffentlichung mit PR-Texten über das Schwerpunktthema „Start in den Job“. Außerdem ist eine Sonderseite mit Vereinsbildern eingeplant.

Darüber hinaus: drei Lokalseiten, eine Seite mit Themen aus dem Landkreis, zwei Seiten Sport, eine Service-Seite mit Veranstaltungsterminen und eine Seite Nachbarschaft (NAC) mit Artikeln aus dem angrenzenden Landkreis (zum Beispiel aus Neuburg).

Seiten „bauen“ in der Praxis

Ich schnappe mir die Aichacher Sonderseite. Fotos von Vereinsaktivitäten, Senioren-Ausflügen, Kinderfesten oder Hobbyfotografen. Das Who’s Who des Landkreises. Die Texte stehen schon, müssen gegebenenfalls angepasst werden.

Ich baue die Bilder mit dem jeweiligen Text in einem Block, das heißt, ich versuche, Bild und Text auf gleiche Höhe zu trimmen. Das funktioniert wie im Baukastenprinzip und fühlt sich ein bisschen an wie Tetris mit Zeitungsartikeln.

Nächster Auftrag: Die Redaktion der Schwabmünchner Allgemeinen hat einen sogenannten Seitenzettel für die Lechfeld-Seite, genannt LEF, geschickt. Aufmacher, also interessantester Artikel oben auf der Seite, über den Untermeitinger Förderverein.

Drei Bilder sind eingeplant, sofern der Platz reicht. Das Bild mit Brezn? Ich kann keins finden. Erst beim Vergrößern des Bildes erkenne ich, dass die Kinder mit einer Breze wedeln. Also weiter. In die Randspalte ziehe ich den einzigen Polizeiartikel, der sich im Verzeichnis finden lässt und setze den Artikel über eine Kiesbank im Markt Kaufering darüber.

Überschriftenkonferenz

Redakteure werfen einen letzten kritischen Blick auf die fertigen Seiten. Hier werden Überschriften, Bildunterzeilen und das Seitenlayout zum letzten Mal unter die Lupe genommen, bevor die Zeitung anschließend in den Druck geht.

Bei der Überschriftenkonferent werfen die Redakteure einen letzten, kritischen Blick über die fertigen Seiten. Bild: Fabian Kluge