Tom Trilges

Tom Trilges, Jahrgang 1994, ist in Mönchengladbach am linken Niederrhein aufgewachsen. Studiert hat der Borussia-Fan – für ihn gibt es selbstverständlich nur eine davon – in der Stadt des größten fußballerischen Rivalen: Köln. Neben dem Studiengang Sportmanagement und Sportkommunikation verfolgte er bereits seinen Kindheitstraum, als Redakteur zu arbeiten. Er sammelte erste journalistische Erfahrungen bei der Rheinischen Post, dem Mönchengladbacher Lokalradio 90,1 und dem Playboy. Das Klischee der rheinischen Frohnatur kann er kaum von sich weisen: Er ist Mitglied eines Karnevalsvereins und eines Kegelclubs. Derzeit freuen sich die Kollegen der Friedberger Allgemeinen über etwas frischen Wind aus Nordwesten.

Nach Redaktionsschluss

Volontär findet zweite Heimat: 570 Kilometer von einer Familie zur anderen

Mit seinen Volontärskollegen Tanja Ferrari und Christoph Lotter verbrachte Tom Trilges Ende Juli einen schönen Tag auf der Insel Mainau am Bodensee. Foto: Tanja Ferrari

Volontär Tom Trilges hat Ende vergangenen Jahres schweren Herzens den Niederrhein verlassen und ist nach Augsburg gezogen. Dadurch hat er nichts verloren, sondern eine zweite Heimat dazugewonnen.

Volontär Tom Trilges hat Ende vergangenen Jahres schweren Herzens den Niederrhein verlassen und ist nach Augsburg gezogen. Dadurch hat er nichts verloren, sondern eine zweite Heimat dazugewonnen.

Es war ein großer Schritt für ein verwöhntes Einzelkind, im Dezember 2018: Nach 24 Jahren, in denen ich mein Elternhaus in Mönchengladbach nie für längere Zeit verlassen hatte, endete die Wohlfühl-Oase: Bayern sollte es sein – ich hatte mich für ein Volontariat bei der Augsburger Allgemeinen entschieden.

570 Kilometer fuhr ich am zweiten Weihnachtstag hinunter und landete in einer mir völlig fremden Stadt. Die ersten Tage vor dem Beginn meiner Ausbildung verbrachte ich noch mit der Familie, doch ab Neujahr war ich nach einem schwierigen Abschied endgültig auf mich gestellt.

Bayern ist schön, aber die Menschen machen es aus

Achteinhalb Monate ist das jetzt her – und ich bin immer noch in Augsburg. Doch mehr als das: Stadt und Umland sind für mich bereits so etwas wie eine zweite Heimat geworden. Das liegt unter anderem an den wunderbaren Ausblicken im Wittelsbacher Land, den Alpen in der Nähe – in denen ich im Sommer regelmäßig Berge besteige und im Winter von den Gipfeln auf Skiern hinunterdüse – und dem vorzüglichen Schinken meines Stamm-Metzgers auf dem Augsburger Stadtmarkt.

Der Hauptgrund dafür, dass ich meinen Freunden am Niederrhein leider sagen muss, dass ich so schnell wohl nicht zurückkehre, sind aber die Menschen, die ich in den vergangenen Monaten kennenlernen durfte.

Aus neuen Kollegen werden im Volontariat Freunde

Zum einen sind da die elf Kollegen, mit denen gemeinsam ich am 2. Januar mein Volontariat bei der Augsburger Allgemeinen begonnen habe. Heute darf ich über manche von ihnen sagen: Sie sind echte Freunde geworden. Schon jetzt blicke ich zurück auf einzigartige Erinnerungen.

Aus Kollegen werden Freunde: Die Volontäre Tanja Ferrrari, Christoph Lotter (Mitte) und Tom Trilges verbringen gerne ihre Zeit zusammen - auch nach Feierabend. Foto: Tanja Ferrari

Besonders gern denke ich an einen Tag am Bodensee mit den Volontären Tanja Ferrari und Christoph Lotter. Tanja hat uns im Juli zu ihrer Familie nach Hause eingeladen und nach einem herzlichen Empfang sowie einem Frühstück auf der Terrasse die Insel Mainau gezeigt. Bei strahlendem Sonnenschein staunten wir über die bunte Blumenpracht und tranken ein kaltes Bier in der Sonne.

