Christof Paulus

Menschen wie Christof Paulus gibt es nicht so oft: Saarländer. 1992 geboren, musste er mit etwa 13 Jahren einsehen, dass es mit dem Traum von einer Karriere in der Formel 1 nichts wird: Bis heute ist er noch nicht einmal ein Kart gefahren. Stattdessen vom Sport zu berichten, mittlerweile auch eher über Fußball, Radsport oder noch lieber Politik, schien ihm eine gute Alternative. Studiert hat er in Eichstätt, Lille und Augsburg. Immer wieder ging es für ein paar Tage zurück in die Heimat nach Schmelz, wo Familie, Katze und Spiele als Fußball-Schiedsrichter auf ihn warteten. Seit 2019 ist er Volontär und schreibt momentan für die Mantelressorts der Augsburger Allgemeinen. Sein stärkstes Bekenntnis zur Region Augsburg ist der Fußballverein: Seit 2018 läuft und grätscht er für die zweite Mannschaft von Viktoria Augsburg.

Alles, was uns bewegt

Sportjournalismus ohne Sport

Seine Geschichte ist immer noch eine, die Sportfans bewegt: Johann Mühlegg ist ein schwarzes Schaf des Sports. Archivfoto: Titan Kastner

Kein Eishockey, kein Fußball, kurz: überhaupt kein Sport. Die Corona-Krise hätte eine Krise des Sportjournalismus werden sollen. Doch was viele prognostiziert haben, erweist sich als falsch: Der Sportredaktion der Augsburger Allgemeinen gehen die Themen nicht aus. Und sie nutzt die Chancen, die die Krise bietet.

Kein Eishockey, kein Fußball, kurz: überhaupt kein Sport. Die Corona-Krise hätte eine Krise des Sportjournalismus werden sollen. Doch was viele prognostiziert haben, erweist sich als falsch: Der Sportredaktion der Augsburger Allgemeinen gehen die Themen nicht aus. Und sie nutzt die Chancen, die die Krise bietet.

Man hätte denken können, dass es für den Sportjournalismus bittere Monate werden. Doch nach fast zwei Monaten, in denen wegen der Coronavirus-Pandemie der Profisport fast weltweit in einer Zwangspause steckt, ist klar: Sportjournalismus funktioniert auch ohne Sport – zumindest zeitweise. Und das sogar überraschend gut. Und wenn das ein Volontär beurteilen kann, dann ich.

Im April war ich Teil der Sportredaktion, ein wenig unerwartet zwar, aber glücklicherweise, wie sich rückblickend sagen lässt. Denn eigentlich hatte ich meine Station im Sport bereits absolviert, hatte mich im Februar erst von den Kollegen in ein anderes Ressort verabschiedet. Doch so wie der Sport nach Corona sein Comeback geben wird, war ich einen Monat später wieder zurück in der Sportredaktion der Augsburger Allgemeinen. Gelegenheit, kreativ zu sein, sich auf neue Probleme einzustellen, sich der Situation anzupassen. Und zu vergleichen: Wie berichtet man über Sport während Corona, wenn es keinen Sport gibt? Was ist anders als vor einem Monat?

Sportredaktion der Augsburger Allgemeinen während Corona: Eine Konferenz im Liegen

Die Antwort: eine Menge. Die Konferenz um zehn Uhr findet nicht mehr im Stehen rund um den Schrank mitten in der Redaktion statt, sondern manchmal sogar im Liegen – zumindest bei mir. Bis auf den Producer sind alle im Homeoffice, übers Telefon verbinden wir uns. Eishockey am Abend, Pressekonferenzen vor der Fußball-Bundesliga oder die Ergebnisse vom Tennis? Gehören alle der Vergangenheit an. Oder sind Zukunftsmusik, für die Zeit, wenn die Pandemie vorbei ist. Im Frühjahr 2020 sucht die Sportredaktion der Augsburger Allgemeinen andere Themen. Und findet sie.

