Christof Paulus

Menschen wie Christof Paulus gibt es nicht so oft: Saarländer. 1992 geboren, musste er mit etwa 13 Jahren einsehen, dass es mit dem Traum von einer Karriere in der Formel 1 nichts wird: Bis heute ist er noch nicht einmal ein Kart gefahren. Stattdessen vom Sport zu berichten, mittlerweile auch eher über Fußball, Radsport oder noch lieber Politik, schien ihm eine gute Alternative. Studiert hat er in Eichstätt, Lille und Augsburg. Immer wieder ging es für ein paar Tage zurück in die Heimat nach Schmelz, wo Familie, Katze und Spiele als Fußball-Schiedsrichter auf ihn warteten. Seit 2019 ist er Volontär und schreibt momentan für die Neuburger Rundschau. Sein stärkstes Bekenntnis zur Region Augsburg ist der Fußballverein: Seit dieser Saison läuft und grätscht er für die zweite Mannschaft von Viktoria Augsburg.

Fliegendes Klassenzimmer

Sprachgewaltig statt erfindungsreich

Auf der Kulmbacher Plassenburg. Sie ist eines der Wahrzeichen der Stadt. Foto: Christof Paulus

Vier Volontäre der Augsburger Allgemeinen waren in Kulmbach auf einem Seminar. Mit Harald Baumer, dem Leiter des Hauptstadtbüros der Nürnberger Nachrichten, setzten sie sich mit Reportagen auseinander.

Vier Jungvolontäre der Augsburger Allgemeinen haben sich für zwei Wochen aus dem Redaktionsalltag verabschiedet. Zum Seminar der Akademie der Bayerischen Presse sind sie nach Kulmbach gefahren, etwas abgeschieden zwischen Fränkischer Schweiz und Fichtelgebirge. Mit Volontärskollegen anderer Zeitungen haben sie Seminare zu Nachrichten, Online-Journalismus oder Redigieren besucht. Im Seminar mit Harald Baumer, dem Leiter des Hauptstadtbüros der Nürnberger Nachrichten, setzten sie sich mit Reportagen auseinander.

Reportagen bringen uns dazu, vom Schreibtisch aufzustehen, das Geschehen selbst zu begutachten und auf Menschen zuzugehen. Oder anders gesagt: Reportagen  erfordern es, dass wir den Leser ganz nah ans Geschehen heranbringen. Das ist es, was die Textgattung so beliebt macht, bei Lesern wie Journalisten selbst. Um den Teilnehmern zu vermitteln, wie man eine Reportage möglichst gut umsetzt, war Harald Baumer als Referent zu Gast bei der Akademie der Bayerischen Presse.

Doch das Image der Reportage als Königin der Darstellungsformen bekommt in letzter Zeit immer wieder Risse. Nicht erst der Skandal um gefälschte Passagen in Texten von Claas Relotius hat gezeigt, wie leicht man bei der Suche nach der perfekten Geschichte zu weit gehen kann, ohne dass den Lesern dies auffällt. Dabei stellen doch genau solche Skandale die Glaubwürdigkeit der Textgattung und des ganzen Berufes besonders infrage. Baumer war es deshalb auch wichtig, den Seminarteilnehmern klar die Grenzen ihrer Freiheit als Autoren zu zeigen.

Volontäre der Augsburger Allgemeinen beim Seminar in Kulmbach: Reportagen kamen gut an

So konnten die Volontäre ihre Hauptaufgabe während des Seminars gut gerüstet angehen: Denn auf die Theorie folgte selbstverständlich die Praxis. Jeder Teilnehmer begab sich auf Recherche, um eine Reportage zu schreiben. Zum Abschluss des Seminares ließ Harald Baumer die Texte mit allen Teilnehmern besprechen und gab seine eigene Einschätzung ab. Worum es in ihren Reportagen ging, erzählen Tom Trilges und Christof Paulus hier:

Kulmbacher Bratwurstklänge (Tom Trilges)

Spätzle mit Schokokeks (Christof Paulus)

Fliegendes Klassenzimmer

Volontäre beim Interview-Training: Mal Schweiger, mal Plaudertasche

Tom Trilges interviewt Michael Krawczyk Foto: Christof Paulus

Vier Jungvolontäre der Augsburger Allgemeinen haben sich für zwei Wochen aus dem Redaktionsalltag verabschiedet. Zum Seminar der Akademie der Bayerischen Presse sind sie bis nach Kulmbach gefahren, etwas abgeschieden zwischen Fränkischer Schweiz und Fichtelgebirge. Mit Volontärskollegen anderer Zeitungen haben sie Seminare zu Reportage, Online-Journalismus oder Redigieren besucht. Bei BR-Redakteur Michael Krawczyk ging es darum, jeden Interviewpartner richtig anpacken zu können.