Christophs Augen leuchteten, als er in das Alpaka-Gehege ging und die (für ihn) niedlichsten Tiere der Welt streicheln durfte – ich war dagegen völlig in meiner Welt, als im Schmetterlingshaus mehrere der kleineren und größeren Falter kurz hintereinander auf meinen Fingern Halt machten und ich sie aus nächster Nähe bewundern konnte. Kurzum: Es waren faszinierende Stunden mit lieben Menschen an meiner Seite.

Von pinken Zahnbürsten und rosa Yogadecken

Um Tanja nicht in ein schlechtes Licht zu rücken, habe ich ihr übrigens versprochen nicht zu erwähnen, dass sie mir am Bodensee eine pinke Kinderzahnbürste gekauft hat, um mich einmal mehr zu blamieren. Schockiert war ich allerdings nicht mehr, hatte sie mir doch in Augsburg wenige Wochen zuvor eine rosa Yogadecke geschenkt, die ich seither jeden Sonntag in unserem gemeinsamen Kurs an der VHS benutzen muss. Aber ich schweife ab …

Wer steckt da unter einer Decke? Ein Volontär? Foto: Tom Trilges

Um nicht zu ausschweifend zu werden, erwähne ich die Skitour ins Zillertal, die teils feucht-fröhlichen Abende in unserem Augsburger Stammlokal und die zwei Wochen Seminar im fränkischen Kulmbach mit drei ebenfalls sehr geschätzten Kollegen nur am Rande.

Diese Episoden und noch viele mehr bringen mich jedoch dazu festzuhalten: Unsere Ausbildungsleiterin Stefanie Sayle hat in diesem Jahr kompetente Jungjournalisten für die Augsburger Allgemeine gewonnen – vor allem aber tolle Persönlichkeiten.

Große Wertschätzung in der Friedberger Lokalredaktion

Nicht nur mit den Mitarbeitern in meinem Alter verbinde ich schöne Momente. Den Weg in die Friedberger Lokalredaktion, in der ich noch bis Ende Januar mein Tagwerk vollbringe, bestreite ich täglich mit prächtiger Laune. Neben der Tatsache, dass ich dort dem besten Beruf auf der Welt nachgehen kann, freue ich mich immer wieder auf meine so unterschiedlichen, aber alle gleichermaßen angenehmen Kollegen.

Von der ersten Minute an haben sie mir als Person und Journalist ihre uneingeschränkte Wertschätzung entgegengebracht. In der Zwischenzeit verbindet mich mit ihnen weit mehr als ein konstruktives Arbeitsverhältnis.

Altstadtfest Friedberg: Intensive Tage, unvergessene Abende

Nicht missen möchte ich beispielsweise die Golfrunden mit Sportredakteur Peter Kleist. Wenn wir mal zur selben Zeit frei haben, was leider nicht allzu oft der Fall ist, genießen wir die Idylle auf dem rund 80 Hektar großen Areal und nehmen „ein Vollbad in der Natur“, wie wir es gerne nennen. Peter wird mir nicht böse sein, wenn ich gestehe: Wir gehören bestimmt nicht zu den versiertesten Golfspielern im Club, aber ganz sicher zu denen, die bei ihrem Hobby am meisten lachen.

Auch berufliche Erlebnisse können zusammenschweißen. Mit der stellvertretenden Redaktionsleiterin Ute Krogull begleitete ich im Juli zehn Tage lang das bedeutendste aller Friedberger Ereignisse – das Altstadtfest, das nur alle drei Jahre stattfindet.

Volontär Tom Trilges war als Reporter auf dem Friedberger Altstadtfest unterwegs. Foto: Tom Trilges

Für uns beide bedeutete das eineinhalb Wochen, die fast wie WG-Leben anmuteten. Der Umfang der Berichterstattung über die Veranstaltung ist schlicht enorm und für zwei Reporter eine echte Herausforderung. Nach getaner Arbeit gegen 23 Uhr kehrten wir meist im Hafnergarten ein, in dem Familie Losinger ihre Schänke betrieb. Bei deftigem Essen und einem kühlen Getränk redeten wir über die Arbeit, über Friedberg, manchmal aber auch einfach über Gott und die Welt – unbezahlbar.

Die Friedberger machen es einem Volontär leicht

Im Trubel des Altstadtfestes wurde mir auch die Willkommenskultur der Friedberger so richtig bewusst. Selten schaffte ich es, länger als eine halbe Minute mit meinem Block durch die Straßen zu ziehen, ohne dass mich jemand ansprach. Mit Bürgermeister Roland Eichmann, Stadtpfarrer Steffen Brühl, den Geschäftsleuten, bei denen ich regelmäßig meine Einkäufe erledige, und so vielen mehr führte ich nette Gespräche.