Ein virtuelles Radrennen zu Corona-Zeiten. Foto: Christof Paulus

Da sind zum Beispiel die Funktionäre aus der Welt des Fußballs und Olympias. Die lassen sich Zeit, beratschlagen, werden sich nicht einig. Findet die Fußball-EM statt? Wird Olympia verschoben? Es gibt viel zu schreiben über den Stand der Dinge. Erst nach Wochen fällt die Entscheidung, beide Großereignisse 2021 auszutragen. Pressekonferenzen von Kanzlerin und Ministerpräsidenten ersetzen die Spieltage als Fixpunkt der Fußball-Bundesliga. Wann geht es weiter? Wie geht es weiter? Gibt es Geisterspiele? Wird die Saison abgebrochen? Fans erwarten mit Spannung, was die Politiker beschließen. Und wir schreiben darüber – und hinterfragen die Pläne der Bundesliga. Bekommt der Fußball in Deutschland Sonderrechte und wenn ja, zurecht?

Wir schauen über den Fußball hinaus. Andere Sportarten haben andere Probleme: Die Handballer brechen ihre Saison ab, Spiele ohne Zuschauer wären für sie ein großes Minusgeschäft. Boxerin Tina Rupprecht aus Augsburg ist Weltmeisterin – ohne Kämpfe bekommt sie aber weder Gage noch Preisgeld. Sie hofft jetzt auf Geld vom Staat. Georg Zimmermann aus Neusäß hatte gerade erst zum neuen Jahr seinen ersten Profivertrag als Radsportler ergattert – nun kürzt das Team ihm und seinen Kollegen das Gehalt, der Hauptsponsor denkt laut darüber nach, sein Engagement zu beenden.

Volontariat im Home-Office: Themen im Sport gibt es auch in der Pause

Der Breitensport leidet, das Vereinsleben liegt still. Und im Augsburger Sport rumort es: Das Ressort Sport wandert in der neuen Stadtregierung in ein anderes Referat. Sportvereine befürchten, zu kurz zu kommen. Die Pause wird zur Chance: Weil kaum noch Termine anstehen, bleibt Zeit und Platz für Recherchen, die noch mehr in die Tiefe gehen, für Geschichten, die noch mehr die Hintergründe beleuchten. Und selbst in schweren Zeiten bleibt der Sport eine Unterhaltungsbranche: Die Formel 1 startet auf der Konsole, Darts-Profis kann man zusehen, wie sie zuhause spielen.

Die Sportredaktion ist verwaist, die Kollegen im Homeoffice. Foto: Christof Paulus

So ganz ohne die Kniffe für dünne Zeiten kommen wir zwar nicht aus. Doch wenn man es richtig macht, können die sogar zum Gewinn werden – für Leser und Schreiber. Für all die, die gerade ihre Lust an der Bewegung (wieder-)entdecken, geben wir Tipps zum Radeln, Laufen oder Skaten. Und die Serie „Schwarze Schafe des Sports“ erzählt gute Geschichten von Sportlern, die sich nicht immer an die Regeln gehalten haben. In den Archiven zu kramen, den spannenden Dreh zu finden und all das aufzuschreiben, macht Spaß. Und wir erfahren: den Lesern auch. Wer von Skilangläufer Johann Mühlegg liest, der seinen Bundestrainer für einen bösen Geist hielt, kein Allgäuer mehr sein wollte und auf die Hilfe einer portugiesischen Wunderheilerin hoffte, kann nicht anders, als mit dem Kopf zu schütteln. Und die Ausraster von John McEnroe, dem Enfant terrible des Tennis, kann man sich gar nicht häufig genug ansehen – oder die Geschichten dahinter lesen.

Fliegendes Klassenzimmer

Sprachgewaltig statt erfindungsreich

Auf der Kulmbacher Plassenburg. Sie ist eines der Wahrzeichen der Stadt. Foto: Christof Paulus

Vier Volontäre der Augsburger Allgemeinen waren in Kulmbach auf einem Seminar. Mit Harald Baumer, dem Leiter des Hauptstadtbüros der Nürnberger Nachrichten, setzten sie sich mit Reportagen auseinander.

