Mareike König

Mareike König wuchs in Fulda auf, zog mehrmals durch die Republik und landete schließlich in Mannheim. Dort studierte sie Psychologie. Und machte anschließend ihren Master in Politischer Psychologie in Nordirlands Hauptstadt Belfast. Während ihres Studiums probierte sie alle möglichen Jobs aus, die man als ausgebildete Psychologin typischerweise so macht – und blieb bei keinem so wirklich hängen. Bis sie mal über den Tellerrand schaute und es mit dem Journalismus versuchte. Sie war begeistert und blieb dabei. Sie findet es großartig, jetzt endlich so nah an den Bergen zu leben. In ihrer Freizeit schwimmt und radelt sie. Im Lokaljahr schreibt, fotografiert und produziert sie für die Friedberger Allgemeine.

Alles, was uns bewegt

Der Volontär hat Wechselblues

Zum Abschied gibt es für den Altvolo einen Cappuccino im Stammcafé. (Foto: Mareike König)

Fast ein Jahr verbringen Volontäre in einer Lokalredaktion. Kein Wunder, dass zum Ende Melancholie aufkommt. Der zweite Ausbildungsabschnitt im Mantelteil der Augsburger Allgemeinen lockt mit neuen Herausforderungen. Doch der Abschied fällt schwer. Warum? Ein Volo sucht – und findet – Antworten.

Elf Monate ist es nun her, dass ich zum ersten Mal meine Lokalredaktion in Friedberg betreten habe. Ich war zuvor noch niemals in Friedberg – 30.000-Einwohner, der westlichste Stadtteil verschmilzt mit Augsburg – gewesen. Neuer Job, neue Stadt und für mich auch: neues Bundesland. Fast ein Jahr später fühlt sich das ganz anders an: Job, Stadt und auch die wesentlichen Züge der bayerisch-schwäbischen Mentalität sind mir vertraut.

Zum ersten Februar müssen wir Altvolos uns aber wieder umstellen. Denn dann starten wir in unseren zweiten Ausbildungsabschnitt, der uns in den Mantelteil der Augsburger Allgemeinen führt. Und das bedeutet: jeden Monat ein wechselndes Ressort. Alle vier Wochen ist der Volo dann wieder „der Neue“.

Augsburger Allgemeine: Im Manteljahr warten neue Herausforderungen

Viele von uns sind sozusagen vom Hörsaal in die Redaktionsstube umgezogen. Hatte man sich in der Unibibliothek noch um einen Schreibtisch streiten müssen, haben wir jetzt eine eigene Grundausstattung. Mein Schreibtisch, mein Computer, mein Telefon. Doch nicht nur das gibt dem Altvolo ein gutes Gefühl: Nach elf Monaten im Lokalen wissen wir, wie der Bürgermeister der Gemeinde tickt, die wir betreuen. Wir kennen die Seil-und Machenschaften der Städte, die unseren Heimatausgaben ihren Namen geben. Stellen wir uns einem Gesprächspartner vor, kennt der einen zumindest als Autorenzeile aus der Zeitung.

Zwischen den Feiertagen und dem Wechsel in den Mantel befindet sich der Volo nun in einem ganz besonderen Zustand. So richtig möchte er sich eigentlich nicht verabschieden von den liebgewonnenen Kollegen. Und von einer vorübergehenden Zeit des Sich-kompetent-Fühlens – etwas, das man sich im Laufe des Jahres hart erarbeitet hat. Gleichzeitig kommt Vorfreude auf: Es warten neue Kollegen, Herausforderungen und spannende Geschichten.

