Leonie Küthmann

Leonie Küthmann, Jahrgang 1993, im Allgäu geboren und aufgewachsen, verbringt ihr Lokaljahr bei der Mindelheimer Zeitung. Zum Studium wagte sie sich tatsächlich aus dem Allgäu heraus: Nach Konstanz, Oslo und ins schöne Augsburg. Während der Semesterferien in den Urlaub fahren? Auf keinen Fall: Leonie schlug unter anderem bei der Süddeutschen Zeitung in Freising, bei BR5 und SWR3 auf. Wenn sie heute Urlaub nimmt, dann nur, um Reitturniere anzusteuern, die Deutsche oder die Europameisterschaft der American Quarter Horses. Entgegen jedem Klischee vom Pferdemädchen redet sie nicht nur über Pferde, sondern diskutiert auch viel über Politik, Gesellschaft und Literatur, gerne auch auf Englisch, Spanisch oder Norwegisch.

Fliegendes Klassenzimmer

Rapunzel und die drei kleinen Schweinchen – Märchenstunde oder Bio-Exkursion für Volontäre?

Volontäre der Günter Holland Journalistenschule besuchen die Firma Rapunzel in Legau und den Biohof der Familie Waizenegger und lernen alles über Bio-Siegel, Viehhaltung in Bio-Betrieben und die Geschichte der Firma Rapunzel.

„Dienstags gibt’s vegane Kost“. Nein, ich erzähle gerade niemandem von meinen persönlichen kulinarischen Vorlieben. Ich zitiere lediglich den Satz, an dem ich als Erstes hängen geblieben bin, als wir eine weitere Einladung zu einem Volotag der Günter Holland Journalistenschule erhalten haben. In meinem Redaktionsalltag heißt es nämlich normalerweise: Dienstags gibt es Leberkässemmel. Und mittwochs im Zweifelsfall auch. Aber das ist nebensächlich, denn das eigentliche Thema des Volotags lautete nicht „Wie breche ich die Essgewohnheiten des Mindelheimer Volos“, sondern: Was ist bio? Woran erkennt man’s und wie geht es in Biobetrieben zu? Tatort: die Firma Rapunzel in Legau. Was bei allen Volontären der Augsburger Allgemeinen außer mir für ein Fragezeichen im Gesicht sorgte: Wo ist Legau? Und ein Kollege fragte sogar: „Rapunzel?“ Da aber kamen dann von allen anderen prompt Antworten zurück: „Hallo?! Rapunzel! Samba-Creme! Kennt man doch…“

Ausflugsziel der Volontäre: Die Firma Rapunzel in Legau

Ja, die Firma aus dem Unterallgäu hat sich seit Jahren einen Namen als Hersteller von Bio-Waren gemacht, darunter Müslis, Nussmuse, Öle und mehr – insgesamt sind es über 600 Produkte. „Bis auf wenige Ausnahmen sind das Trockenprodukte“, erklärt Katja Egli, Teamleiterin im Marketing bei Rapunzel. Trockenprodukte seien eben einfacher zu lagern und zu verpacken. Wie diese Produkte abgefüllt und verpackt werden, sehen wir beim Rundgang durch die Produktion. Und – wie es bei Journalisten eben so ist – es hagelt gleich kritische Fragen: „Plastikverpackungen bei Bioprodukten?!“ „Palmöl in Bioprodukten?!“ „Wie erklären Sie einem Menschen, der im Monat von 1500 Euro lebt und drei Kinder versorgen muss, dass er sich bio ernähren soll?“

Katja Egli, die einst bei der Allgäuer Zeitung volontiert hat, und ihre Kollegen beantworten die kritischen Fragen geduldig und erklären außerdem, was für Biosiegel es gibt, wie die Gründerfamilie der Firma Rapunzel lebt und wie es in Biobetrieben zugeht. Auch Serafine Wilhelm, die Tochter des Gründers Josef Wilhelm, stellt sich einigen Fragen und erzählt von ihrem Leben als Kind in einer Zeit, in der Bioprodukte noch nicht hip waren: „Schokolade habe ich das erste Mal gegessen, als ich zehn war.“ Da man aber bei Rapunzel damals schon gemerkt hat, dass Bioprodukte nur dann ankommen, wenn man nicht nur gesunde Müslis, sondern auch Süßigkeiten verkauft, gehören Schokoladentafeln und –cremes mittlerweile fest zum Sortiment. Gut für uns, denn wir dürfen Öle, Schokolade, Nüsse und getrocknete Früchte probieren.

