Brigitte Mellert

Brigitte Mellert ist ein Münchner Kindl –aufgewachsen direkt neben der Allianz Arena, dauert es nicht lange, bis sich ein Berufsziel herauskristallisiert: Sportjournalistin. Nur wie? Kann man das studieren? Kann man. Nach ein paar Irrungen und Wirrungen landet sie in Tübingen und studiert im Herzen des württembergischen Schwaben Sportpublizistik. Nach dem Bachelor tauscht sie Weckle wieder gegen Semmeln und macht in Eichstätt ihren Master. Ihre ausgiebige Studienzeit nutzt sie für Praktika und testet, in welchen Bereich sie mal arbeiten möchte. Die Zeitung soll es sein. Mit diesem Ziel kommt sie als Volontärin zur Augsburger Allgemeinen und schreibt in ihrem Lokaljahr für die Redaktion Augsburger Land in Gersthofen.

Alles, was uns bewegt

Mehr als nur ein gewöhnlicher Termin

Der Alltag eines Journalisten findet nicht nur am Schreibtisch statt: In meiner Zeit als Volontärin in der Lokalredaktion der Augsburger Allgemeinen in Gersthofen habe ich häufig Gesprächstermine vor Ort übernommen. Viele unterhaltsame Gespräche waren dabei, aber auch solche, die lange Zeit danach noch zum Nachdenken anregen.

Als Volontärin der Augsburger Allgemeinen haben mich Gesprächstermine während meines ersten Ausbildungsjahres in der Lokalredaktion Augsburg Land immer wieder an die wundersamsten Orte gebracht: So habe ich zum Beispiel ein Interview zwischen wertvollen Kunstwerken geführt und nach einer launigen Feier einem Mann, der bereits genüsslich an seinem Gläschen Sekt nippte, ein Zitat abgerungen. Oder – und das war häufig Teil meines Alltags – ich habe einer Erzieherin inmitten lärmender Kinder eine Aussage entlocken wollen. Erwartungsgemäß gestaltete sich das schwierig. Besonders berührt haben mich in den vergangenen elf Monaten aber zwei Gesprächspartner, die mich tief in ihre Privatsphäre gelassen haben: in ihr Wohnzimmer.

Das gesamte Jahr über veröffentlichten wir bei uns in der Lokalausgabe die Serie „Hausbesuche“. Wie der Name schon sagt, besuchten wir Menschen aus dem Landkreis Augsburg, die besonders leben. Das kann eine lustige Sammellust sein, die sich im Haus widerspiegelt. Genauso habe ich aber auch Menschen in ihrem Zuhause besucht, deren Leben durch Schicksalsschläge nachhaltig verändert wurden. Die Gespräche mit ihnen sind mir auch Monate später nicht aus dem Kopf gegangen. Der Einblick in ihr Privatleben und ihre Ehrlichkeit mir gegenüber, einer fremden Reporterin, haben mich sehr beeindruckt.

Zu Besuch bei einer schwerbehinderten jungen Frau 

So bin ich relativ am Anfang meines Volontariats bei Franziska Ottlik daheim gewesen. Franziska ist 25 Jahre alt und schwerbehindert. Sie ist halbseitig gelähmt, leidet unter Spastiken, Epilepsie und zudem an Dyspraxie – einer Koordinationsstörung, bei der ihr Gehirn nicht weiß, wo sich der Körper befindet. Betroffenen fällt es schwer, sich so zu bewegen, wie sie es wollen. Schon seit Jahren schreibt sie eine Kolumne für die Jugendseite der Augsburger Allgemeine. Bislang kannte ich aber nur ihr Bild. Umso gespannter war ich, sie endlich persönlich kennenzulernen.

