Jonathan Mayer

Jonathan Mayer, geboren 1996, ist in einem kleinen Dorf namens Veitriedhausen im Landkreis Dillingen aufgewachsen. Schnell wurde er der ländlichen Idylle zwischen Wald und Wiesen überdrüssig und verließ die Heimat, um in der Großstadt sein Glück zu suchen. So begann er in Augsburg sein Studium der Sozialwissenschaften, was übrigens rein gar nichts mit Erziehung zu tun hat, sondern mit Politikwissenschaften und Soziologie. Den Unterschied zu erklären, wurde er schnell leid. Während eines Praktikums bei der Donau Zeitung fand Jonathan eher zufällig zum Journalismus, freut sich dafür aber umso mehr auf seine Zeit in Illertissen.

Jeden Tag ein Abenteuer

Ein Volo macht den Abflug

Links Flugbeobachter Siegfried Möst, der den Stützpunkt der Luftrettung in Illertissen leitet, und rechts Florian Dollinger, der ausgebildeter Flugbeobachter ist. Foto: Jonathan Mayer

Ein Volontär hebt ab und zwar buchstäblich. Jonathan Mayer war mit Flugbeobachtern vom Stützpunkt in Illertissen unterwegs. Was er dabei erlebte und wie Schwaben von oben aussieht.

Als Volontär der Augsburger Allgemeinen bin ich es gewohnt, mich in vielen verschiedenen Themengebieten auszuprobieren. Von Porträts über Punk-Rock-Bands bis zu Dorfläden auf vier Rädern war bisher vieles dabei. Dass ich einmal in einem Kleinflugzeug hoch oben über Schwaben nach Waldbränden Ausschau halten würde, hätte ich zu Beginn des Volontariats an der Günter Holland Journalistenschule aber nicht gedacht.

Auf dem Flugplatz in Illertissen ist es heiß. 32 Grad hat es heute. Ich stehe vor der Start- und Landebahn und warte. Wären da nicht der Windanzeiger und die kleinen Flugzeuge, könnte man die Strecke für eine gut gemähte Wiese halten. Langsam breitet sich in meinem Magen ein eher ungutes Gefühl aus. War das wirklich eine gute Idee?

Eigentlich freue  ich mich seit Tagen auf den Termin. Für die Illertisser Zeitung, meine Heimatausgabe der Augsburger Allgemeinen will ich eine Reportage über die Flugbeobachter am Stützpunkt in Illertissen schreiben. Die waren im Sommer regelmäßig in der Luft über Südschwaben unterwegs, um nach Waldbränden Ausschau zu halten. Warum ich mich so freue? Weil ich noch nie in einem Kleinflugzeug geflogen bin. Außerdem wird das hier meine erste Multi-Media-Reportage. Mit  Block, Kamera und Handy stehe ich also bereit. Doch unser Abflug verzögert sich. Und je länger ich hier in der Hitze warte, desto nervöser werde ich. Was erwartet mich in dem kleinen Flieger eigentlich? Nun, gleich werde ich es erfahren. Der Pilot gibt mir das Kommando, ich steige über den Flügel in die Maschine, quetsche mich auf die Rückbank und los geht’s.

Blick auf ein brennendes Landwirtschaftsgebäude bei Kaufbeuren. Foto: Philipp von Criegern

Nach dem Start dauert es knapp zehn Minuten – dann wird mir übel

Nach einem holprigen Start über die als Landebahn getarnte Wiese geht es hoch in die Luft. In gerade einmal 300 Metern Höhe fliegen wir über den Süden Schwabens. Die beiden Beobachter sitzen vor mir und suchen den Boden nach allem ab, was nach einer Rauchwolke aussehen könnte. Ich indes versuche, souverän zu wirken und bin eigentlich ganz froh, dass mich hier hinten niemand sieht. Schließlich sind meine zwei Begleiter mit Feuersuchen beschäftigt.  Das ständige Ruckeln und die Luftlöcher machen mir das Souverän-Wirken jedoch zunehmend schwer. Wie eine Achterbahnfahrt hatte ich mir das hier eigentlich nicht vorgestellt. Doch meine Bemühungen sind umsonst. Mir wird übel. Ich suche also eine Ablenkung. Denn schon als Kind habe ich bei langen Autofahrten gelernt: Wenn dir schlecht wird, beschäftige dich irgendwie. Baldriantropfen habe ich ja leider gerade nicht parat. Und dann fällt mir wieder ein, dass ich ja nicht  zum Spaß hier bin (zumindest nicht nur) und ich fange an, Fotos und Videos zu schießen. Und tatsächlich: Es hilft. Mein Magen beruhigt sich.