Verkostung bei Rapunzel

Nach dem Mittagessen in der Rapunzel-Kantine – es gab vegane Kost, und ich habe überlebt – fahren wir einige Kilometer weiter auf einen Biolandwirtschaftsbetrieb. Bei Familie Waizenegger lernen wir nicht nur, was Hörner bei Kühen für Vor- und Nachteile haben, sondern auch die harten Seiten des Bauernlebens kennen: „Vor ein paar Tagen isch ein echt schönes Kalb geboren und heut Morgen isch er dann leider verreckt“, erzählt Rainer Waizenegger. Gott sei Dank gibt es noch vier weitere Kälber und viele Kühe – die Rainer Waizenegger alle beim Namen kennt – auf dem Hof, und so sind circa dreißig Volontäre erst einmal beschäftigt.

Wie beschäftigt man dreißig Volontäre beim Volotag der Günter Holland Journalistenschule? Kostproben und Kälber streicheln

Aber wir sind ja nicht gekommen, um Kälber zu streicheln und Schweine zu füttern: Rainer und Elisabeth Waizenegger erinnern sich, wie sie ihren Betrieb vor circa zwanzig Jahren auf „bio“ umgestellt haben: „Damals waren wir voller Tatendrang und haben sogar einen Krisenstab gegründet“, erzählt der Landwirt von der Phase, als „bio“ in Deutschland langsam im Kommen war. Und von der ersten Kuh des Paares, damals das Hochzeitsgeschenk: „Die haben wir Whisky getauft, ihr erstes Kalb dann Wodka und so weiter.“ Rainer Waizenegger erklärt, wie man Kühe ohne Antibiotika gesund hält, wie sie ihre Tiere jeden Tag bei gutem Wetter auf die Weiden austreiben und welche Zuchtlinie sich bei den Kühen besonders bewährt hat. Währenddessen stehen diese unter den rotierenden Viehkratzbürsten, laufen im Laufstall herum und schlafen auf der Weide. „Kuh sollte man sein“, seufzt ein Kollege.

Oder Schwein: Denn „Schnitzel“, „Kotelett“, und „Steak“ werden von uns fleißig mit Äpfeln gefüttert. „Die Namen hat mein Sohn erfunden“, sagt Rainer Waizenegger. An dem Scherz ist aber Wahres dran, und plötzlich will keiner mehr Schwein sein: Die Familie Waizenegger ist Mitbegründer einer bäuerlichen, regionalen Direktvermarktungsinitiative mit Metzgerei und Ladengeschäft. Das Schweinefleisch kommt also dorthin, die Milch wird von Allgäu-Milch-Käse in Kimratshofen weiterverarbeitet. Dem Dorf, in dem auch die Familie Wilhelm von Rapunzel immer noch wohnt. Das Unterallgäu ist eben doch nicht so rückständig wie böse Zungen behaupten: Hier war bio schon vor Jahrzehnten cool!

Wer mehr über den Betrieb der Familie Waizenegger erfahren möchte, findet hier mehr Informationen.

 

Alles, was uns bewegt Nach Redaktionsschluss

Medien im Wandel – Volontäre in der Krise?

Printjournalismus – hat das überhaupt noch einen Sinn? Die vergangenen Jahre waren voll von Schwarzmalereien, Prophezeiungen – „Print is dead!“ – und Warnungen: „Werde bloß nicht Journalistin!“. Nicht nur ich als Volontärin der Günter Holland Journalistenschule habe mir die Frage nach der Zukunft von Print immer wieder gestellt, auch bei der Sommertagung des Politischen Clubs war sie ein zentrales Diskussionsthema. Drei Tage lang haben Journalisten, Verleger und Politiker über das Thema „Medien im Wandel – Medien in der Krise?“ referiert. Und ich mittendrin, als einer der wenigen jungen Menschen.

Printjournalismus – hat das überhaupt noch einen Sinn? Die vergangenen Jahre waren voll von Schwarzmalereien, Prophezeiungen – „Print is dead!“ – und Warnungen: „Werde bloß nicht Journalistin!“. Nicht nur ich habe mir die Frage nach der Zukunft von Print immer wieder gestellt, auch bei der Sommertagung des Politischen Clubs war sie ein zentrales Diskussionsthema. Drei Tage lang haben Journalisten, Verleger und Politiker über das Thema „Medien im Wandel – Medien in der Krise?“ referiert. Und ich mittendrin, als einer der wenigen jungen Menschen.
Aber von vorne: Im Jahr 2015 war ich zum ersten Mal auf einer Tagung in der Evangelischen Akademie in Tutzing. Überzeugt von den Vorträgen, den Gesprächspartnern und nicht zuletzt vom Tutzinger Schloss habe ich auch in den Jahren danach immer wieder die Angebote des Politischen Clubs studiert. Als ich dann die diesjährige Sommertagung entdeckte, war klar: Ich muss da hin! Also habe ich mich sofort an den Laptop gesetzt und versucht, einen der begehrten Plätze zu ergattern. Sechs Stunden später im Postfach: „Ihre Anmeldung für die Sommertagung des Politischen Clubs wurde bestätigt“. Im Anhang das Programm mit den Referenten, darunter die Verlegerin der Augsburger Allgemeinen, Alexandra Holland.

