Alexander Millauer

1997 nahe der Donau geboren, zieht es Alexander Millauer nach dem Abitur direkt ans nächste Gewässer – an die Spree. Ein halbes Jahr verbringt er in Berlin, mit dem Ziel zu studieren, bis ihn die Heimatzeitung zurück in schwäbische Gefilde lockt. Das Volontariat an der Günter Holland Journalistenschule soll es sein. Schon davor sammelte er journalistische Erfahrungen bei einer Lokalausgabe, die die Nähe zum Wasser sogar im Namen trägt: die „Donau Zeitung“ in Dillingen. Der Deutsch- und Mathematikunterricht verkamen bei den spannenden Zeitungsterminen schon während seiner freien Mitarbeit noch zu Schulzeiten fast zur Nebensache – dennoch schaffte er 2018 das Abitur und hat inzwischen seinen Wohnort nach dem kleinen Hauptstadt-Intermezzo in die Schwabenhauptstadt Augsburg verlegt.

Jeden Tag ein Abenteuer

Wenn der Strom ausfällt und das Auto liegen bleibt

Der Brand eines Trafohauses hat in Wemding einen Stromausfall verursacht. Auch ein Volontär der Günter Holland Journalistenschule war vor Ort. Bild: Alexander Millauer

Wenn es brennt, müssen Redakteure – und Volontäre – schnell handeln. Dabei sollten sie aber nicht vergessen, zuvor einen Blick auf die Tankanzeige zu werfen, wie Alexander Millauer festgestellt hat

Es ist kurz vor Feierabend, als das Telefon zum ersten Mal klingelt. Zwei, drei Anrufe später wandelt sich die Gelassenheit meines Volobetreuers in leichtes Verzweifeln. Edeka-Kunden können in Wemding nicht mehr bezahlen, weil die Kassen den Dienst versagen: Kurze Zeit später die Nachricht: Brand in einem Trafohaus. Die Folge: Stromausfall in der ganzen Stadt. Um die prekäre Lage, in der wir uns nun befinden, zu verstehen, muss man wissen: Die betroffene Stadt Wemding ist rund 25 Kilometer von unserer Redaktion in Donauwörth entfernt. Und, was für uns Digital Natives, kaum mehr vorstellbar ist: Auch das Handynetz bricht bei einem Stromausfall größtenteils zusammen – und mein Volobetreuer erreicht keinen Fotografen vor Ort.

Nach einigen weiteren vergeblichen Versuchen, aus der lahmgelegten Stadt ein Lebenszeichen zu bekommen, schickt mich mein Volobetreuer los – in dem Wissen, dass wir nur wenige Autokilometer später womöglich keine Verbindung mehr zueinander haben. Sekunden später trenne ich mich von meinem wohligen Bürostuhl, schnappe mir Autoschlüssel und Kamera und düse mit dem Dienstauto los. Natürlich werfe ich zuvor einen Blick auf die Tankanzeige, die bei mir in diesem Moment noch keine Nervosität verursacht.

Volontäre der Günter Holland Journalistenschule lernen, schnell zu reagieren

Mit einem kleinen Satz springt die Nadel in den orangenen Bereich – Reservetank, will heißen: Bitte steuern Sie die nächste Tankstelle an. Doch als Volontäre der Günter Holland Journalistenschule haben wir natürlich längst verinnerlicht, dass Schnelligkeit neben der Genauigkeit oberste Priorität hat. Und jetzt mal ehrlich: So ein Reservetank hält doch noch locker 50 Kilometer. Und in Wemding kann ich ja sowieso tanken.
Also nichts wie runter mit dem Gaspedal und ab nach Wemding. Dort angekommen, frage ich erst mal, ahnungslos wie ich zu diesem Zeitpunkt noch bin, den erstbesten Feuerwehrmann: „Gibt’s denn noch was zu sehen?“ Der verweist mich schließlich an den Einsatzleiter und langsam dämmert es auch mir: Das ist kein gewöhnlicher Brand. Mehrere Fahrzeuge der Bereitschaftspolizei reihen sich aneinander, die blauen Lichter mischen sich mit dem Abendrot.

