Christoph Lotter

Christoph Lotter, Jahrgang 1992, geboren in Augsburg, aufgewachsen in Obergriesbach bei Aichach. Ein Landei. Erstes Wort: „Schlüssel“ – Deutschnoten trotzdem mäßig: „Er war bemüht“. Die Schulakte füllt derweil ganze Bücher; Freigeist und Frohnatur wie das Urmele eben. Mittlerweile aber unerschütterlicher Ruhepol mit haarsträubender Schwäche für absurd anmutende Alliterationen. Die lebte er während seines Studiums Technikjournalismus/Technik-PR in Nürnberg als Werksstudent in der Online-Redaktion der Nürnberger Nachrichten zur Genüge aus – überwiegend im Sportteil. Hat übrigens auch selbst einen ausgeprägten Bewegungsdrang. Den muss er in seinem ersten Volo-Jahr in der Redaktion der Neu-Ulmer Zeitung zügeln.

Jeden Tag ein Abenteuer

Ein Volontär im Fotomonat zu Besuch bei der AfD

Die AfD Ortsgruppe Meitingen feierte in Ellgau ihr siebenjähriges Bestehen. Foto: Christoph Lotter

Zu Beginn meines zweiten Ausbildungsjahres an der Günter Holland Journalistenschule bin ich für einen Monat als Fotograf in der Lokalredaktion in Gersthofen unterwegs. Einer der vielen Termine, bei denen ich für die Augsburger Allgemeine fotografiere, führt mich nach Ellgau. Dort feiert ein AfD-Ortsverband das siebenjährige Bestehen der Partei.

Ich will ehrlich sein, es ist ein Abendtermin der unangenehmeren Sorte: Parteiveranstaltung. Noch dazu bei der umstrittenen Alternative für Deutschland (AfD). Der Ortsverband Meitingen feiert das siebenjährige Bestehen der Partei . Geschlossene Veranstaltung, die Parteimitglieder wollen unter sich sein. Den Ortsverband gibt es übrigens erst seit ein paar Monaten – weil die Gruppierung kaum noch irgendwo erwünscht ist, treffen sich die Anhänger der alternativen Ansichten in diesem Fall in einem Wirtshaus in der beschaulichen Gemeinde Ellgau, knapp sieben Kilometer nördlich von Meitingen. „Bring ein Foto mit – mal sehen, ob es Proteste gibt“, sagt Christoph Frey, Redaktionsleiter in Gersthofen, noch zu mir. Seit ein paar Tagen darf ich dort als Volontär der Günter Holland Journalistenschule mit der Kamera statt mit der Feder berichten. Vier Wochen dauert der Fotomonat während meiner Ausbildung bei der Augsburger Allgemeinen. Anleitung und Feedback erhalte ich während dieser Zeit von Marcus Merk, dem Profifotografen der Redaktion Gersthofen.

Von Gegnern der Partei ist bei meiner Ankunft in Ellgau keine Spur zu sehen. Stattdessen begrüßt mich bei meinem Eintritt in die Stube ein zwei Meter großer Mann in schwarzem Anzug mit den Worten: „Aha, Sie sind also der Herr von der Presse. Wir haben uns schon gewundert, wer da so neugierig aus dem kleinen blauen Auto schaut.“ Ich muss schmunzeln. Ich war ein paar Minuten zu früh auf dem Parkplatz vor den Türen des Wirtshauses aufgeschlagen und hatte die Szenerie noch kurz vom sicheren Autositz aus beobachtet – offenbar nicht unbemerkt.  Denn der glatzköpfige Hüne ist nicht der einzige, der an diesem Abend für einen geregelten Ablauf sorgen soll. An seiner Seite mustern mich fünf weitere Männer in schwarzen Anzügen mit argwöhnischen Blicken. Ihre versteinerten Mienen sprechen eine unmissverständliche Sprache: Für Freundlichkeit ist hier kein Platz.

Geschätzt 100 Parteimitglieder feiern das siebenjährige Bestehen der AfD in Ellgau

Nachdem ich den Sicherheitsleuten den Inhalt meines Fotorucksackes offenbart habe, betrete ich in ihrer Begleitung den Saal, wo sich die geladenen Gäste bereits tummeln. Und die Atmosphäre ändert sich schlagartig. Mehrfach werde ich mit Handschlag und netten Worten begrüßt. „Wir lesen die Augsburger Allgemeine mit großer Freude“, heißt es da etwa. Oder: „Wir freuen uns schon auf ihren neutralen Bericht, Herr Lotter.“ Ich oute mich als Fotograf und erkläre, dass es keinen ausführlichen Bericht von mir geben wird. Freundlich sind sie trotzdem noch zu mir.

Der Raum ist gerammelt voll, überwiegend mit Frauen und Männern in mittlerem bis fortgeschrittenem Alter. Geschätzt 100 Leute haben an langen Holztischen Platz genommen. Auf jedem stehen zahllose kleine Fähnchen in den Farben Schwarz, Rot, Gold. Die Fenster zieren Wahlplakate der AfD. „Rettet den Diesel“ oder „Mittelschicht macht Wohlstand“ steht dort in großen weißen Lettern auf blauem Grund geschrieben. „Rechtsradikale Parolen wird es heute keine geben“, versichert mir die Ortsvorsitzende und verweist auf die prominenten Redner. Die Bundestagsabgeordneten und Ehrengäste der AfD, die später zu ihrem Publikum sprechen werden, haben sich bereits gut sichtbar in der Nähe des Rednerpults platziert.