Einen Brand finden wir nicht, dafür gibt es aber wilde Flugmanöver

Wir fliegen von Illertissen nach Süden ins Allgäu und in den Norden bis zur Donau. Von dort oben lerne ich als Volontär in der Fremde die Gegend von ganz anderen Seiten kennen. Trotz meines anfänglichen Unbehagens genieße ich die Aussicht und fange an, selbst nach Rauchsäulen Ausschau zu halten. Sechs Augen sehen ja bekanntlich mehr als vier. Knapp 50 Minuten sind wir in der Luft. Immer wieder sehen wir am Boden kleine Staubwolken von Landmaschinen. Ein Feuer finden wir nicht. Trotzdem lässt es sich der Pilot nicht nehmen, mir einige Manöver zu zeigen, die er fliegen müsste, wenn er die Helfer der Feuerwehr zu einem Brand in einem Wald lotsen müsste. Er fliegt drei, vier sehr steile Kurven, sodass sich das Flugzeug senkrecht zum Boden neigt. Gleichzeitig breitet sich in meinem Magen wieder dieses ungute Gefühl aus. Aber ich habe Glück. Der Pilot zeigt Erbarmen und lenkt die Maschine wieder in Richtung Illertissen.

Nach der Landung fahre ich – immer noch leicht zitternd – zurück in die Redaktion und sichte die knapp 120 Bilder auf der Kamera plus Videos auf meinem Handy. Wie die geworden sind und was es mit den Luftbeobachtern auf sich hat, lest ihr hier.

Jeden Tag ein Abenteuer

Ein Volo geht ins Krisengebiet

Darauf wird niemand vorbereitet: Gerade erst in der Lokalredaktion eingelebt, geht es für Jonathan Mayer ins Krisengebiet. Er berichtete live von einer Bombenentschärfung samt Großevakuierung in Neu-Ulm. Wie es dazu kam und was ihn dort erwartete.

Es ist Freitag, 16. März, kurz nach 15 Uhr. Ich bin jetzt seit fünf Wochen Volontär in der Lokalredaktion in Illertissen und arbeite gerade an einem Artikel für die Samstagsausgabe. Innerlich freue ich mich schon auf das Wochenende. Nur noch ein paar Stunden, dann ist es soweit.
Ich schreibe die letzten Sätze meines Artikels, als das Telefon klingelt. Auf dem Display steht der Name meines Redaktionsleiters. Ich bin verwundert. Es kommt nicht oft vor, dass mich mein Chef, der den größten Teil der Woche in der Redaktion Neu-Ulm arbeitet, anruft. Als ich den Hörer abnehme, sagt mein Chef nur: „Ich habe ein Attentat auf dich vor.“ Ich denke mir: „Was kommt denn jetzt?“ Kleinlaut sage ich etwas wie: „Was denn?“ Mein Chef: „In Neu-Ulm wird am Sonntag eine Fliegerbombe entschärft. 12.600 Menschen müssen ihre Häuser verlassen. Wir brauchen jemanden, der einen Liveblog für die Website macht.“ Ich sage natürlich zu, auch wenn ich mich im ersten Moment nicht so recht dafür begeistern kann. Was kommt da auf mich zu? Wie läuft das alles ab? Auf so etwas wurde ich im Einführungskurs an der Günter Holland Journalistenschule nicht vorbereitet. Zu allem Überfluss sagt mein Redaktionsleiter noch: „Das wird deine Feuerprobe.“ Vielen Dank auch. Den restlichen Arbeitstag verbringe ich damit, mir von der Onlineredaktion der Augsburger Allgemeinen erklären zu lassen, wie die App funktioniert, mit der der Liveblog bedient wird. Dort macht man mir mehr Hoffnung. „Sowas ist ziemlich cool“, heißt es vom zuständigen Redakteur bei augsburger-allgemeine.de. Langsam freue ich mich auf den Tag. Einsatz im Krisengebiet. Das klingt gut in meinen Ohren. Gleichzeitig heißt es aber: „Am besten sollte alle 15 Minuten ein neuer Eintrag im Blog stehen.“ Wie bitte? Wie soll ich das denn schaffen?

