Julian Würzer

Julian Würzer, 1992 geboren, ist am Bodensee aufgewachsen. Er war bereits stellvertretender Marktleiter eines Supermarktes und wurde fast Fußballprofi. Wegen Irrungen und Wirrungen wurde doch nichts daraus. Also entschied sich Julian für ein Studium: Volkswirtschaftslehre. Nebenbei arbeitete er schon für die Augsburger Allgemeine und schloss letztlich sein Volontariat daran an. Im vergangenen Jahr schrieb er für die Rieser Nachrichten in Nördlingen. Fun Fact: Er hat ein kleines Problem mit dem FC Bayern, denn er ist Bayer Leverkusen Fan.

Jeden Tag ein Abenteuer

Des Volontärs neue Freundin

Ein Monat mit der neuen Flamme. Bild: Michael Hochgemuth

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Wie ein Gewehr hängt die Kamera an dem Gurt über meiner Schulter. Jederzeit bereit um auszulösen – für den richtigen Schnappschuss, versteht sich. Die Baustelle am Augsburger Hauptbahnhof, die Passanten der Annastraße, Tiere im Zoo: Nichts ist sicher vor mir und meiner neuen Wegbegleiterin, einer Nikon D 750. Seit Beginn des Monats bin ich in der Stadtredaktion der Augsburger Allgemeinen in Augsburg. Für mich persönlich ist das ein Coming-Home. Die Tastaturen, die Stühle, der Teppichboden, all das ist mir vertraut, es fühlt sich heimelig an. Vor einigen Jahren absolvierte ich ein Praktikum in der Redaktion, im Anschluss kümmerte ich mich um die Jugendseite K!ar.text. Nun sitze ich als Volontär der Günter Holland Journalistenschule eine Schreibtischlänge von meinem früheren Platz entfernt und schreibe nicht, sondern fotografiere.

Fotografieren gehört als Volontär der Günter Holland Journalisten Schule dazu

Im Grunde ist das eigentlich nichts Neues. Im ersten Jahr des Volontariats an der GHJS gehört ein Fotoapparat in fast allen Lokalredaktionen zur Grundausstattung. Diese Kameras sind aber deutlich kleiner und handlicher als meine neue „Freundin“. Der Motor des Geräts wiegt gefühlt so viel wie ein Sixpack Wasser. Wenn ich damit durch die Stadt laufe, fühle ich mich zwar wie ein Sheriff, in Wirklichkeit muss ich aber aufpassen nicht abzudriften, nach links oder nach rechts, je nachdem welche meiner Schultern die Kamera beansprucht.Die Kamera stets an seiner Seite. Bild: Michael Hochgemuth

In meiner Zeit in der Lokalredaktion in Nördlingen achtete ich immer darauf, die Menschen in einer aussagekräftigen Pose auf dem Bild einzufangen. Dafür stellte ich einen automatischen Modus an der Kamera ein und fertig. Die Ergebnisse waren in Ordnung. Es war eine Art Rezept, auf das ich mich verlassen konnte.

Im Fotomonat der Augsburger Allgemeinen lernt ein Volontär viel dazu

An der D 750 ist das anders. Ich setze mich nun mit der Belichtungszeit und der Blende auseinander. Die Fotos können sich zeigen lassen: Ich knipse Bilder mit Tiefenschärfe, Fotos die nicht nur im Zusammenspiel mit einem Zeitungsartikel einen Sinn ergeben, sondern eine eigene Geschichte erzählen, vielleicht keine ganze Reportage, aber ein Auszug aus dem Leben der Fotografierten. Dabei fokussiere ich mich nicht ausschließlich auf die Technik. Manchmal reicht ein einfacher Perspektivwechsel, der das Motiv in einem anderen Kontext widerspiegelt, ähnlich wie in einem Artikel, bei dem man als Autor eine Szene von außen betrachtet und im nächsten Absatz ganz nah an die beteiligten Personen herantritt.

Die Nikon wird mich noch bis Ende des Monats begleiten. Dann werde ich den Gurt von der Schulter streifen und sie zurück in ihren Schrank legen – gut aufbewahrt, um dem nächsten GHJS-Volontär jede Menge Freude zu bereiten.

Fliegendes Klassenzimmer

Volontäre ohne Navi in Berlin unterwegs

Die Einführungswochen an der Günter Holland Journalistenschule sind vorbei, die ersten beiden Monate in der Lokalredaktion haben wir hinter uns, und schon werden wir Volontäre für eine Arbeitswoche in die große weite Welt hinausgeschickt. Genauer gesagt nach Berlin. Für mich grenzt das an einen Kulturschock.