Ein letzter Kaffee im Lieblingscafé zum Abschied

Was hilft also gegen den Wechselblues? Ich empfehle therapeutische Spaziergänge durch die Straßen und Gassen, die einem inzwischen vertraut sind. Und ein letztes Getränk im Lieblingscafé. Wenn gewünscht, kann man das – wie in meinem Fall – auch gleich mehrmals machen. Warum ein Abschiedsritual nicht zur Befriedigung von Koffeinsucht-induzierten Gelüsten nutzen?
So ganz von null startet der Altvolo aber nicht, wenn er sich im Haupthaus auf seine neuen Aufgaben stürzt. Nach einem Jahr Intensivtraining auf dem Land schreiben wir schneller und besser. Wir haben unser Rückgrat durch Gespräche – und vielleicht auch Konfrontationen – mit Politikern, Unternehmern, Bürgern und auch Lesern gestärkt. Ich für meinen Teil bin inzwischen auch kulturell besser angepasst. Ich ertappe mich dabei, wie ich beim Bäcker keine Brötchen, sondern Semmeln bestelle. Dass in unserer Zeitung keine Jungen, sondern Buben vorkommen, klingt für mich zwar immer noch komisch – meine Finger tippen das Wort inzwischen aber ganz routiniert. Die magische Grenze der verbalen Integration liegt für mich bei „Grüß Gott!“. In elf Monaten Friedberg ist mir das noch nicht über die Lippen gekommen. Mal schauen, wie das am Ende des zweiten Ausbildungsjahres aussieht.

Jeden Tag ein Abenteuer

Slapstick vor Gericht – Hauptperson: der Volo

Die Justizia ist wohl das beliebteste Symbolbild in der Zeitung und äußerst gefragt, wenn es darum geht, Gerichtsartikel zu bebildern. Symbolbild: Alexander Kaya

Man ist gerade erst in der Lokalredaktion angekommen, da heißt es oft schon: Ab ans Gericht. Eigentlich fühlt man sich vorbereitet. Doch bei Gericht kann so Einiges passieren, wie Mareike König nach einigen Verhandlungsterminen zu berichten weiß. Immerhin: Jetzt kann sie andere warnen und wer diesen Beitrag liest, tappt schon einmal in ein paar Fallen weniger…

Eigentlich hatte uns der Einführungskurs hervorragend auf unser neues Gerichtsreporterdasein vorbereitet: Der Fall am Amtsgericht Augsburg, über den wir probeweise schreiben durften, dauerte ewig lang und war kompliziert. Wie eine Samstagnachmittagsshow im Privatfernsehen – nur im echten Leben und mit realen Existenzen, die auf dem Spiel standen.

An meinem zweiten Tag in der Lokalredaktion in Friedberg habe ich meinen ersten Fall – nicht mehr unter Laborbedingungen, sondern diesmal im realen Leben. Nur ich und eine Reporterin von der Konkurrenz. Im Vergleich zum Probelauf mussten die Fakten jetzt durch Prozessbeteiligte und Leser überprüfbar sein. Angeklagt war ein Autobahnrowdy, der auf der A8 einen anderen Fahrer abgedrängt haben soll. Auf das Amtsgericht Augsburg wäre ich vorbereitet gewesen. Nicht aber auf Aichach. Ich habe meine Handtasche dabei – groß, mit Untiefen und Platz für unfassbar viel Schrott. In Augsburg gibt es eine elektronische Taschenkontrolle, in Aichach nicht. Ich muss den gesamten Tascheninhalt in eine Plastikwanne kippen. Kritisch durchforstet eine Beamtin den Müllberg, ohne eine Miene zu verziehen. Ich versinke vor Scham im Boden.

Ein spannender Fall – nachgestellt mit Spielzeugautos

Der Fall ist spannend. Obwohl der Richter mit starkem Dialekt spricht, verstehe ich ihn als Neu-Schwäbin mit hessischem Migrationshintergrund. Nicht zuletzt, weil er den Angeklagten und den Geschädigten die Geschehnisse auf der Autobahn mit Spielzeugautos nachstellen lässt. Mich juckt es in den Fingern: ein Foto von einem der Autos, ein perfektes Bild zum Bericht. Aber ich habe ja gelernt: Im Gericht ist Fotografieren verboten. Offenbar hatte ich das falsch in Erinnerung. Wie mir später ein Redakteur sagt, hätte man in so einem Fall ruhig mal nachfragen und ein Bild schießen können – wären ja keine Prozessbeteiligten darauf zu sehen gewesen.

Ins Gericht kehre ich schon einen Tag später zurück. Dieses Mal eine Jugendstrafsache. Angeklagt: ein junger Schwarzfahrer, der versuchte abzuhauen, als er erwischt wurde. Und dabei zwei Fahrkartenkontrolleure verletzte. Körperverletzung und Erschleichen einer Leistung und das für eine satte Ersparnis von 1,35 Euro. Würde man Reue personifizieren, sie wäre 19 Jahre alt und käme aus Friedberg.

