Veronika Lintner

Veronika Lintner ist ein schwäbisches Gewächs. 1989 wird sie in Augsburg geboren - und schnell nach Jettingen-Scheppach bei Günzburg verpflanzt. Dort durchlebt sie eine mustergültige Dorfjugend: Hornistin in der Blaskapelle, Jugendkönigin im Schützenverein. Nach dem Abitur folgt sie ihrer Abenteuerlust und zieht in den fernen Osten - in die Oberpfalz. Dort, in Regensburg, widmet sie sich einem kurzweiligen Langzeitstudium der Germanistik, der Politikwissenschaft und der Musik. Doch 2018 lockt sie der gute Ruf der GHJS zurück in die Heimat. Schließlich hat sie ihre ersten Zeitungsartikel einst als Schülerpraktikantin für die AZ geschrieben. Schwäbischer geht's nicht.

Alles, was uns bewegt

Von Volos, die auf Teller starren


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Da stehen wir nun, knapp zwanzig Volontäre, und starren auf Geschirr. Teller, Suppenteller, Weingläser, Gabeln liegen vor uns auf einem Tisch – jedoch vollkommen ungeordnet. Ein Kollege  stellt sich der Aufgabe: Er soll nun Butterglocke und Buttermesser formkorrekt, wie im Sterne-Restaurant, platzieren. Er grübelt – und auch um ihn heru m reihen sich fragende Gesichter. […]


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Da stehen wir nun, knapp zwanzig Volontäre, und starren auf Geschirr. Teller, Suppenteller, Weingläser, Gabeln liegen vor uns auf einem Tisch – jedoch vollkommen ungeordnet. Ein Kollege  stellt sich der Aufgabe: Er soll nun Butterglocke und Buttermesser formkorrekt, wie im Sterne-Restaurant, platzieren. Er grübelt – und auch um ihn heru

m reihen sich fragende Gesichter. Nur eine Person steht wissend daneben und betrachtet die verwirrte Volo-Schar mit einem Lächeln: Susanne Erdmann, Fachfrau für Benimm. Sie ist Vorstandsmitglied der Knigge-Gesellschaft und soll uns an diesem Tag erklären, wie man sich souverän in jedem gesellschaftlichen Rahmen bewegt.

Wir erfahren: Die Dame ist von adeligem Background. Dass sie ihre Großmutter als erstgeborenes Enkelkind noch mit Knicks begrüßen musste, erzählt sie beiläufig. „Aber das hat sich mit dem dritten, vierten Enkel dann schnell erledigt“, sagt sie und lacht. Den roten Faden für ihr Seminar bildet die Lehre eines Adligen, dessen Antlitz nun im Großformat auf Erdmanns Bildschirmpräsentation erscheint: Adolph Freiherr Knigge blickt uns fordernd an – mit napoleonischer Haltung, die rechte Hand im Revers. Ein Mensch aus dem 18. Jahrhundert soll dem journalistischen Nachwuchs, gehüllt in Jeans und Hoodie, als Vorbild dienen?

Nicht ganz. Es geht hier um den souveränen Auftritt im Berufsalltag. Tatsächlich ist das Feld, das wir Volontäre tagtäglich bearbeiten, sehr weit gefächert. Gestern auf dem Hühnerhof, morgen in der Kreistagssitzung. Auch wenn man Knigges Regeln nicht immer befolgen will und kann: Das Wissen, wie es nach dem Etikettekodex richtig geht, ist nützlich.

Jede Begegnung beginnt mit der Kunst der Begrüßung. Coach Erdmann erklärt uns die offiziellen Vorfahrtsregeln des „Servus, Grüezi und Hallo“: Jung grüßt Alt zuerst, Mann grüßt Frau, junge Frau trumpft älteren Mann, Eminenz schlägt Bürgermeister. Auf dem Glatteis der Kommunikation spielt heute aber auch die Technik eine tragende Rolle. Frei nach Freiherr Knigge gilt: Von der Betrachtung transportabler Telekommunikationsgeräte binnen förmlicher Unterredungen ist tunlichst abzusehen. Kurz: Finger weg vom Handy während der Besprechung.

Doch Susanne Erdmann berät uns nicht nur für den Berufsalltag und das noble Parkett. Sie gibt uns auch ein paar Tipps, wie man auf heikle Situationen reagieren kann, auf Wut-Mails oder Beschimpfungen – auch solche Reaktionen treffen Volontäre und Redakteure ab und an. Erdmann rät dazu, wüste Beleidigungen zunächst nicht zu beachten, auf harsche Kritik jedoch zu reagieren.

Zugegeben, wir sind nicht ganz ahnungslos auf dem Gebiet der Etikette. Nach dem ersten Ausbildungsjahr im Lokalen weiß auch Volo, dass Kleiderordnung nicht gleich Kleiderordnung ist: Was in manch einem Gemeinderat als overdressed erscheint, kann im benachbarten Stadtgremium schon als Formverstoß, als zu leger oder nachlässig gelten. Der Kontext bestimmt die Kleidung: Sakko und Fliege schinden bei Recherchen im landwirtschaftlichem Bereich eher selten Eindruck. Dafür ist der Volontär gut beraten, immer ein paar Gummistiefel im Kofferraum parat zu haben.