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Die Einführungswochen an der Günter Holland Journalistenschule sind vorbei, die ersten beiden Monate in der Lokalredaktion haben wir hinter uns, und schon werden wir Volontäre für eine Arbeitswoche in die große weite Welt hinausgeschickt. Genauer gesagt nach Berlin. Für mich grenzt das an einen Kulturschock: Ich komme aus einem 200 Einwohner-Dörfchen am Bodensee, und nun soll ich mich in einer 3,6 Millionen Einwohner-Stadt zurechtfinden. Aber zum Glück bin ich nicht alleine, beide Volontärsjahrgänge der Augsburger Allgemeinen, die Allgäuer Volos, Frau Sayle und der Busfahrer „Ali“ (kommt von Alfred und kennt sich in Berlin aus: „Ich fahre so oft in die Hauptstadt, da brauche ich kein Navi mehr.“) sind dabei. Wir, allen voran ich, waren im Vergleich zu „Ali“ dafür umso mehr auf Google Maps angewiesen.

Während unserer „Arbeitszeit“ hatten wir eigentlich nur eine wichtige Aufgabe: Wir mussten pünktlich im Bus sitzen. Dann wurden wir in einem streng getakteten Zeitplan zwischen Stasi-Museum, Bundestag, Bundeskanzleramt, Checkpoint Charlie und weiteren Sehenswürdigkeiten herumgekarrt. Manches Mal waren wir in dieser Zeit auch zu Fuß unterwegs, etwa vom Brandenburger Tor aus über das Denkmal für die ermordeten Juden Europas zur Panorama Ausstellung „Die Mauer“ in der Friedrichstraße. Allerdings fanden wir diese Ziele mithilfe unserer Stadtführerin auch fernab des Buses ohne große Mühen. Am Abend gestaltete sich das schon schwieriger. Speziell der erste Abend nach unserer Ankunft war in Sachen Orientierung ein einziges Debakel. Also von vorne: Wir Volontäre hielten es für eine gute Idee, am Abend eine Kneipe zu suchen und auf eine tolle Woche anzustoßen. Kneipen in Berlin zu finden, solle leicht sein – haben sie gesagt. Es solle viele verschiedene davon geben – haben sie gesagt. Also machten wir uns auf die Suche: im Internet auf Google. Laut Maps war die anvisierte Bar 700 Meter vom Hotel entfernt, immer geradeaus und an einer großen Kreuzung links. Fußweg rund zehn Minuten. Anfangs hielten wir, fast 30 angehende Redakteure, es für eine gute Idee drauflos zu laufen. „Das finden wir schon“, war das Motto. Nach einiger Zeit, als die Nacht bereits hereinbrach und die Umgebung eigenartiger wurde, kamen dem einen oder anderen doch Zweifel, ob wir noch auf dem rechten Weg seien .

Zunächst standen immer mehr junge Frauen am Straßenrand – Autos hielten an und nahmen die Frauen mit, dann blinkte die Leuchtwerbung eines riesigen Erotikshops an einer großen Kreuzung, und links in der Straße war alles voller Spielotheken und Wettbüros. Wir waren bereits eine gefühlte Stunde auf den Beinen, als uns eine einzigartige Idee kam: Nachdem der Orientierungssinn offenbar versagt hatte, der Busfahrer bereits schlief und die Stadtführerin wohl auch nicht vorbeikommen wollte, entschieden wir uns doch, noch einmal aufs Navi zu schauen – und siehe da, nach wenigen Minuten fanden wir unser Ziel. Nur einen Tisch gab es nicht für uns. Wir waren dem Besitzer wohl zu viele Menschen. Letztlich fanden wir nach Irrungen und Wirrungen ein kühles Bier in einem griechischen Restaurant.

Das war allerdings nur der erste Abend, der exemplarisch für drei weitere stand. Am Ende kannte ich mich jedenfalls so gut in Berlin aus, dass ich sogar noch den Versuch wagte, fernab der Gruppe einen alten Schulfreund zu treffen und das ohne Navi. Auf dem Weg nach Hause konnten die Volontäre sich dann wieder in Ruhe zurücklehnen, denn „Ali“ war am Steuer – und wir sind mittlerweile wieder wohlbehütet in unseren Lokalredaktionen untergebracht.