Philipp Wehrmann

Philipp Wehrmann hat innerdeutschen Migrationshintergrund: die Mutter aus Baden-Württemberg, der Vater aus Niedersachsen, geboren in Hessen und aufgewachsen im Donau-Ries, der Herzkammer Bayerisch-Schwabens. Der 24-Jährige hat in Aachen und Köln Volkswirtschaftslehre studiert, bis er in der Heimat als Praktikant für die Rieser Nachrichten arbeitete. Nun ist er vom unteren Ende der Nahrungskette eine (kleine) Stufe aufgestiegen und schreibt im ersten Jahr seines Volontariats für die Günzburger Zeitung. Neben dem Autofahren, um zur Arbeit zu gelangen, verbringt er seine Freizeit gerne mit Fotografie, seinem Schlagzeug und Fahrradtouren.

Jeden Tag ein Abenteuer

Volos zittern bis zum Abpfiff

FC Augsburg gegen Werder Bremen: Eine Zitterpartie für die Zuschauer. Foto: Stephanie Lorenz

Die Volontäre der Günter Holland Journalistenschule besuchten das Spiel des FC Augsburg gegen Werder Bremen. Vorab sprach der Chef der Presseabteilung des FCA über seine Arbeit. Warum die Volontäre 90 Minuten zitterten, obwohl der Ausgang des Spiels früh ersichtlich war, erzählt Philipp Wehrmann.

Ist das der falsche Termin? Das Überlebenstraining für Journalisten bei der Bundeswehr ist doch erst im Juli! Die Volos der Günter Holland Journalistenschule fürchten sich beim Besuch des FCA-Heimspiels gegen Werder Bremen kältebedingt trotzdem schon um ihr Leben, oder sich zumindest vor einer Erkältung. Nicht ohne Grund: Der Volontär der Donau Zeitung muss seitdem vertreten werden.
11.30 Uhr: 36 Volos treffen sich mit ihrer Chefin Stefanie Sayle, Leiterin der Günter Holland Journalistenschule, vor dem Fanshop des FC Augsburg. Einer von ihnen entdeckt den kleingedruckten Vermerk „Ehrenkarte“ auf den Tickets – dann vergewissert sich jeder, dass auch ihm dieser gebührende Respekt zuteilwird. Kurz durch die Ticketkontrolle, abtasten lassen, ab in das große Gebäude im Stadion. Hier trifft sich im Obergeschoss die Augsburger Schickeria, unten tummeln sich später Journalisten und versuchen, die Fußballer im Mixed-Bereich vor den Kabinen abzupassen. Doch noch ist das Spiel einige Stunden entfernt. Dominik Schmitz, Pressesprecher des FC Augsburg, begrüßt die Nachwuchsjournalisten. Er führt sie in den Raum, in dem normalerweise die Pressekonferenzen stattfinden. Neben ihm sitzen Stefanie Sayle und die beiden Sportredakteure, die heute über den FC Augsburg schreiben, Wolfgang Langner und Robert Götz. Heute residieren sie dort, wo sich sonst Trainer nach dem Spiel freuen oder ärgern.

Die Arbeit der Vereinsfunktionäre und Journalisten hat sich gleichermaßen verändert

Zunächst spricht Schmitz über seinen Werdegang. Auch er fing als Volontär an, allerdings bei einer Sportnachrichtenagentur. Dann ging er zum FC Augsburg und war zunächst als Einzelkämpfer für die Öffentlichkeitsarbeit des FCA zuständig, nachdem der Mannschaft 2006 der Aufstieg in die zweite Liga gelungen war. 2011 folgte dann der Aufstieg in die erste Bundesliga. Seine Arbeit habe sich dadurch fundamental verändert, sagt er.
Langner und Götz schildern ähnliches aus der Perspektive der Journalisten. Früher sei man zu den Spielen mit Landkarten auf dem Schoß durch die Dörfer getingelt. „Irgendwie haben wir auch die entlegensten Plätze gefunden“, sagt Langner. Für Interviews ist man nach dem Training einfach zu der Mannschaft auf den Platz gegangen. Heute sieht das anders aus. Alles ist reguliert, Gespräche mit Spielern müssen Tage vorab angemeldet und genehmigt werden, die zahlenden Fernsehsender sind im Stadion privilegiert. Dazu kommt, dass nur selten Information über den FCA nach außen dringen.

Junge Spieler sind den Umgang mit Journalisten nicht gewöhnt

„Das ist unser Erfolgsrezept“, sagt Schmitz. Sickere auch nur ein Gerücht über Ambitionen des FCA durch, einen jungen Spieler zu günstigen Konditionen zu verpflichten, sei dieser nur Tage später bei einem Konkurrenzverein. Deshalb kommentiere man grundsätzlich keine Transferspekulationen. Außerdem sei es besonders wichtig für den Verein, junge Spieler vor unnötigen Stress durch die Medien zu schützen. „Man glaubt es nicht, aber manche sind sehr aufgeregt bei Interviews.“ Etwa 15 Mal öffnet sich während des Gesprächs die Tür des Konferenzraumes. Journalisten in Warnwesten blicken erstaunt in den gefüllten Saal, der sonst ihnen gehört, und schließen dann wieder die Tür.
14 Uhr, noch 90 Minuten bis zum Anpfiff. Den warmen Konferenzsaal müssen die Volos verlassen, doch wohin jetzt? Einige finden Unterschlupf im Fanshop, andere pferchen sich ins Nebengebäude hinein. Um etwas zu essen zu bekommen, muss man in der WWK-Arena gegen Pfand eine elektronische Bezahlkarte nutzen. Die Gebühr und verbleibendes Guthaben bekommt man zwar ab Beginn der zweiten Spielhälfte an einem Kassenhäuschen wieder zurück – wie sich später herausstellt, verpasst man dafür aber 20 Minuten Spielzeit, weil das Häuschen doch erst später öffnet.

FC Augsburg verliert enttäuschend

Überlebenstraining im Stadion: Die Volontäre haben mit klappernden Zähnen, kalten Füßen und einer enttäuschenden Partie zu kämpfen. Foto: Ulrich Wagner

Das Spiel ist aus Sicht des FC Augsburg schnell zusammengefasst: eine Katastrophe. Nur in den fünf Minuten, die auf das Tor der Augsburger zum 1:2 folgen, strahlt die Mannschaft etwas Hoffnung aus, um nur wenig später das besiegelnde 1:3 zu kassieren. (Den vollständigen Spielbericht seht ihr hier) Ein Stadionbesuch als Arbeitstag, eigentlich eine erfreuliche Abwechslung zum Redaktionsalltag – doch bei Minusgraden, kaltem Wind und diesem Spiel sehnen die meisten Volontäre den Schlusspfiff herbei. Eigentlich war danach die Möglichkeit angedacht, die Pressekonferenz per Livestream zu verfolgen. Doch zur Erleichterung der Volos sagt Stefan Sayle: „Ich glaube, wir sind jetzt alle bedient.“ Was hängen bleibt, ist die Erkenntnis, dass die vermeintlichen Stars teilweise in einem Alter sind, in dem die größte Sorge der meisten Journalisten die bevorstehende Abiturprüfung war – ständige Interviews mit der Gefahr, unbedachte Dinge zu sagen, mussten sie an diesem Samstag nicht befürchten. Und dass man im Winter im Schneeanzug ins Stadion gehen sollte.