Für mein Video-Interviewformat „Ratsch am Marienplatz“, bei dem ich mich täglich mit einem beim Fest Aktiven austauschen wollte, fragte ich zehn Gäste an – und erhielt zehn Zusagen. „Ich freue mich drauf“ oder „Toll, dass Sie das machen“ waren die häufigsten Reaktionen. Alles in allem für mich eine beeindruckende Erfahrung, hatte ich doch zuvor erst rund fünf Monate in Friedberg verbracht.

Traditionsgemäß kostümiert und den Maßkrug in der Hand: Tom Trilges hat sich schnell in die Friedberger Stadtkultur eingelebt. Foto: AZ

Der Abschied aus Schwaben fällt inzwischen schwer

Selbst Volontäre nehmen sich ab und zu eine Auszeit und machen Urlaub. Mit guten Wünschen verabschiedeten mich die Kollegen in Friedberg Ende August für neun Tage. Ute Krogull umarmte mich noch und sagte: „Genieß die Zeit, Du hast es Dir verdient.“ Am nächsten Tag brach ich auf in Richtung Mönchengladbach – und fühlte mich beinahe, als würde ich meine Heimat verlassen in eine 570 Kilometer entfernte, fremde Stadt.

Ganz so schlimm war es schließlich nicht, denn nach rund fünf Stunden Fahrt warteten meine Eltern schon gebannt auf mich, hatten mein Zimmer hergerichtet und einen Tisch bei meinem Lieblingsitaliener reserviert. In den Folgetagen traf ich alte Freunde und war beruhigt: Alles fühle sich an wie früher. Wie Zuhause.

Nach rund 100 Stunden im Rheinland hob ich mit vier Jungs aus unserem Kegelverein von Düsseldorf ab nach Valencia und genoss dort mit ihnen Paella in rauen Mengen, das Bad in einem kühlen Bergsee und stundenlange Beachvolleyball-Matches.

Den Kontakt zu alten Freunden in seiner ersten Heimat Mönchengladbach pflegt Tom Trilges (Dritter von links) immer noch. Foto: Trilges

Zuhause in Mönchengladbach und AugSCHburg

Vor meiner Abfahrt nach Bayern sagte einer der Kegelfreunde zu mir: „Viel Spaß bei Deinen AugSCHburger Jungs.“ Ich machte mich auf den Rückweg. Mit Wehmut, Familie und Freunde aus Nordrhein-Westfalen wieder für Wochen oder Monate nicht zu sehen. Und mit Vorfreude auf das, was mich in Augsburg erwarten würde – eine Art zweiter Familie. Was kann es Schöneres geben?

Nach Redaktionsschluss

Tolle Volo-Skitour trotz Pannen

Bevor sich der Winter verabschiedet, wollten drei Jungvolontäre der Günter Holland Journalistenschule jetzt noch einmal seine schönsten Vorzüge genießen: Brigitte Mellert, Daniel Weber und Tom Trilges fuhren nach Hochfügen ins Zillertal. Früh aus den Federn und ab mit dem Auto in die Berge Tirols. Sogar miteinander gesprochen wurde auf der Fahrt – bei einem Start […]

Bevor sich der Winter verabschiedet, wollten drei Jungvolontäre der Günter Holland Journalistenschule jetzt noch einmal seine schönsten Vorzüge genießen: Brigitte Mellert, Daniel Weber und Tom Trilges fuhren nach Hochfügen ins Zillertal. Früh aus den Federn und ab mit dem Auto in die Berge Tirols. Sogar miteinander gesprochen wurde auf der Fahrt – bei einem Start um 7 Uhr keine Selbstverständlichkeit, saß doch Morgenmuffel Tom Trilges am Steuer. Schnell konnten alle vom stressigen (aber freilich wunderschönen) Volo-Alltag bei der Augsburger Allgemeinen abschalten.