 

Vier Jungvolontäre der Augsburger Allgemeinen haben sich für zwei Wochen aus dem Redaktionsalltag verabschiedet. Zum Seminar der Akademie der Bayerischen Presse sind sie bis nach Kulmbach gefahren, etwas abgeschieden zwischen Fränkischer Schweiz und Fichtelgebirge.

Mit Volontärskollegen anderer Zeitungen haben sie Seminare zu Reportage, Online-Journalismus oder Redigieren besucht. Bei BR-Redakteur Michael Krawczyk ging es darum, jeden Interviewpartner richtig anpacken zu können.

Wenn bei jedem Termin und jedem Telefonat ein Michael Krawczyk gegenüberstünde, könnte der Alltag als Volontär so viel einfacher sein. Seine Antworten sind ausführlich, gespickt mit interessanten Anekdoten und wichtigen Fakten. Dabei schweift er nicht ab, erzählt keine Märchen. Wobei: Wenn die Übung es erfordert, dann kann er das auch, wird Plaudertasche oder Schweiger.

An zwei Tagen des Kulmbacher Seminars der Akademie der Bayerischen Presse schulte Krawczyk vier der Jungvolontäre darin, wie man sich richtig auf ein Interview vorbereitet und es sicher über die Bühne bringt. Das heißt: Journalisten brauchen eine saubere Recherche und Fachwissen zum Interviewthema sowie ein klar definiertes Interviewziel. Das sollte auf dem Notizblatt ganz oben stehen, darunter der Name des Interviewpartners. Denn kaum etwas ist peinlicher, als den Namen des Gegenübers zu vergessen. „Alles schon passiert“, sagt Krawczyk.

Michael Krawczyk verstellt sich beim Interview mit Volontären aus Augsburg

Für den Nachmittag des Tages hatten sich drei Gäste angekündigt, mit denen die Volontäre der Augsburger Allgemeinen und die anderen Seminarteilnehmer ein Interview führen sollten. Und nicht immer ist der Interviewpartner so dankbar und ergiebig wie Michael Krawczyk. Aber auch der kann anders: Im Gespräch mit Tom Trilges und Brigitte Mellert gab sich Krawczyk deshalb als Plaudertasche – freilich nur zur Übung. Im Gespräch mit Max Kramer wurde er stattdessen plötzlich ganz wortkarg, ließ sich seine Antworten geradezu aus der Nase ziehen.

Der Kurs im ABP-Seminar in Kulmbach. Foto: Christof Paulus

Für Trilges, Mellert und Kramer war das sicher eine Herausforderung – aber doch keine, an der sie scheiterten. Letzterer schaffte es, Krawczyk genau dorthin zu treiben, wo er um klare Antworten nicht mehr herumkam. Die anderen beiden konnten seinen Redefluss eindämmen und seine Antworten auf das Wesentliche beschränken. Lob vom Referenten gab es für alle drei.

So wundert es nicht, dass sie beim Interview mit den Gästen nicht nur viel Spaß hatten, sondern ihren Gesprächspartnern einige Informationen entlocken konnten. Thomas Lange etwa, der in Kulmbach an der Gründung eines Brauhauses beteiligt war, sprach mit Max Kramer. Ihm sagte er, dass die fränkische Wirtshauskultur sich verändern werde und doch zugleich noch lange bestehe. Tom Trilges sprach mit Wolfgang Hoderlein, dem früheren Generalsekretär der Bayern-SPD. Der hat sich von der großen Politik inzwischen zurückgezogen – ließ aber schon im Vorgespräch erkennen, wie sehr seine Leidenschaft dafür immer noch brennt.

Volontäre im Interview mit fränkischen Größen aus Politik und Journalismus

Trilges konfrontierte ihn damit, dass er als Politiker oft die Auseinandersetzung gesucht und einige Male auch Parteigenossen offen angegriffen habe – was Hoderlein unumwunden zugab. Er könne austeilen, aber auch einstecken. Persönliche Angriffe müssten eben sein, sonst nähme niemand Notiz von seiner Kritik. Die Berliner Politik hält er für sehr weit von den Bürgern entfernt.