Das Wetter spielt nicht mit

Sonntagmorgen, 6.30 Uhr. Mein Wecker klingelt. Um acht Uhr geht es los. Dann ist Treffpunkt am Pressezentrum, das am Rande der Evakuierungszone aufgebaut wird. Ich wohne in Neu-Ulm, brauche also nicht lange dorthin. Aus dem Tiefschlaf gerissen quäle ich mich aus dem Bett. Eigentlich ist Redaktionsbeginn erst um 10 Uhr. So früh wach zu sein, bin ich nicht gewohnt. Beim morgendlichen Blick aus dem Fenster dann der erste Schock: Es liegt Schnee. Mindestens fünf Zentimeter. Wann ist das denn passiert?
Der nächste Schock folgt beim ersten Schritt aus der Tür: Es ist kalt. Verdammt kalt. Das Thermometer in meinem Auto zeigt vier Grad unter null an. Und ich habe keine wasserdichten Schuhe. Das kann ja heiter werden. Etwas widerwillig mache ich mich auf den Weg zum Pressezentrum und hoffe auf ein beheiztes Zelt für die Medienvertreter und vielleicht einen warmen Kaffee. Doch dann die Enttäuschung: Da ist kein beheiztes Zelt, da ist nur ein Container mit Stühlen darin. Immerhin: Es gibt Kaffee aus der Thermoskanne und eine mehr oder weniger wärmende Elektroheizung. So hatte ich mir das nicht vorgestellt.
Zu Beginn werden die Journalisten noch einmal von den Pressesprechern der Stadt Neu-Ulm und der Polizei gebrieft: Konkret geht es um eine 500-Kilo-Bombe, die in der Nähe des Bahnhofs von Bauarbeitern gefunden wurde. Zudem gibt es einige Meter entfernt einen zweiten sogenannten Verdachtspunkt. Die Polizei vermutet dort noch einen Sprengsatz, muss das aber erst näher untersuchen. Falls die Befürchtungen stimmen, wird auch diese Bombe noch heute entschärft. Ab halb neun wird die Stadt evakuiert. Dann entschärft. Und dann geht’s hoffentlich bald wieder in die warme Wohnung. Eine Sache ist besonders wichtig: Wenn die Bombe entschärft ist, dürfen wir Journalisten die Nachricht nicht sofort veröffentlichen. Die Polizei will das zuerst selbst über Twitter tun, um einen zu plötzlichen Andrang der Bewohner an den Kontrollposten zu verhindern. Weitere Infos gibt es erst in ein paar Stunden, wenn die Evakuierung in vollem Gange ist. Bis dahin können wir Journalisten tun, was wir wollen. Das heißt für mich: Ich laufe durch die Kälte zur Evakuierungszone und rede mit Passanten, Polizisten und Feuerwehrleuten über die Lage und ihre Planungen für den Tag.

Die Stimmung unter den Journalisten ist mies

Ich treffe viele, die ihre Wohnungen verlassen. Sie sind alle aufgeschlossen und überraschend munter. Ein älteres Ehepaar macht sogar noch ein paar Witze und erzählt mir von seiner Tagesplanung: erst zum Gottesdienst, dann Mittagessen, ins Kino und vielleicht noch in eine Kunstaustellung. Irgendwie hatte ich mir das anders vorgestellt. Ich dachte die Menschen seien besorgt, hätten Angst. Schließlich ist das hier ja Krisengebiet. Aber falsch gedacht: Niemand macht sich Sorgen. Alle nehmen die Lage so hin, wie sie ist.
Zurück am Pressecontainer. Dort ist die Stimmung eindeutig mieser. Die knapp 15 Journalisten von sechs verschiedenen Medien stehen draußen in der Kälte und frieren. Alle sind da: Fernsehen, Radio, Zeitung. Auch ein Fotograf der dpa ist zugegen. Im Gespräch fallen von manchen Kollegen Sätze wie: „Von wegen Traumberuf Journalist. Ich steh‘ hier und frier‘ mir die Zehen ab.“ Oder: „Wegen so einer kleinen Bombe machen die so einen Aufstand.“ Für die meisten ist das hier nicht die erste Entschärfung. Ein paar von ihnen erzählen von der „Weihnachtsbombe“ 2016 in Augsburg. „Da war was los! Das ist was gewesen!“ Ich hingegen bin von alledem nach wie vor beeindruckt, schließlich ist das hier meine erste Evakuierung – und dazu noch die größte, die es in Neu-Ulm je gegeben hat.
Gegen Mittag kommt der Höhepunkt des Tages: Zusammen mit der Polizei dürfen wir Journalisten in die Evakuierungszone fahren und die Helfer von Feuerwehr und THW bei ihrem Rundgang durch die Stadt begleiten. Auf diesen Moment habe ich mich am meisten gefreut. Zu weiten Teilen wirkt die Innenstadt Neu-Ulms wie eine Geisterstadt. Die Straßen sind leer. Wo man sonst im täglichen Straßenverkehr einen Nervenzusammenbruch befürchten muss, ist jetzt niemand zu sehen. Der Anblick der menschenleeren Stadt fasziniert mich. Die Journalisten machen wie wild Fotos – und ich füttere den Liveblog der Augsburger Allgemeinen mit Infos.
In manchen Häusern sind noch immer Menschen. Die werden jetzt von den Helfern darauf hingewiesen, dass sie das Gebiet verlassen sollen. Die meisten sehen das ein und gehen. An einem Haus treffen wir auf einen mit Akzent sprechenden Mann, der nicht so recht versteht, was überhaupt los ist. Aber auch er packt seine Sachen und geht. Eine Kollegin interviewt ihn und will wissen, was er von alledem hält. „Ich verstehe die Aufregung nicht“, sagt er. Er komme aus Syrien. Dort seien Bomben normal. An eine Evakuierung denke deshalb noch lange niemand. Damit sorgt er bei uns Journalisten noch bis zum Abend für Erheiterung – und setzt die ganze Aufregung um die Bombe ins Verhältnis.
Nach dem Ausflug in die Evakuierungszone geht es für mich in eines der beiden Auffangzentren, wo die Menschen unterkommen können, die für den Tag sonst keine Bleibe gefunden haben. Auch hier wirken die meisten zufrieden. Es gibt Eintopf vom Roten Kreuz. Manche spielen Karten, andere lesen. Die Kinder spielen Fangen. Niemand hier macht sich Sorgen. Im Gespräch mit den Menschen hört man immer wieder den Satz: „Bei so einer Entschärfung ist doch noch nie etwas passiert.“ Na hoffentlich bleibt das auch so.