Medien in der Krise – auch für Volontäre ein wichtiges Thema

Mit der Deutschen Bahn ging es an den Starnberger See. Gefühlte 50 Minuten Schlaf, dann stand in der Früh schon der erste Vortrag an: Georg Mascolo, ehemaliger Chefredakteur des Spiegel, referierte über das Thema „Was ist seriöser Journalismus in hektischer und misstrauischer Zeit?“ und konstatierte: „Verleger, Chefredakteure und Intendanten müssen diejenigen einstellen, denen ein Credo wichtiger ist als ein Ego.“ Ist es nicht auch das, worum es im Lokaljournalismus geht? Die Sorgen der Menschen zu verstehen und die Geschehnisse vor Ort realistisch abzubilden, anstatt in sprachlichen Ergüssen zu beweisen, was für eine extrem gebildete Edelfeder man ist?

Volontärin Leonie Küthmann bei der Sommertagung des Politischen Clubs in Tutzing. Foto: Andreas Kreiser

Überhaupt der Lokaljournalismus – ein Aspekt, den ich in vielen Fragen angesprochen habe und auf den ich interessante Antworten bekommen habe. Von Dr. Peter Frey, dem Chefredakteur des ZDF, beispielsweise: „Ich habe vor den Kollegen im Lokalen höchsten Respekt. Es ist sicher oft nicht einfach, wenn man einen Gesprächspartner durch einen kritischen Beitrag verärgert und ihn am selben Tag beim Bäcker trifft.“ Kommt das jemandem bekannt vor?

Die Zukunft der Printmedien, auch der Augsburger Allgemeinen, wurde auf der Sommertagung diskutiert

Und da wären wir schon mitten in unserem Volo-Alltag und beim Thema, das uns als junge Volontäre am meisten beschäftigt: „Welche Zukunft hat die Zeitung?“ Diese Frage bildete den Aufhänger für den Vortrag von Alexandra Holland. Als Einstieg wählte die Verlegerin der AZ das Aussterben der US-amerikanischen Regionalzeitungen: In den Vereinigten Staaten gäbe es immer weniger Regionalzeitungen, also weniger Lokaljournalisten bei Sitzungen der politischen Gremien. Die Folge: „Die Korruption steigt, wo die Wächterfunktion der Presse fehlt.“ Ein Problem, das es auch in Deutschland gibt? „Nein, solange die Regionalzeitungen Zukunft haben“, so das klare Statement von Alexandra Holland. Und Zukunft hätten die Regionalzeitungen, denn: „Das Vertrauen der Menschen in die Tageszeitungen hat in den vergangenen Jahren wieder zugenommen.“ Damit das so bleibt, brauche es einen „partnerschaftlichen Dialog mit den Lesern“, aber auch „starke Redaktionen“. Auch die berufliche Zukunft für Journalisten sieht Alexandra Holland positiv: „Es war noch nie so leicht, Journalist zu sein.“ Heutzutage gäbe es so viele Kanäle, um die Menschen zu erreichen, so viele Möglichkeiten. Diese Möglichkeiten werden momentan auch bei der AZ genutzt: Der neue Podcast „Bayernversteher“ und das „Augsburger Allgemeine Forum – Live“ sind nur zwei Beispiele.

Wer in Zukunft gerne interessante Vorträge hören, bekannte Persönlichkeiten treffen und viel, viel diskutieren will, der sollte sich definitiv für eine Veranstaltung in Tutzing anmelden! Dass man auch noch im Schloss schläft und morgens mit Blick auf die oberbayerischen Alpen baden gehen kann, ist natürlich auch ein nicht zu verachtender Nebeneffekt… Außerdem würde es den Veranstaltungen in Tutzing nicht schaden, wenn noch mehr jüngere Leute anwesend wären!

Zwischen den Vorträgen ist immer Zeit, um einen Kaffee im Innenhof des Schlosses zu genießen. Foto: Küthmann

Früh aufstehen lohnt sich: Sonnenaufgang am Starnberger See. Foto: Küthmann

 

Jeden Tag ein Abenteuer

Ein neues Outfit für die Volontärin

Dass ich als Volontärin auf Baustellen in Gummistiefeln rumlaufen werde, bei Fußballspielen warme Handschuhe dabeihaben sollte und sonst immer ein Outfit tragen sollte, das die Augsburger Allgemeine nach außen hin entsprechend repräsentiert, darauf wurde ich im Einführungskurs vorbereitet. Mit diesem Outfit, das mir in der Mindelheimer Redaktion blühte, habe ich allerdings nicht gerechnet.