Ohne Skier fährt es sich schlecht

Um Punkt 10 Uhr standen die drei Sportoholics wie geplant auf der Piste, bis dahin hätte es nicht besser laufen können. Pünktlichkeit ist für AZ-Volos ja ohnehin eine selbstverständlich und selbst in der Freizeit färben die Unternehmenstugenden offensichtlich schon im besten Sinne ab. Allerdings ist ein Ausflug bekanntlich erst dann ein richtig guter, wenn er auch an der ein oder anderen Stelle vom Plan abweicht. Gesagt, getan: Oben auf dem Gipfel angekommen, stürzte sich Tom Trilges gleich mal wagemutig den Hang hinab. Doof nur, dass er seine Bindungen nicht richtig gecheckt hatte. Am hohen Tempo änderte das für einige Sekunden zwar nichts, unglücklicherweise waren ihm aber nach wenigen Metern die Bretter unter den Füßen abhandengekommen. Und so staunten die Kollegen Mellert und Weber nicht schlecht über diesen Kerl, den sie da auf der Piste herumrollen sahen, bis er schließlich nach geschätzten 50 Metern zum Liegen kam.

Berg hochstapfen statt herunterfahren

„Nix passiert“, sagte Trilges dann zwar zu den anderen beiden, als die ihn erreichten. Trotzdem gehört so viel Dummheit selbstverständlich bestraft. In diesem Fall hieß das: die ganze Strecke mit den falsch eingestellten Skiern wieder hochstapfen, während Mellert und Weber schon freudig ihre Schwünge ins Tal zogen. Oben schweißnass angekommen, traf Trilges auf einen außerordentlich verständnisvollen Mitarbeiter am Lift. „Naa, des geht net“, antwortete er in feinstem Tiroler Dialekt auf meine Frage, ob ich denn freundlicherweise ausnahmsweise mit dem Sessel wieder herunterfahren dürfe. Nach reichlich Überzeugungsarbeit ließ sich der Mann dann doch breitschlagen – wobei er seither nicht mehr sonderlich gut auf Trilges zu sprechen sein dürfte.

Lieber Germknödel als Aprés-Ski

Eine halbe Stunde und etliche Flüche von Trilges später war dann alles bereitet: Es konnte losgehen – zum zweiten Mal. Der Ärger verflog in der Folge schnell, zu traumhaft die fast einsamen Skipisten in Hochfügen an diesem Tag. Gegen 13.30 Uhr waren die Kräfte dann so weit geschwunden, dass die Jungvolos sich eine wohlverdiente Hüttenpause gönnten. Laut dröhnten Aprés-Ski-Hits aus einem Pavillon. „Na, wie sieht’s aus?!“, fragte Trilges mit glänzenden Augen. Die für ihre besonnene Art unter den Kollegen geschätzten Mellert und Weber wussten Trilges gekonnt zu bremsen, sodass sich alle wenig später im Inneren der Hütte – dem ungleich gediegeneren Teil – wiederfanden.

„Eberhard“ mag Skifahrer wohl nicht

Gut gestärkt mit Nudeln, Gulaschsuppe beziehungsweise Germknödel sollte später die zweite Etappe beginnen. Ein Herr Namens „Eberhard“ wusste dies jedoch zu verhindern: Der Sturm blies am Nachmittag derart stark, dass um 15 Uhr Schicht im Schacht war mit den Bergfahrten. Während Mellerts leicht angeschlagene Knie sicherlich eher wenig trauerten, waren Weber und Trilges doch recht enttäuscht über das jähe Ende des Skitages und damit der ganzen Wintersport-Saison. Um den Gästen den Abschied ein wenig zu erleichtern, spielten die Wirte in ihren Hütten im Tal dann allerdings gekonnt ihre Top-Ten-Rausschmeißer-Songs mit Schmankerln wie „Atemlos“ oder „Cowboy und Indianer“ – das Umziehen dauerte folglich gefühlte 30 Sekunden. „Bloß weg hier“, sagte Weber zu den anderen beiden mit einem Augenzwinkern.

Zufrieden und mit besten Aussichten zurück in Augsburg

Nach einer reibungslosen Rückfahrt ins bayerische Schwabenland kamen Mellert, Weber und Trilges trotz aller Widrigkeiten und akustischen Zumutungen merklich entspannt und zufrieden an. Das lag neben dem tollen Tag vermutlich an der Aussicht auf die besten Arbeitsplätze der Welt, die die drei ab dem darauffolgenden Montag wieder beziehen durften. Für den kommenden Winter sucht der „Volo-Skiclub“ übrigens noch Verstärkung, dann soll es zum Tourenwandern gehen. Fest steht schon jetzt, dass Tom Trilges sein Material dann im Vorfeld genaustens unter die Lupe nehmen wird.