„Vor allen Dingen soll man nie vergessen, daß die Gesellschaft lieber unterhalten, als unterrichtet sein will“ – das hat Freiherr Knigge einmal geschrieben. Und tatsächlich fühlen wir uns an diesem Volo-Tag nicht streng belehrt, sondern vor allem gut unterhalten. Zum Schluss kristallisiert sich dann doch eine Lehre heraus: Höflich sein, Form wahren – und sich bei alledem nicht den eigenen Charakter verrenken. Oder wie der Freiherr zu sagen pflegte: „Achte Dich selbst, wenn Du willst, dass Andre Dich achten sollen!“

Jeden Tag ein Abenteuer

Wie ein Volo auf der Schweineweide landete

So sehen zufriedene Schweine auf einem mittel-fränkischen Biobauernhof aus. Foto: Veronika Lintner

AZ-Volontärin Veronika Lintner schreibt eigentlich für die Schwabmünchner Allgemeine. Das Volontariat an der Günter-Holland-Journalistenschule führt einen aber auch an ganz unerwartete Ort, wie etwa einen Biobauernhof in Mittelfranken…


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Als ich die Tür zum Kühlraum des Bauernhofs öffne, strahlt mir ein breites Grinsen entgegen. „Du kommst heute genau richtig“, begrüßt mich die Bäuerin und greift zum Messer. „Maja hat vor ein paar Stunden geferkelt. Gleich neun Stück, richtig süß. Die zeig ich dir nachher.“ – sagt sie und lässt die Klinge mit Schwung durch ein Stück Speck gleiten. Ein Berg von Fett, in Klötzen und Blöcken, liegt vor ihr auf der Theke. Und ich? Ich soll sofort mit anpacken! Ich zögere kurz, höre auf das Kommando der Bäuerin und greife zum zweiten Messer. Und schneide den nächsten Klotz Schweinespeck. Im Kühlhaus eines Bio-Bauernhofs. Im tiefsten Mittelfranken. Wie konnte es so weit kommen?

Augsburger Volontäre lernen an der Akademie der Bayerischen Presse

Vier Volontäre der GHJS begaben sich im Sommer auf eine Fortbildungsreise nach Kulmbach.  Meine drei Kollegen und ich, wir nahmen dort an einem Seminar der Akademie der Bayerischen Presse teil. Die Dozenten – erfahrene Redakteure anderer Zeitungen – vermittelten uns Wissen, plauderten aus ihrem Erfahrungsschatz und stellten uns praktische Aufgaben. Die wichtigste Übung des Seminars: eine Reportage rund um Kulmbach.

Am Ende einer langwierigen Themensuche (verzweifelte Suchanfrage bei Google: „Hat Kulmbach denn wirklich nichts zu bieten außer Bier?“) landete ich einen Glückstreffer. Inmitten der fränkischen Wildnis betreiben ein Heilpraktiker und eine Sozialpädagogin einen Biobauernhof. Ihr Konzept: Tierfreunde und Touristen können hier Schweinchen auf der Weide beobachten, sie füttern und bestaunen – und sie am Ende des Tages verkosten. Definitiv kein Ferienprogramm für militante Veganer.

„Was gegessen wird, braucht keinen Namen“

Und dann finde ich mich schon mitten auf der Weide wieder. Ein Volo zwischen glücklichen Weideschweinen mit niedlichen Löckchen. An diesem Sommertag suhlen sich die Tiere in ihren selbstgebuddelten Kuhlen und marinieren sich im Schlamm. Schnell lerne ich, dass bei Schweins eine Zweiklassengesellschaft herrscht: Schweine ohne Namen und Schweine mit Namen. Schweine, die zur Zucht dienen und ein langes Leben führen dürfen – und Schweine, die als Steak, in Schmalztöpfchen und Leberkäsegläsern enden. „Was gegessen wird, braucht keinen Namen“, erklärt die Bäuerin.

Abkühlung gefällig? Die Bio-Bäuerin gönnt ihre Schweinen eine Dusche mit dem Wasserschlauch. Foto: Veronika Lintner

Und dennoch erlebe ich an diesem Tag rührende Szenen. Die Bäuerin gönnt den Schweinen  eine Wasserdusche aus dem Schlauch und kommentiert das verschmitzt: „Swimmingpool für die Sau“. Sie erzählt von einem Ferkel, das sie mit der Flasche großziehen musste und das mit Hunden aufwuchs: „Das hat mit dem Schwänzchen gewedelt, wenn es uns gesehen hat.“  Das Verhältnis zwischen Mensch und Tier ist hier nah und zugleich natürlich. Ein Hektar Weideland für knapp 40 Tiere – so viel Raum genießt kaum eine Sau in Deutschland. Und auch Maja und ihre kleinen Ferkel lerne ich kennen, aber leider nur aus sicherer Distanz. Das Grunzen der Schweinemutter klingt dann doch wie eine ernstzunehmende Drohung.

Für eine Reportage braucht der Volo alle seine Sinne

Einen Tag lang habe ich das Bauernpaar begleitet, mich im Selbstversuch als Aushilfsmagd geübt, beim Ladenverkauf geholfen. Und immer wieder musste ich mich selbst daran erinnern, warum ich hier bin: Block zücken, jeden Eindruck festhalten. Denn so eine Reportage ist eine Übung für alle Sinne. Hören, wie die Schweine freudvoll schreien, wenn sie Futter wittern. Sehen, wie sich die Ringelschwänzchen am Trog aneinanderreihen. Schmecken, wie am Ende des Arbeitstages die gegrillte Bratwurst schmeckt. Zwei, drei Sekunden zögere ich, als ich den ersten Bissen auf die Gabel spieße.

Dann entfaltet sich das Aroma. Die Bäuerin beobachtet das mit amüsiertem Blick. „Schmeckt fluffig, so wie unsere Schweinchen sind, nicht wahr?“

Wie das Seminar in Kulmbach sonst so ist, hat Volo Denis  Dworatschek im vergangenen Jahr zusammengefasst: Urlaub mit Schulungen.