Mehrere Feuerwehren aus dem Umkreis waren in Wemding vor Ort. Bild: Alexander Millauer

Der Redaktionsschluss und die Tankanzeige bereiten dem Volontär Sorgen

Zufällig treffe ich auf den Bürgermeister Wemdings – den ich bis dahin gar nicht kannte. Doch er sollte mein größtes Glück sein. Die Tourismusbeauftragte der Stadt weicht an diesem Abend nicht von seiner Seite. Und ich hefte mich an die beiden – denn das hat einen großen Vorteil: Das Smartphone der Tourismusbeauftragten scheint das einzige zu sein, das eine Verbindung in die umliegenden Städte zulässt. So kann ich meinen Volobetreuer mit den aktuellsten Infos versorgen: Eine Notunterkunft wird aufgebaut, in der sich die Menschen mit Essen eindecken können, die Polizei patrouilliert durch die Stadt, der Brand ist noch nicht unter Kontrolle, Stromausfall dauert womöglich bis zum nächsten Morgen an. Die Informationen braucht der Kollege auch dringend: Denn der Redaktionsschluss nähert sich schneller als Usain Bolt einen Halbmarathon laufen würde.

Wemdings Bürgermeister Martin Drexler im Gespräch mit einem Feuerwehrmann. Bild: Alexander Millauer

Als genug Bilder im Kasten sind und die wichtigsten Infos eingesammelt, steige ich ins Auto und will in die Redaktion fahren. Aber, Moment, da war doch was. Mein Blick senkt sich auf die Nadel an der Tankanzeige, die in diesem Moment zu meinem Endboss wird. Denn mit scheinbar magischer Anziehungskraft nähert sie sich der Nulllinie. Womöglich handelt es sich um einfache mechanische Zusammenhänge zwischen einem fast leeren Tank und einer Tankanzeige, aber mir gefällt das mit der Magie deutlich besser. Fast noch magischer ist es (dunkle Magie vermutlich), dass Tankstellen ohne Strom nicht funktionieren. Und das Magischste an all dem ist, dass ich mit diesem Auto keine fünf Kilometer weit mehr komme. Also auch nicht bis zur nächsten funktionierenden Tankstelle.

Eine Einsatzleitung wurde eingerichtet. Sie diente unter anderem als Infostützpunkt - auch für den Volontär vor Ort. Bild: Alexander Millauer

Blöd nur, dass es ja auch kein Netz mehr gibt, mein Handy ohnehin seit einer Stunde jeden Dienst verweigert und ich die einzige Rettung – die Tourismusbeauftragte – aus den Augen verloren habe. Und in diesem Moment ändert sich meine Rolle: Eigentlich verstehe ich mich als Journalist der Günter Holland Journalistenschule als kritischer Beobachter, das Rampenlicht scheuen wir Volontäre wie der Teufel das Weihwasser.

Deswegen ist es großartig, im Journalismus zu arbeiten

Doch jetzt muss ich handeln und in die Situation eingreifen. Verzweifelt frage ich am Marktplatz, der zentralen Anlaufstelle der Wemdinger Bürger, nach einem funktionierenden Handy. Der Redaktionsschluss sitzt mir nicht nur im Nacken, er hat sich festgekrallt. Einige Minuten später finde ich mich mit einem bis dato wildfremden Mann im Auto wieder. Mit einer Hand umklammere ich meine Visitenkarte und tippe die Telefonnummer meines eigenen Arbeitsplatzes ins Display. Sie ist die einzige, die ich habe, denn mein Handy ist ja aus.
Vier Mal hintereinander – und das ist keine Übertreibung – rufe ich an und lasse es jeweils mindestens eine Minute klingeln. Eigentlich sitzt mir mein Volobetreuer direkt gegenüber und müsste es klingeln hören. Ich habe mal gelesen, dass das Hirn bei zu starkem Auftreten einer einseitigen Emotion genau die konträre Emotion abruft, um keine langfristigen Schäden zu verursachen. Aus Verzweiflung lache ich. Als ich meine Selbstanalyse beendet habe, höre ich eine vertraute Stimme am anderen Ende der Leitung. „Du musst mich abholen“, sage ich trocken – in dem Wissen, dass das nicht geht, aber was sagt man denn sonst in so einer Situation?
Mein Volobetreuer rät mir zu Notfallplan B: Ein freier Mitarbeiter ist gerade in Wemding, er gibt mir die Nummer, ich erreiche ihn. Wenigstens einmal geht alles glatt. In zehn Minuten sei er da, sagt er. Halleluja. Danke Thomas. Und als ich knapp zwei Stunden später ins Bett falle, ist mir klar, dass ich den richtigen Beruf gewählt habe. Denn auch solche Abende machen den Journalismus aus – auch, wenn mir jetzt bewusst ist, dass ich niemals-nie-mehr ohne prall gefüllten Tank losfahren werde.