Vier Jungvolontäre der Augsburger Allgemeinen haben sich für zwei Wochen aus dem Redaktionsalltag verabschiedet. Zum Seminar der Akademie der Bayerischen Presse sind sie nach Kulmbach gefahren, etwas abgeschieden zwischen Fränkischer Schweiz und Fichtelgebirge. Mit Volontärskollegen anderer Zeitungen haben sie Seminare zu Nachrichten, Online-Journalismus oder Redigieren besucht. Im Seminar mit Harald Baumer, dem Leiter des Hauptstadtbüros der Nürnberger Nachrichten, setzten sie sich mit Reportagen auseinander.

Reportagen bringen uns dazu, vom Schreibtisch aufzustehen, das Geschehen selbst zu begutachten und auf Menschen zuzugehen. Oder anders gesagt: Reportagen  erfordern es, dass wir den Leser ganz nah ans Geschehen heranbringen. Das ist es, was die Textgattung so beliebt macht, bei Lesern wie Journalisten selbst. Um den Teilnehmern zu vermitteln, wie man eine Reportage möglichst gut umsetzt, war Harald Baumer als Referent zu Gast bei der Akademie der Bayerischen Presse.

Doch das Image der Reportage als Königin der Darstellungsformen bekommt in letzter Zeit immer wieder Risse. Nicht erst der Skandal um gefälschte Passagen in Texten von Claas Relotius hat gezeigt, wie leicht man bei der Suche nach der perfekten Geschichte zu weit gehen kann, ohne dass den Lesern dies auffällt. Dabei stellen doch genau solche Skandale die Glaubwürdigkeit der Textgattung und des ganzen Berufes besonders infrage. Baumer war es deshalb auch wichtig, den Seminarteilnehmern klar die Grenzen ihrer Freiheit als Autoren zu zeigen.

Volontäre der Augsburger Allgemeinen beim Seminar in Kulmbach: Reportagen kamen gut an

So konnten die Volontäre ihre Hauptaufgabe während des Seminars gut gerüstet angehen: Denn auf die Theorie folgte selbstverständlich die Praxis. Jeder Teilnehmer begab sich auf Recherche, um eine Reportage zu schreiben. Zum Abschluss des Seminares ließ Harald Baumer die Texte mit allen Teilnehmern besprechen und gab seine eigene Einschätzung ab. Worum es in ihren Reportagen ging, erzählen Tom Trilges und Christof Paulus hier:

Kulmbacher Bratwurstklänge (Tom Trilges)

Spätzle mit Schokokeks (Christof Paulus)

Fliegendes Klassenzimmer

Volontäre beim Interview-Training: Mal Schweiger, mal Plaudertasche

Tom Trilges interviewt Michael Krawczyk Foto: Christof Paulus

Vier Jungvolontäre der Augsburger Allgemeinen haben sich für zwei Wochen aus dem Redaktionsalltag verabschiedet. Zum Seminar der Akademie der Bayerischen Presse sind sie bis nach Kulmbach gefahren, etwas abgeschieden zwischen Fränkischer Schweiz und Fichtelgebirge. Mit Volontärskollegen anderer Zeitungen haben sie Seminare zu Reportage, Online-Journalismus oder Redigieren besucht. Bei BR-Redakteur Michael Krawczyk ging es darum, jeden Interviewpartner richtig anpacken zu können.

 

Vier Jungvolontäre der Augsburger Allgemeinen haben sich für zwei Wochen aus dem Redaktionsalltag verabschiedet. Zum Seminar der Akademie der Bayerischen Presse sind sie bis nach Kulmbach gefahren, etwas abgeschieden zwischen Fränkischer Schweiz und Fichtelgebirge.

Mit Volontärskollegen anderer Zeitungen haben sie Seminare zu Reportage, Online-Journalismus oder Redigieren besucht. Bei BR-Redakteur Michael Krawczyk ging es darum, jeden Interviewpartner richtig anpacken zu können.

Wenn bei jedem Termin und jedem Telefonat ein Michael Krawczyk gegenüberstünde, könnte der Alltag als Volontär so viel einfacher sein. Seine Antworten sind ausführlich, gespickt mit interessanten Anekdoten und wichtigen Fakten. Dabei schweift er nicht ab, erzählt keine Märchen. Wobei: Wenn die Übung es erfordert, dann kann er das auch, wird Plaudertasche oder Schweiger.