Referent Krawczyk stand bei allen Interviews hinter der Kamera und zeichnete die Gespräche auf. So gab es am nächsten Tag die Gelegenheit, die Interviews im Seminar anzuschauen – und somit die anderen genauso, wie sich selbst. Für Zeitungsjournalisten ist das nicht gerade Alltag, sich selbst bei der Arbeit zuzuschauen. So war immer wieder verlegenes Lachen zu hören, meist von den Interviewern, deren Videos gerade zu sehen waren. Doch gerade das machte die Eindrücke wichtig, gab die Möglichkeit, die eigene Stimme und Körpersprache zu beobachten. So war zu sehen, welchen Eindruck man selbst hinterlässt und wie man auf andere wirkt. Daraus konnte jeder im Seminar seine Schlüsse ziehen – und diese mit in den Alltag in den Lokalredaktionen nehmen.

Fliegendes Klassenzimmer

Spätzle mit Schokokeks

Warten, dass etwas passiert. Auf dem Volksfest in Kulmbach kann das lange dauern - und doch vergeblich sein. Foto: Christof Paulus

Es ist nicht so, dass die Kulmbacher nicht feiern könnten: Allein die Bierwoche zieht jedes Jahr 120.000 Zuschauer an. Das Volksfest ist sicher auch einen Abstecher wert – für Hartgesottene und Schmerzfreie. Eine Suche nach dem Sinn.

Es ist nicht so, dass die Kulmbacher nicht feiern könnten: Allein die Bierwoche zieht jedes Jahr 120.000 Zuschauer an. Das Volksfest ist sicher auch einen Abstecher wert – für Hartgesottene und Schmerzfreie. Eine Suche nach dem Sinn.

In Kulmbach gibt es ein Volksfest, da sind weder Volk noch Fest. Hier auf dem Parkplatz am Schwedensteg stehen für eine Woche im Mai ein Zuckerbäcker, ein   Dosenwerfen-Stand, eine Würstchenbude. Ganz vorne ist die Bayernwippe, ein überdimensionaler Teller mit einer am Rand kreisförmig umlaufenden Bank, die nicht nur wippen, sondern sich auch drehen kann. „Achtung!!! Bayernwippe fahren ist geil“ steht auf dem Kassenhäuschen, daneben ein junger Bursche. Zur Helene-Fischer-Musik, die vom Autoscooter gegenüber gellt und tönt, übernimmt seine Hüfte das Wippen, während die Wippe selbst still steht. Er richtet seinen Blick auf den Vorplatz, wartet auf neue Besucher, die auf den Platz kommen und vielleicht zur Wippe, damit es sich lohnt, sie noch einmal anzuwerfen.         

Was er dort sehen kann, sind ein paar Verlorene mit den Händen voller Billigbier. Manchmal heben sie aber auch Plastikflaschen mit abgegriffenen Etiketten und Selbstgemischtem darin. Einige von ihnen haben rot und grün gefärbte Haare, manche tragen Jogginghosen. Keiner davon macht Anstalten, sich zum Festplatz zu bewegen. An der Gruppe vorbei läuft ein Mann, rechts eine Frau, links ein Mädchen an der Hand. Alle drei tragen Turnschuhe, die Frau trägt lange, blondgefärbte Haare, die den dunklen Ansatz bereits erblicken lassen, und einen orangefarbenen Pullover, auf dem T-Shirt des Mannes steht der Name irgendeines US-Bundesstaates. Seine Haare sind kurz, um den Mund hat er sich einen Bart stehen lassen. Anders als bei seiner Begleiterin wirken die blonden Haare des Mädchens ganz natürlich, es trägt ein Kleid auf seinem schmächtigen Körper. Schritt für Schritt nähern die drei sich dem Platz, passieren den billigen Schmuckhändler, die Blicke des Burschen auf der Bayernwippe nehmen sie nicht wahr. Ihre Aufmerksamkeit gilt dem Autoscooter, der gerade bloß Rollfeld statt Boxerbahn ist.    

Auf dem Volksfest in Kulmbach gibt es beim Autoscooter nichts zu rempeln        

Das Kassenhäuschen der Bayernwippe. Foto: Christof Paulus

Ein Mädchen mit rosa Stirnband und blonden Haaren steuert den einzigen Wagen über die Bahn, über ihm flattert eine Portugal-Fahne am Wagen. Darin sitzt außer dem Mädchen eine Frau, zu alt, um die Mutter zu sein, mit rotem Kopf und lenkt mit. Kreise fahren sie, fahren die Form einer Acht nach. Lange schaut die Familie die Fahrt nicht an auf ihrem Weg über das Volksfest. Noch bevor die Sirene für das Ende der Fahrzeit erschallt, treibt der Mann seine beiden Begleiterinnen mit einem Stupser weiter zum nächsten Stand.