Am Rathaus in Wemding wurde dieser Zettel zur Information der Bürger aufgehängt. Bild: Alexander Millauer

Jeden Tag ein Abenteuer

Helau, der Volontär feiert Rosenmontag!

Der Rosenmontag ist auch im bayerisch-schwäbischen Donauwörth ein großes Event. Bild: Alexander Millauer

Den größten Teil des ersten Jahres Jahr absolvieren die Volontäre der Günter Holland Journalistenschule im Lokalen. In den bayerisch-schwäbischen Orten ist der Fasching dort oft ein wichtiger Bestandteil im Jahreskalender. Auch die Redakteure schließen sich dem bunten Treiben gerne an, wie Volontär Alexander Millauer festgestellt hat

Wer denkt, der Rosenmontag wäre sei nur im Rheinland ein Tag im Ausnahmezustand, der hat sich wohl noch nie in bayerisch-schwäbischen Gefilden aufgehalten. Gefühlt hat die halbe Stadt Donauwörth – eine ein Ort mit rund 20.000 Einwohnern nahe Augsburg, in dem ich mein erstes Jahr des Volontariats absolviere – heute frei. Nur wir Zeitungsmenschen scheinen zu arbeiten – den Spaß am Fasching lassen wir uns trotzdem nicht nehmen. Schon beim Bäcker, bei dem ebenfalls gearbeitet wird und wo ich mich standesgemäß mit Krapfen für die ganze Redaktion ausstatte, erblicke ich morgens um 10 die ersten kostümierten Gestalten.

Die Redaktion ist verkleidet

Und auch meine Kollegen schlüpfen heute in andere Rollen. Der Chef vom Dienst ist heute ein Malle-Urlauber, die Sekretärin erscheint im Wild-West-Outfit, die Chefin kommt mit Strohhut zur Arbeit, und ich berichte heute im 80er-Jahre-Style. Ohne Verkleidung würde ich an diesem Tag aber auch wirklich auffallen. Schließlich spricht mein Terminkalender eine klare Sprache: In Donauwörth wird Tandlerfasching gefeiert – Tausende strömen verkleidet in die Stadtmitte. Auf der Bühne tanzen Showtänzer und Gardemädchen aus ganz Bayern. Sogar das Prinzenpaar aus München ist angereist. Es ist das größte Gardetreffen im süddeutschen Raum. Unten vor der Bühne wird kräftig gefeiert – um 12 Uhr geht die Party los, und bis in die späten Abendstunden stoßen die Donauwörther auf den Rosenmontag an.

Redakteure und der Volontär feiern den fasching standesgemäß in bunten Outfits. Foto: Manuel Wenzel

Im besten Fall bedient man der Volontär alle Kanäle – von Online-Videos bis zum Print-Artikel

Für mich als Volontär ist das die erste Bewährungsprobe. Wichtigste Arbeitsutensilien an diesem Tag: Smartphone und Kamera. Denn das Interview mit dem Präsidenten des Donauwörther Faschingsvereins, gibt es nicht nur am nächsten Tag in der Zeitung zu lesen – sondern bereits um kurz vor 12 Uhr live auf Facebook zu sehen. Auch darauf werden wir Volontäre geschult, möglichst crossmedial zu arbeiten und alle Kanäle zu bedienen. Viele, die noch auf der Arbeit sind, klicken rein und sammeln online die ersten Eindrücke.
Die nächsten Stunden gleichen einem Etappenlauf. Überall entdecke ich kreativ verkleidete Menschen – von Obelix bis zum Pfarrer. Der Satz, den ich heute am häufigsten benutze ist so kurz wie effektiv: „Darf ich schnell ein Foto von Ihnen machen?“ Und zack, sind die ersten 100 Bilder gespeichert. Flink eile ich die wenigen hundert Meter in die Redaktion zurück, um die erste Bildergalerie anzulegen.
Stressig kann es da schon mal werden, wenn man sich um Videos, Fotos und den Text gleichzeitig kümmert. Schlechte Laune kann bei den ganzen vielen gut gelaunten Menschen aber besonders an diesem Tag gar nicht aufkommen. Und Zeit, um mit den Kollegen Krapfen zu essen, bleibt immer noch genug.