Fliegendes Klassenzimmer

Kulmbacher Bratwurstklänge

Stefan Battistellas Imbiss in Kulmbach ist mehr als ein Ort, an den die Menschen gehen, um ihren Hunger zu stillen. Rund um den Laden tobt das Leben wie bei einem Konzert. Stefan Battistella ist Imbissbudenbetreiber. Er ist Straßenmusiker. In einer Band. In Kulmbach. Sein Trio spielt täglich zehn Stunden. Er. Der Grill. Und der Duft. […]

Stefan Battistellas Imbiss in Kulmbach ist mehr als ein Ort, an den die Menschen gehen, um ihren Hunger zu stillen. Rund um den Laden tobt das Leben wie bei einem Konzert.

Stefan Battistella ist Imbissbudenbetreiber. Er ist Straßenmusiker. In einer Band. In Kulmbach. Sein Trio spielt täglich zehn Stunden. Er. Der Grill. Und der Duft. Auf zehn Quadratmetern. Auf dem Marktplatz. Stefan Battistella ist der Leadsänger. Die Menschen lieben ihn. Er ist ein Entertainer, der mit dem Publikum spielt. Stefan Battistella ist Imbissbudenbetreiber. Ohne ihn wird es hier weniger Leben geben. Aber ein paar Jahre tritt er noch auf. Mit dem Grill. Und dem Duft. Und heute mit mir. Ich darf mit auf die Bühne. Für ein paar Songs.

Ein bekannter Song auf dem Kulmbacher Marktplatz

Um 11.34 Uhr schreitet eine blonde Frau über den Kulmbacher Marktplatz. Sie dürfte um die 40 Jahre alt sein. Ihr Haar weht. Sie geht schnell. Eine zarte Priese zieht über den sonnengefluteten Platz. Die blonde Frau strahlt, als sie in Richtung Bühne läuft. In Richtung Imbiss. Sie kennt Stefan Battistella. Sie liebt seine Band. Aber am meisten liebt sie Battistella mit seiner unverwechselbaren Art. Sie liebt auch seinen größten Hit. Und sie will ihn hören. Jetzt, um 11.34 Uhr, sollen Stefan Battistella und seine Kollegen ihn spielen.

Jeder in Kulmbach kennt diesen Hit. Kennt die Kulmbacher Bratwurst. „A Boar“. Ein Paar. Andere bereiten tagtäglich anderswo in der Stadt die Kulmbacher Bratwurst zu. Aber die blonde Frau will sie nur von Stefan Battistella haben. Weil er sie so toll macht. Mehr aber noch, weil Stefan Battistella sie zum Strahlen bringt. „A Boar, bitte“, sagt die blonde Frau also. So heißt er, der Song. Den jeder kennt. Battistella lächelt. Die blonde Frau auch.

Eine zehn Quadratmeter große Bühne

Das Trio fängt an. Es beherrscht den Hit aus dem Effeff. Jeder Handgriff sitzt, jeder Ton klingt, wie er klingen soll. Jeden Tag. Auf dem Marktplatz in Kulmbach. Auf einer runden Bühne von zehn Quadratmetern. Zehn Stunden lang. Der Grill zischt saftig, aber auch stechend, als Battistella die dünne, lange und blass rosafarbene Bratwurst darauf legt. Kulmbacher Bratwürste sind ganz besonders fein, darum gehören sie im Gegensatz zu vielen anderen fränkischen zu den sogenannten „katholischen Bratwürsten“. Sie schemcken nicht ganz so saftig und deutlich milder als die meisten anderen.

Die blonde Frau hört dem Grill gern zu. Aber sie kommt nicht wegen ihm. Sie kommt auch nicht wegen des Dufts. Dabei könnte sich sein Klang könnte nirgends so gut entfalten, so intensiv, wie auf dieser kleinen Bühne. Einem Pavillon. Zehn Quadratmeter. Battistella öffnet ein Fenster. Der Duft verteilt sich dadurch stärker. Er ist weniger intensiv. „A Boar“ klingt nun anders. Etwas seichter vielleicht. Die blonde Frau liebt diesen Song. So oder so. Sie kommt wegen Battistella.

Stefan Battistellas Imbissbude liegt mitten auf dem Kulmbacher Marktplatz.