Irgendwie rührte sich etwas in meinem Hinterkopf: damals, als ich die frohe Botschaft bekam, dass ich im ersten Jahr der Volontärsausbildung in der Mindelheimer Lokalredaktion eingesetzt werde. Ja, da war irgendwas. Mindelheim, mir als Memmingerin natürlich ein Begriff, nicht nur ein Fleck auf der Landkarte. Zack, da war der Fakt aus dem Hinterkopf: Mindelheim – die Stadt mit dem Frundsbergfest, einem historischen Fest, das über zehn Tage geht, alle drei Jahre stattfindet und mit dem sich viele Mindelheimer identifizieren. Kurz nachgerechnet: 2015 war ich zum ersten Mal auf dem Frundsbergfest, und so wurde mir nach kurzer Rechnung – mit der ich zweifelsohne das Klischee, dass Journalisten nicht rechnen können, widerlegt habe – klar, dass es dieses Jahr wieder so weit sein muss. Von da an schien das Thema Frundsbergfest immer wieder aufzutauchen – egal, ob im Online-Seminar beim Einführungskurs oder in gefühlt jeder Redaktionskonferenz in Mindelheim. Geschichten wurden gesucht, Themen vorgeschlagen, wir setzten uns mit dem Frundsberg-Festring zusammen. So weit, so gut.

Auch als Volontärin der Augsburger Allgemeinen wird man Teil des Frundsbergfests in Mindelheim

Bis eines Montagmorgens die Kollegin in mein Büro kam: „Ach, übrigens, wir haben am Mittwoch alle einen Termin beim Frundsberg-Festring.“ Aha, okay. Irgendwas mit Kostümen, so viel Information erschloss sich mir anhand des Redaktionskalenders. Dann verließ der Gedanke an diesen Termin wieder meinen Kopf: Schließlich musste ich Seiten mit Babyfotos bauen. Und da ich nicht von zornigen Müttern vom Erdboden getilgt werden wollte, weil ich Genovevas oder Franz-Josefs Geburtsgewicht falsch aufgeschrieben hatte, verschwendete ich an den Termin beim Frundsberg-Festring nur noch einen halben Gedanken.

Pferdeklinik, Babyfotos, Frundsbergfest – ein normaler Tag in der Lokalredaktion in Mindelheim

Bis Mittwochmittag: Ich kam von einem Termin in einer Pferde-Rehaklinik – mein absoluter Lieblingstermin bisher – und in der Redaktion gab es Mittagessen. Gerade biss ich genüsslich in einen Leberkässemmel – ja, im Allgäu ist Semmel maskulin – als mir im Tischgespräch klar wurde: Irgendwas oder irgendwer wird da heute beim Frundsberg-Festring eingekleidet. Zaghaft fragte ich nach: „Wer alles?“ „Alle!“
Ich folgte also brav meinen Kollegen, die gen Mindelheimer Musikschule eilten.

 

Im Fundus gibt es ganz schön viel Auswahl

Dort oben, im Dachboden des Gebäudes lagern die Schätze des Festrings: Gewänder in allen Farben, mit unterschiedlichen Schnitten, aus verschiedenen Stoffen. Und somit begann der bisher kurioseste Termin meiner Volontärsausbildung: Welche Farbe ich denn gerne hätte, fragen mich die Damen vom Kostümverleih. „Ähhhhh, rot oder rosa“, antworte ich, stets bestrebt, mein Image als Rosa liebendes blondes Pferdemädchen zu wahren. Sofort wird mir ein Gewand gereicht, in Kombination mit Empfehlungen: „Zieh am besten eine Radlerhose unter den Rock, dann schwitzt man nicht so an den Beinen“. „Dazu kannst du dann ein Buchskränzchen tragen und die Haare offen lassen“. Ich ziehe also Rock, Bluse und Mieder an und bin plötzlich nicht mehr „des Mädle von der Zeitung“ oder „die Volontärin aus Memmingen, sondern fühle mich wie ein richtiges Frundsbergfest-Mädchen, ja wie eine echte Mindelheimerin. Wie jemand, der dazugehört. Nach sechs Wochen mit mancher Orientierungskrise aufgrund fehlender Ortskenntnis und vielen Fragen, die meine lieben Kollegen mir stets geduldig beantwortet haben, bin ich nicht mehr der Neuling, sondern irgendwie in Mindelheim angekommen.

 

Zehn Minuten später: Das Outfit steht