Die Gäste wollen nicht mit der AfD in Verbindung gebracht werden

„Bitte versuchen Sie, keine Gäste mit erkennbarem Gesicht auf ihren Fotos zu zeigen“, wird mir gesagt. „Das haben die Leute nicht so gerne“, lautet die Erklärung. Das nehme ich wortlos zur Kenntnis, frage mich aber, wieso die Menschen eine solche Veranstaltung besuchen, in so einer Partei sind, aber nicht dazu stehen, nicht in der Öffentlichkeit mit der AfD in Verbindung gebracht werden wollen. Als ich doch nochmal nachfragen will, ist es zu spät – die Ortsvorsitzende hat soeben mit der offiziellen Begrüßung begonnen. Auch ich werde erneut mit Namensnennung und einigen netten Worten willkommen geheißen. Doch der Schein trügt, zwei Sätze später scheint meine Anwesenheit  vergessen – von einer „diffamierenden Berichterstattung in der Presse“ ist die Rede. Die weiteren Inhalte sind von anderen AfD-Veranstaltungen hinlänglich bekannt und sollen hier nicht weiter Erwähnung finden.

Ich knipse schnell meine Fotos und mache mich dann vom Acker. Zugegeben etwas erleichtert. Denn bei aller Freundlichkeit werde ich das Gefühl nicht los, gänzlich unerwünscht gewesen zu sein.

Alles, was uns bewegt

Ein bisschen (nicht ganz uneigennützige) Klartext-Werbung

Vortrag am Lessing-Gymnasium in Neu-Ulm. Foto: Marcel Janczik

Klartext nennt sich die Jugendseite der Augsburger Allgemeinen und ihrer Lokalausgaben. Einmal in der Woche informiert unsere Zeitung junge Leute auf einer eigenen Seite  über spannende und interessante Themen aus der Welt der Jugend. Damit die Themen auch wirklich passend sind, schreibt der Nachwuchs die Artikel selbst. Journalismus von Jugendlichen für Jugendliche sozusagen. Die sogenannten Klartexter fallen aber nicht vom Himmel – ganz im Gegenteil. Sie sind rar gesät. So auch in Neu-Ulm, der Redaktion, in der ich als Volontär der Günter Holland Journalistenschule mein Lokaljahr verbringe. Deshalb habe ich zu einem nicht ganz probaten Mittel gegriffen.

Klartext nennt sich die Jugendseite der Augsburger Allgemeinen und ihrer Lokalausgaben. Einmal in der Woche informiert unsere Zeitung junge Leute auf einer eigenen Seite  über spannende und interessante Themen aus der Welt der Jugend. Damit die Themen auch wirklich passend sind, schreibt der Nachwuchs die Artikel selbst. Journalismus von Jugendlichen für Jugendliche sozusagen. Die sogenannten Klartexter fallen aber nicht vom Himmel – ganz im Gegenteil. Sie sind rar gesät. So auch in Neu-Ulm, der Redaktion, in der ich als Volontär der Günter Holland Journalistenschule mein Lokaljahr verbringe. Deshalb habe ich zu einem nicht ganz probaten Mittel gegriffen.

Betreut werden die jungen Schreiber, die Klartexter, von uns Jung-Volontären. Wir leiten die Nachwuchsjournalisten an, vergeben Themen, redigieren ihre Artikel und legen das Layout der Jugendseite fest. Eben ganz so, wie es unsere erfahrenen Kollegen als Redakteur täglich mit den „normalen“ freien Mitarbeitern und den „normalen“ Lokalseiten tun. Ein gutes Training für uns Volontäre also. Das Problem: keine Klartexter, keine Texte. In diesem Fall muss ich als Volo selbst ran. Die Alternative: Ich kopiere Artikel von anderen Jugendseiten. Der gewünschte Lerneffekt ist  in letzterem Fall aber gleich null. Im Klartext: keine gute Sache. Also habe ich mir die Frage gestellt: Was tun? Und bin prompt auf eine mögliche Lösung meines Dilemmas gestoßen.

Als Volontär der Augsburger Allgemeinen geht es zurück an ein Gymnasium

Wo treffe ich die meisten Jugendlichen auf einmal an, habe ich mich gefragt. Die Antwort: in der Schule. Und wo haben die Schüler wohl am meisten Lust auf Schreiben, habe ich mich gefragt. Die Antwort: am sprachlichen Gymnasium. Kurzerhand habe ich also den Telefonhörer in die Hand genommen und die Nummer der Schulleiterin des Lessing-Gymnasiums in Neu-Ulm getippt. Die Schule ist gleich ums Eck, hab´ ich mir gedacht. Und fragen kostet ja nichts, habe ich mir gedacht. „Hallo, Christoph Lotter von der Neu-Ulmer Zeitung … ich hätte da mal eine Frage“, habe ich schließlich gesagt. Keine fünf Minuten später kam von der Schulleiterin schon ein begeistertes „ja, das machen wir“.

Der, jetzt gemeinsame, Plan: Ich darf vor insgesamt vier Klassen der Oberstufe zwei Vorträge über meinen Beruf, Journalismus und die Medienbranche halten – und (aus nicht ganz uneigennützigen Gründen) am allerwichtigsten, auch viel Werbung für die Jugendseite machen. Gesagt, getan. Nach vielen Stunden der Vorbereitung, anfangs schlotternden Knien (in aller Regel stehe ich in meinem Beruf nicht auf, sondern vor der großen Bühne) und fast zwei Stunden interessantem Dialog mit insgesamt knapp 80 Schülern hatte ich fünf neue motivierte Klartexter auf einen Schlag eingetütet. Und weil das ganze Unterfangen scheinbar auch bei den Lehrern gut ankam, hat mich die Schulleiterin gleich um zwei weitere Vorträge im Herbst gebeten. Im Klartext: eine gute Sache.