Das ist das Pfeilewerfen. Theoretisch könnte man hier auch spielen. Doch die beiden Schausteller sind mittlerweile derart gelangweilt, dass sie lieber auf der Theke ihres Standes hocken, statt für ihre potenzielle Kundschaft dahinter zu stehen. Mehr Disziplin hat die Crêpes-Verkäuferin ein paar Meter weiter, die in ihrem Stand auch ungarisches Langos-Gebäck aus der Fritteuse verkauft. Als die Familie schon vorbei gelaufen ist, erzählt sie, dass sie es schon seit fünf Jahren auf dem Kulmbacher Volksfest versuche. „War wohl das letzte Mal heuer“, sagt sie. Für den Anblick auf dem Platz kann sie nichts. Ihre Langos sind knusprig, weich, würzig. Davon erfahren werden aber nur wenige. Meist sucht die Frau vergebens nach Kundschaft auf dem Festplatz.           

Auf den Käsespätzle sind Oreo-Kekse

Während sie die Crêpes-Platte abwischt, ist die Familie schon beim Enten-Angeln angelangt. Die Schaustellerin dort stand noch vor einer Minute in der dunklen Ecke, hinten in ihrem Stand, rauchte, verschickte Sprachnachrichten mit ihrem Handy. Das Versteck-Spiel kann die Frau und das Mädchen nicht davon abhalten, am Stand stehenzubleiben. Mit einem kurzen Fingerzeig verabschiedet sich der Mann, holt sich gegenüber ein Bier. Weniger Lust hat er auf das, was es wenige Meter weiter zu essen gibt: Käsespätzle, je nach Geschmack mit Preiselbeeren, Nutella, oder Oreo-Keksen. In der Creme zwischen den Keksen steckt schließlich Milch – so wie im Käse. „Hat heute noch niemand bestellt“, sagt der Verkäufer und grinst. Das Mädchen hat währenddessen ein paar Enten geangelt, geht mit einem Schlüsselanhänger als Gewinn weiter. Immerhin – an der Losbude dahinter zieht es nur Nieten.   

Die Langos sind wie versprochen lecker. Foto: Christof Paulus

Der Schießstand. Inzwischen ist der Mann wieder zu seinen beiden Begleiterinnen zurückgekehrt. Die Wolken werden dichter, erste Tropfen fallen vom Himmel. „Schmeckt das Bier denn bei dem Wetter?“, fragt der Mann vom Schießstand. „Gerade da brauch´ ich es“, erwidert sein Gast. Der Schießstand steht am Ende des Platzes, daneben nur noch eine XXL-Schaukel, die gar nicht erst geöffnet hat. Am Wochenende ist das anders, da ist auch das Wetter etwas besser. Bis zu einem Viertel der Sitze ist dann besetzt, manchmal auch die Hälfte.           

Das Festzelt auf dem Volksfest ist in Kulmbach bloß ein Unterstand

Einmal über den ganzen Platz gelaufen ist die Familie jetzt. Zeit für sie, umzudrehen. Wieder vorbei an Losbude und Pfeilewerfen kommt sie zum Zelt. Kein Festzelt ist das, bloß ein Unterstand. Eine Bühne sucht man vergebens, 15 Bierbänke stehen darin. Im Inneren verhindert gerade noch eine Großmutter, dass ihre Enkelin in die Ecke des Zeltes pinkelt – zum Unverständnis der Mutter. „Ist doch nur Flüssigkeit!“, ruft sie durch das Zelt.           

Das verlassene Fahrgeschäft am Ende des Festplatzes. Foto: Christof Paulus

Der Mann mit Frau und Mädchen bekommt davon nichts mit. Nicht allzu schlendernd gehen alle drei am Zelt vorbei, am Bierstand, an der Bayern-wippe am Ausgang. Der Bursche dort ist weg, hat keinen gefunden, der mitfahren möchte. Vom Autoscooter gegenüber tönt jetzt Deutschrap von Capital Bra statt Helene Fischer. Zwei Wägen, darin Buben mit gebräunter Haut und schwarzen Haaren, fahren dort jetzt herum, hintereinander her wie zwei schnüffelnde Hunde, rammen sich manchmal in die Seite. Inzwischen beginnt es zu regnen. Die Fahrt auf dem Autoscooter ist zuende. Wind kommt auf. Er weht die letzten Reste an Besuchern vom Platz. Das Volksfest hat für heute sein Ende gefunden. Morgen geht die Suche von vorne los.