Erst nachmittags wird es wirklich brisant

Wieder am Pressecontainer. Um 13 Uhr kommt die erste gute Nachricht des Tages: Am Verdachtspunkt, wo eine zweite Bombe befürchtet wurde, sind die Arbeiten abgeschlossen. Eine Bombe fand man dort nicht. Nur Bauschutt. Endlich gibt es auch knallharte Fakten für meinen Liveblog. Bisher haben sich meine Nachrichten nämlich auf Interviews, Beschreibungen und Hintergrundinfos beschränkt.
Dann, knapp eineinhalb Stunden später, wird es ernst. Die Evakuierung ist abgeschlossen, die Bombe wird entschärft. Die Journalisten wärmen sich so lange im Pressezentrum auf. Natürlich glaubt niemand, dass etwas passiert. Dementsprechend ruhig, fast ausgelassen ist die Stimmung im Container. Knapp eine Stunde lang vertreiben wir uns die Zeit. Die älteren Journalisten schwadronieren wieder über die „Weihnachtsbombe“ – und über Fußball. Wie die gerade jetzt darauf kommen, kann ich mir nicht erklären. Dazu gibt es die erste Mahlzeit des Tages: Schwarzbrot und Wiener Würste. Als wir einen Zug über die nahen Gleise rollen hören, fragen wir uns, ob denn die Bombe jetzt entschärft sei. Denn währenddessen durfte kein Zug fahren. Schnell tippe ich in mein Handy, schließlich will ich die gute Nachricht als Erster veröffentlichen. Dann fällt mir wieder das von der Polizei erlassene Nachrichtenembargo ein. Ich muss warten. Die offizielle Bestätigung bekommen wir erst knapp eine halbe Stunde später, als gefühlt ohnehin schon jeder Bescheid weiß.
Dann geht es zur Fundstelle, wo die beiden Sprengmeister, die die Bombe entschärft haben, Interviews geben. Nach den Gesprächen dort geht alles ganz schnell. Die anderen Journalisten schießen noch ein paar Fotos und verschwinden schlagartig. Ich für meinen Teil kehre zurück in die Innenstadt, schaue mich noch um, interviewe ein paar Passanten und mache mich dann auf den Weg in die Neu-Ulmer Redaktion. Dort schreibe ich noch ein paar Zeilen für die nächste Ausgabe. Denn trotz des ganzen Livetickerns will ich am Ende immer noch Zeitungsredakteur werden. Um 19 Uhr, nach über elf Stunden, geht es auch für mich nach Hause. Ich bin müde und durchgefroren. Immerhin: Dank der Heizung in der Neu-Ulmer Redaktion spüre ich meine Zehen wieder. Trotzdem bin ich glücklich. Der Tag war spannend, und alles andere als alltäglich. Eindrücke wie heute erhält man sonst nie.
Am nächsten Tag geht es wieder wie gewohnt in die Redaktion nach Illertissen. Im Laufe des Montags kommen aus der Onlineredaktion die Zahlen zum vergangenen Tag: Mehr als 15.000 Aufrufe hatte der Liveblog auf augsburger-allgemeine.de. Das beeindruckt mich. Und zugegeben: Einen frisch gebackenen Volo wie mich macht das ein wenig stolz. Die Feuerprobe ist bestanden.
Hier geht es zur Berichterstattung über die Entschärfung, hier zur Bildergalerie und hier zum Live-Ticker der Augsburger Allgemeinen.