Als ich an der Tür ihrer Wohnung in Gersthofen klopfte, hörte ich von drinnen nur aufgeregtes Rufen. Ich wurde nervös – was erwartet mich in einem Gespräch mit einer schwerbehinderten Frau, die sich nicht mit Worten artikulieren kann? Wie reagiere ich auf sie? Ich wollte ihr auf keinen Fall das Gefühl geben, dass ich mich unwohl fühle. Schließlich öffnet sich die Tür und Franziska steht im Türrahmen, mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Ihr Gang wirkt abgehackt, ihre Hand zieht sie angewinkelt an ihren Körper. Wegen der Spastiken hat Franziska Schwierigkeiten, sich frei zu bewegen. Trotzdem streckt sie mir sofort die Hand zur Begrüßung hin. Ohne, dass wir uns in die Augen blicken, schütteln wir uns kurz die Hand – bevor die Situation aber unangenehm werden kann, erscheint hinter ihr ihre Betreuerin Margit. Franziska lebt mit einem Autisten in einer WG, mehrere Betreuer sind rund um die Uhr für die beiden da.

Hausbesuche bei Franziska Ottlik. Franziska Ottlik aus Gersthofen ist halbseitig gelähmt und leidet an Epilepsie. Trotzdem sieht es bei ihr zu Hause nicht viel anders aus als bei anderen 25-Jährigen.

Franziska führt mich ins Wohnzimmer, vorbei an einem Medizinschrank, der im Flur steht. Aber auch an bunten Bildern und Fotos, die an der Wand hängen. Eigentlich sieht es nicht viel anders aus als in einer normalen WG, denke ich mir im ersten Augenblick. Im Gespräch mit ihr wird dieser Eindruck bestätigt. Zwar ist Franziska stark beeinträchtigt, hat aber die gleichen Wünsche und Hoffnungen wie jede andere 25-Jährige: Konzerte, Reisen, Freundschaften pflegen. Der Unterschied: Sie ist immer in Begleitung ihrer Betreuer, umso inniger und vertrauter erscheinen Margit und Franziska im Gespräch.

Mit vielen Eindrücken und großem Respekt vor der Lebensfreude Franziskas verabschiede ich mich nach einer Stunde. Den Text für den Artikel kann ich nicht sofort niederschreiben, wie ich es sonst mache. Zu eindringlich war das Gespräch.

Ein blinder Mann erklärt mir seine dunkle Welt 

Eine ähnlich berührende Erfahrung hatte ich wenige Wochen später, als ich Alfred Schwegler kennengelernt habe. Er ist seit vielen Jahren blind und lebt mit seiner Frau Gerlinde zusammen. Auch dieses Mal sitze ich in ihrem Wohnzimmer. Ein Zimmer, das geschmückt ist mit Fotos der Kinder. Kinder, die er nie richtig gesehen hat. „Ich habe auf meinen Sohn als Baby noch alleine aufgepasst“, erinnert sich der 63-Jährige an die Anfangszeit zurück. Wie die beiden jüngeren Söhne aussehen, weiß er allerdings nicht, seine Augenerkrankung war zu dem Zeitpunkt schon zu weit fortgeschritten. Dieser Satz, den er mir im Vorbeigehen  sagt, bleibt mir das gesamte Gespräch über im Kopf. Wie ist es, seine eigenen Kinder nicht zu sehen, sondern nur noch hören zu können? Für mich unvorstellbar.

Seit vielen Jahren hilft er auch Menschen, die bald erblinden, den Übergang in die Dunkelheit zu erleichtern. Seine Worte zeigen viel Einfühlungsvermögen und Verständnis für die Angst vor dem Unbekannten und helfen auch mir, die Scheu vor seiner Erblindung zu verlieren. Ich merke, wie er mir gegenüber immer offener wird und aus seinem Leben erzählt. Besonders berührt hat mich der Umgang zwischen ihm und seiner Frau, die ihn immer wieder an der Hand durch seinen Garten führt. Denn obwohl er seit Jahren nichts mehr sieht, pflegt er diesen noch immer alleine.

Alfred Schwegler ist blind, kennt sich trotzdem bestens in seinem Garten aus. In manchen Momenten muss ihn trotzdem seine Frau Gerlinde an der Hand führen.

Zwar bin ich nach solchen Terminen emotional immer völlig geschafft und geplättet. Dennoch nehme ich auch viel für mich mit und freue mich, dass mir fremde Menschen so einen privaten Einblick in ihr außergewöhnliches Leben gegeben haben.