Von meiner Lokalredaktion fährt man mit dem Auto über die B300 nach Aichach und braucht ungefähr 20 Minuten. Wenn alles gut läuft. An meinem ersten Gerichtstag lief es gut. Die Strecke war frei und ich 15 Minuten zu früh vor Ort. Also fahre ich an meinem zweiten Gerichtstag etwas später los. Die Strecke ist nicht frei, sondern vollgestopft mit Lkw. Als ich drei Minuten vor dem Beginn der Verhandlung vor meiner alten Bekannten, der Justizbeamtin, stehe, schaut sie mich streng an. Nicht etwa um mir zu signalisieren, dass ich meinen Tascheninhalt vor ihr ausbreiten soll. Die Tasche habe ich im Auto gelassen, nur Block und Stift dabei – ich lerne schließlich dazu. Sondern, weil ich das Auto im Eifer des Gefechts auf einem Mitarbeiterparkplatz abgestellt habe. In Rekordzeit parke ich um und sitze tatsächlich pünktlich im Verhandlungssaal. Leider der Angeklagte nicht. Er kommt eine halbe Stunde zu spät. Trotzdem ein kleiner Sieg: Dass ich die Peinlichkeit mit der Handtaschenkontrolle nicht wiederholt habe, macht mich stolz.

Ein Presseausweis kann manchmal nützlich sein

Als ich von diesem Lernfortschritt in der Redaktion erzähle, schauen die Kollegen mich ungläubig an: „Du hast doch einen Presseausweis. Wenn du den vorzeigst, kannst du ohne Kontrolle rein.“ Wie praktisch!

Das probiere ich ein paar Tage später aus. Im Verwaltungsgericht in Augsburg. Die Beamten dort interessieren sich allerdings nicht für meinen Ausweis: Die Tasche wird trotzdem durchsucht. Immerhin aber nicht ausgeleert. Vielleicht ist das der Pressebonus? Dann sitze ich in einem Fall, in dem sich mehrere Richter und zwei Anwälte mit der korrekten juristischen Definition von „Abfall“ beschäftigten. Als ich nach zweistündigem Prozess aus der Verhandlung komme und grob begriffen habe, worum es ging, verspüre ich über zwei Dinge große Erleichterung: erstens darüber, mein Jurastudium vor sieben Jahren nach dem ersten Semester abgebrochen zu haben. Und zweitens stellt sich das hoffnungsvolle Gefühl ein, irgendwie alles meistern zu können, was im Volontariat auf mich zukommt.
Und so habe ich für die Zeitung über den Fall berichtet: Wenn das Zwischenlager zum Abfallhaufen wird

Als ich zu meinem nächsten Prozess ins Amtsgericht Aichach komme, steht vor mir an der Einlasskontrolle eine theatralisch gestikulierende Jugendliche mit ihrer Mutter. Erstere ist die Angeklagte in meinem Fall, wie ich später erfahre. Sie hat ihre ehemalige Lehrerin mit einem Messer bedroht sowie das Wort „Hure“ und ein Hakenkreuz an deren Eingangstür gemalt (Hier geht’s zum Artikel). Ich warte geduldig, solange die beiden Frauen unter Protest ihre Handtaschen in die Plastikwannen ausleeren müssen. Während seine Kollegin (ja, dieselbe von meinen ersten beiden Gerichtstagen!) die beiden abtastet, nehme ich Blickkontakt mit dem Justizvollzugsbeamten auf. Und zeige meinen Presseausweis vor. Und siehe da, es funktioniert. Als die Angeklagte und ihre Mutter mit der Einlasskontrolle fertig sind, winken die Beamten mich durch die Schleuse. Ich muss meine Hosentaschen nicht leeren, noch nicht einmal meinen Mantel ausziehen. Ich bilde mir ein, dass wir uns kumpelhaft anlächeln und ein bisschen fühlt es sich an, als sei ich eine routinierte Journalistin. Nun ja, so richtig routiniert noch nicht. Die Handtasche hatte ich sicherheitshalber im Auto gelassen. Das nächste Mal nehme ich sie mit – zuzumindest ins Amtsgericht Aichach.