Mehr als ein Imbiss auf dem Kulmbacher Marktplatz

Battistella und die Frau sprechen vom nahenden Altstadtfest. „Der von nebenan kann ja gerne alles Mögliche verkaufen. Aber keine Bratwürste. Da soll er sich dran halten“, sagt Battistella. „Klar, ich kümmere mich darum“, antwortet die blonde Frau. Sie arbeitet bei der Stadt. Battistella findet seine gute Laune schnell zurück. Er wirkt selbst dann nicht ärgerlich, wenn er sich ärgert.

Die Bratwurst ist fertig, jetzt leicht angebräunt, aber nicht zu sehr. Sie entwickelt nur einen schwachen Glanz, denn aus ihr trieft weniger Fett als aus so vielen anderen Bratwürsten. Ihre zu Beginn so glatte Oberfläche ist nun etwas schrumpelig. „Sie nehmen sie mit?“, fragt er. „Genau, wie immer.“ „Hier bitte sehr, einen schönen Tag wünsche ich Ihnen“, sagt Battistella. Die blonde Frau hat wenig Zeit. Sie geht in der Mittagspause zum Pavillon, in dem Battistella spielt. Als der Song vorbei ist, gibt sie Battistella ein paar Münzen. Battistella legt diese in seine Kasse. Er lächelt. Die blonde Frau auch. Sie geht in Richtung Brunnen. Mit wehendem Haar.

Battistella ist ein Mann, dem man gerne zuhört

Ich sitze ganz hinten auf der Bühne. Gerade ist kein Publikum da. Die Kirchenglocken läuten zwölf Mal. Dabei entfalten sie einen schweren Klang. Nichts für Feinschmecker. Battistella und Band legen eine Pause ein. Der schmale Mann mit der dunkelblauen Schürze über seiner Jeans, den wachen Augen und dem Dreitagebart dreht sich zu mir um.

„Wissen Sie, warum die Bratwurst ‚Bratwurst‘ heißt?“ Ich überlege. Zumindest scheinbar. Denn ich weiß es nicht. Das weiß ich. „Das kommt vom Brät, das man in die Wurst füllt. Nicht vom Braten, wie jeder denkt.“ Die etwa 50 Gramm schwere Füllung der Kulmbacher Bratwurst besteht zu großen Teilen aus Schweinefleisch.

Bald ist Schluss mit Battistellas Straßenmusik

Zwischendurch spielt Battistella mit seinen Kollegen noch ein anderes Stück – „Cheeseburger mit wenig Ketchup“ heißt es. Die Kulmbacher kennen dieses Lied, es ist aber nicht von hier. Und auch kein echter Hit. Ein Song, den Coverbands spielen können. Sicher, gekonnt und souverän liefert das Trio ab. Battistella schaut wieder zu mir. „Das Wetter ist ja klasse. Aber wenn es später schlechter wird, wie die angesagt haben, dann stehst du da mit deinem Talent.“

Wenn es gerade ruhig ist, spricht Battistella über Gott und die Welt. Mal die kleine Welt einer oberfränkischen Kleinstadt. Mal die große mit all ihren Problemen. „Wenn ich hier aufhöre, dann war’s das wohl. Meine Kinder übernehmen den Laden nicht. Ist auch okay so.“ Ich muss nicht fragen, wieso. Oder, was die Kinder stattdessen machen. Battistella liebt es zu erzählen. Und die Leute hören gerne zu. Ich auch.

Andere spielen auch fehlerfrei, aber keiner spielt so

„Meine Tochter ist mit dem Studium fertig. Arbeitet jetzt in Bayreuth. Mein Sohn will das Abitur machen und hat dann auch andere Pläne.“ Ein harter Einschnitt. Immerhin betreibt Battistella vier Imbissläden. Vor rund 20 Jahren übernahm er den Betrieb von seinen Eltern. Nach ihm ist also Schluss. Ich erinnere mich an die blonde Frau. Sie kann vielleicht noch zehn Jahre die Auftritte Battistellas bestaunen. Ihn bestaunen. Dem einzigartigen Duft zuhören. Und dem saftigen Zischen des Grills lauschen.

Andere werden Hits wie „A Boar“ weiterhin spielen. Aber nicht so. So, wie es Battistella tut. Wie er es fast jeden Tag tut. Mit dem Grill. Und dem Duft. Vielleicht spielen andere auch fehlerlos. Aber sie spielen nicht so. Stefan Battistella ist Imbissbudenbetreiber. Er ist Straßenmusiker. Die Menschen lieben ihn. Und er liebt die Menschen.