Nach Redaktionsschluss

Fränkische Käsespätzle mit Oreos und eine Bergtour

Wer exotische Gerichte und außergewöhnliche Rezepte testen will, bucht in der Regel eine Reise nach Asien oder Lateinamerika. Soweit mussten wir vier Volontäre der Günter Holland Journalistenschule nicht fahren. Genauer gesagt, wir waren im oberfränkischen Kulmbach. Dort haben wir auf dem Volksfest eine kreative Interpretation der Allgäuer Käsespätzle probiert.

Wer exotische Gerichte und außergewöhnliche Rezepte testen will, bucht in der Regel eine Reise nach Asien, Lateinamerika oder an andere Orte mit unterschiedlicher Kochkultur. Soweit mussten wir vier Volontäre der Günter Holland Journalistenschule nicht fahren. Genauer gesagt, wir sind ins Auto gestiegen und zwei Stunden später im oberfränkischen Kulmbach angekommen. Dort haben wir auf dem Volksfest eine kreative Interpretation der Allgäuer Käsespätzle probiert.

Zwei Wochen waren wir bei der Akademie der Bayerischen Presse in Kulmbach und lernten die Besonderheiten des Zeitungsjournalismus kennen. Wie recherchiere ich Themen richtig, wie schreibe ich eine packende Reportage und wie führe ich ein Interview? Zusammen mit acht weiteren Volontären, die für unterschiedliche Zeitungen schreiben, näherten wir uns diesen Themen an. Geleitet wurden die Kurse von Redakteuren der Süddeutschen Zeitung, der Frankenpost und der Nürnberger Nachrichten.

Ab aufs Volksfest

Aber auch nach den Seminartagen endete unsere Neugier nicht. Wir wollten Kulmbach kennenlernen. Und wie geht das einfacher, als durch einen Besuch des dortigen Volksfestes? Der Magen knurrte laut und so steuerten wir zielstrebig auf den Stand mit der Aufschrift „Käsespätzle“ zu – kann man nichts falsch machen, dachten wir uns. Der Blick auf die Auswahl erstaunte uns doch: Käsespätzle mit Oreos oder Nutella. Das soll schmecken? Sicher waren wir uns nicht, die Neugier war aber größer. Mit schlechter Vorahnung schoben wir einen Fünf-Euroschein über die Auslage und bestellten einmal Käsespätzle mit Oreos. Deftiger Käse, röstige Zwiebeln und süße Schokokekse – nun gut. Einen Versuch ist es wert. Das schelmische Grinsen des Verkäufers, als er unsere Bestellung hörte, ignorierten wir. „Ihr seid heute die ersten, die das bestellen“, sagte er noch. „Kann aber schmecken“, setzte er beherzt hinterher. Zweifelnd beobachteten wir, wie er die Kekse über den geschmolzenen Käse zerbrach. Vielleicht schmeckt‘s ja besser, als es aussieht. Kurz gesagt: tat es nicht. Unser Volokollege Max Kramer probierte den ersten Bissen, der zugleich auf Video festgehalten wurde. Ein Blick verrät mehr als tausend Worte, sagt ja schon ein altes Sprichwort.

Nach Seminarende gehts in die Berge

Wer sich den Bauch vollschlägt, braucht auch Bewegung zum Ausgleich. So schnappten sich Christof Paulus und ich unsere Rennräder und fuhren zum nahegelegenen Schneeberg. Entlang an kleinen Flüssen, quer durch malerische fränkische Dörfer und hinauf auf den Berg: 1051 Höhenmeter sagte die Karte. Der Ehrgeiz hatte uns gepackt, da radeln wir hoch! Keuchend traten wir in die Pedale und kämpften uns Meter um Meter voran, zwei Mal überholten uns Einheimische mit einer frechen Lockerheit auf ihrem Rad. Sei‘s drum. Verschwitzt und mit brennenden Oberschenkeln kamen auch wir am Gipfel an. Für die Aussicht auf das Fichtelgebirge hatte sich die Anstrengung gelohnt. Kurzes Erinnerungsfoto für die im Hotel zurückgebliebenen Kollegen und schon ging es wieder den Berg hinab. Runter gings dann ganz schnell. 

Christof Paulus und Brigitte Mellert schnappten sich nach Seminarende ihre Fahrräder und strampelten den Schneeberg in der Nähe vom Kulmbach hinauf.