An zwei Tagen des Kulmbacher Seminars der Akademie der Bayerischen Presse schulte Krawczyk vier der Jungvolontäre darin, wie man sich richtig auf ein Interview vorbereitet und es sicher über die Bühne bringt. Das heißt: Journalisten brauchen eine saubere Recherche und Fachwissen zum Interviewthema sowie ein klar definiertes Interviewziel. Das sollte auf dem Notizblatt ganz oben stehen, darunter der Name des Interviewpartners. Denn kaum etwas ist peinlicher, als den Namen des Gegenübers zu vergessen. „Alles schon passiert“, sagt Krawczyk.

Michael Krawczyk verstellt sich beim Interview mit Volontären aus Augsburg

Für den Nachmittag des Tages hatten sich drei Gäste angekündigt, mit denen die Volontäre der Augsburger Allgemeinen und die anderen Seminarteilnehmer ein Interview führen sollten. Und nicht immer ist der Interviewpartner so dankbar und ergiebig wie Michael Krawczyk. Aber auch der kann anders: Im Gespräch mit Tom Trilges und Brigitte Mellert gab sich Krawczyk deshalb als Plaudertasche – freilich nur zur Übung. Im Gespräch mit Max Kramer wurde er stattdessen plötzlich ganz wortkarg, ließ sich seine Antworten geradezu aus der Nase ziehen.

Der Kurs im ABP-Seminar in Kulmbach. Foto: Christof Paulus

Für Trilges, Mellert und Kramer war das sicher eine Herausforderung – aber doch keine, an der sie scheiterten. Letzterer schaffte es, Krawczyk genau dorthin zu treiben, wo er um klare Antworten nicht mehr herumkam. Die anderen beiden konnten seinen Redefluss eindämmen und seine Antworten auf das Wesentliche beschränken. Lob vom Referenten gab es für alle drei.

So wundert es nicht, dass sie beim Interview mit den Gästen nicht nur viel Spaß hatten, sondern ihren Gesprächspartnern einige Informationen entlocken konnten. Thomas Lange etwa, der in Kulmbach an der Gründung eines Brauhauses beteiligt war, sprach mit Max Kramer. Ihm sagte er, dass die fränkische Wirtshauskultur sich verändern werde und doch zugleich noch lange bestehe. Tom Trilges sprach mit Wolfgang Hoderlein, dem früheren Generalsekretär der Bayern-SPD. Der hat sich von der großen Politik inzwischen zurückgezogen – ließ aber schon im Vorgespräch erkennen, wie sehr seine Leidenschaft dafür immer noch brennt.

Volontäre im Interview mit fränkischen Größen aus Politik und Journalismus

Trilges konfrontierte ihn damit, dass er als Politiker oft die Auseinandersetzung gesucht und einige Male auch Parteigenossen offen angegriffen habe – was Hoderlein unumwunden zugab. Er könne austeilen, aber auch einstecken. Persönliche Angriffe müssten eben sein, sonst nähme niemand Notiz von seiner Kritik. Die Berliner Politik hält er für sehr weit von den Bürgern entfernt.

Referent Krawczyk stand bei allen Interviews hinter der Kamera und zeichnete die Gespräche auf. So gab es am nächsten Tag die Gelegenheit, die Interviews im Seminar anzuschauen – und somit die anderen genauso, wie sich selbst. Für Zeitungsjournalisten ist das nicht gerade Alltag, sich selbst bei der Arbeit zuzuschauen. So war immer wieder verlegenes Lachen zu hören, meist von den Interviewern, deren Videos gerade zu sehen waren. Doch gerade das machte die Eindrücke wichtig, gab die Möglichkeit, die eigene Stimme und Körpersprache zu beobachten. So war zu sehen, welchen Eindruck man selbst hinterlässt und wie man auf andere wirkt. Daraus konnte jeder im Seminar seine Schlüsse ziehen – und diese mit in den Alltag in den Lokalredaktionen nehmen.