Maximilian Kramer



Jeden Tag ein Abenteuer

Als Volontär bei einem Mammutprozess: Wahnsinn, was Recht ist

Wahnsinn, was Recht ist! Doch an der Schuld des Angeklagten darf es keinen Zweifel geben. Foto: Max Kramer

Haben drei Männer einen gemeinsamen Bekannten zu Tode geprügelt? Um diese Frage drehte sich ein Gerichtsprozess, den Max Kramer, Volontär der Augsburger Allgemeinen, über mehrere Wochen für die Lokalredaktion in Mindelheim begleitet hat. Dabei erlebte er Schockierendes, Lustiges – und echten Wahnsinn.  

Einer spricht aus, was viele im Raum denken: „Wahnsinn!“ Soeben hat der Mann in der schwarzen Robe die Worte gesprochen, die nach acht Wochen Prozess Fakten schaffen. Fakten, die Urteil sind und gleichzeitig unter-teilen: in ein Davor und ein Danach – für alle Beteiligten. Für einen der drei Männer, die sich dort links von der Anklagebank erhoben haben, heißt das für die kommenden zehn Jahre: Gefängnis. Die anderen beiden verlassen den Gerichtssaal 132 als freie Männer. Wahnsinn.

Wüsste man es nicht besser, man müsste eigentlich Mitleid mit den Männern haben. Alle drei sind dem Alkohol verfallen, alle drei haben mit instabilen familiären Verhältnissen zu kämpfen, alle drei verbringen den Großteil ihrer Zeit in einem heruntergekommenen Wohnheim unter ihresgleichen. Alle drei sollen dort einen gemeinsamen Bekannten getötet und misshandelt haben. So weit, so schon vor Beginn der Verhandlung bekannt. Dann kommen sie in den Gerichtssaal, in Handschellen, einer nach dem anderen. 34, 37 und 56 Jahre alt sind die drei Männer. Äußerlich wirken sie zehn Jahre älter und so, als wären sie sich ihrer ernsten Lage bewusst. Aber kann man einem Menschen das schiere Böse ansehen? Lässt man die Umstände außen vor: nein, natürlich nicht.

Ein Gerichtsprozess mit mehr als 50 Zeugen 

Die Strategie der drei Verteidiger ist klar: Zum Vorwurf, sie hätten einen 46-jährigen Mann mit über 60 Schlägen gemeinsam zu Tode geprügelt, sagen die Männer nichts. Wohl aber zu ihrem persönlichen Werdegang: selten Arbeit, wenig Kontakt zur Außenwelt, dafür viel Alkohol. Kurze, einfache Sätze mit osteuropäischem Einschlag. Dann beginnt ihr großes Schweigen. Jetzt sollen andere sprechen. Über 50 Zeugen sind geladen: Freunde, Bekannte, Mitbewohner, Verwandte, Polizisten, Gutachter. Los geht’s.

Den Auftakt macht eine junge Frau, die damalige Freundin des 34-jährigen und damit jüngsten Angeklagten. Er gilt als Hauptangeklagter, und für viele schon bald als Täter. Denn nach den Schilderungen der jungen Frau weicht die spürbare Aufregung aller Beteiligten schierer Fassungslosigkeit: So habe der Mann in größerer privater Runde mit einem Video geprahlt, auf dem er betrunken einen Bekannten verprügelt und ihn schwer am Ohr verletzt habe – das spätere Todesopfer. War der Totschlag also ein Blutrausch mit Ansage? Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren: Der Mann, der dort nur wenige Meter entfernt sitzt, ist höchstwahrscheinlich für den Tod eines Menschen verantwortlich.

Max Kramer, Volontär der Augsburger Allgemeinen, begleitete über mehrere Wochen einen Gerichtsprozess. Foto: Max Kramer

Ein unheimlich beklemmendes Gefühl – und doch stellt sich schon ab dem darauffolgenden Verhandlungstag eine unerwartete Gemeinschaftsatmosphäre ein. Bald werden einem die Gesichter im Gerichtssaal und davor vertraut. Die meisten Beteiligten grüßen sich freundlich, wenn sich auch die Zuneigung der Angeklagten gegenüber den Medienvertretern offenbar – und verständlicherweise – in Grenzen hält. Irgendwie sind alle Zeugen des gleichen Schauspiels. Das ist auch mal unangenehm lustig: dann etwa, als ein verschrobener Mann, sowohl mit dem Toten als auch mit einem Angeklagten gut bekannt, nach seiner Aussage den Saal verlässt.

Er trägt ein T-Shirt, Pantoffeln – und eine Lederhose, die hinten so tief hängt, dass sich ein überaus unappetitlicher Anblick bietet. Keiner im Saal kann sich zumindest ein dickes Grinsen verkneifen, manche lachen ungeniert. Für einen kurzen, seltsamen Moment sind alle in einer Emotion vereint. Dann bleibt das Lachen in den Hälsen stecken. Es wirkt in diesem Rahmen unendlich unangebracht.

Es darf keinen Zweifel an der Schuld geben 

Um was es hier wirklich geht, führt nur wenig später eine Gutachterin vor Augen. Sie analysiert trocken die schweren Verletzungen, die dem Mann zugefügt wurden. Zur Veranschaulichung greift sie auf naheliegende Hilfsmittel zurück: Fotoaufnahmen des Toten. Mit einem Blick auf die Leinwand hinten im Eck wird aus einer abstrakten Figur ein leibhaftiger Mensch. Ein Vater, Bruder, Sohn, Ehemann. Einer, der die letzten Monate und Jahre seines Lebens unter unwürdigen Umständen verbrachte. Einer, der qualvoll an seinem eigenen Blut erstickte. Gedemütigt, bis sein Herz aufhörte zu schlagen.

Im Lauf der Verhandlung verfestigt sich der Eindruck, den man schon früh hatte: Der jüngste Angeklagte muss schuldig sein. Und die anderen beiden? Viele Faktoren – die Zahl der Verletzungen, Blutspuren, teilweise auffälliges Verhalten nach der Tat – deuten darauf hin, dass die beiden irgendwie an der Tat beteiligt waren. Aber ob in jener Nacht wirklich alle drei auf das Opfer einschlugen, wie ursprünglich vom Staatsanwalt angenommen? Sicher ist nicht einmal, dass die drei zum Tatzeitpunkt auch am Tatort waren. Aber ist ein Einzelner wirklich in der Lage, ein solch grausames Blutbad anzurichten? Auch das: schwer vorzustellen. Zu beneiden ist der Vorsitzende Richter vor der Urteilsverkündung jedenfalls nicht.

Und dann schafft er nach langen Beratungen im Schöffengericht Fakten: einmal zehn Jahre Gefängnis, zweimal im Zweifel für den Angeklagten. „Wahnsinn“, sagt einer. Das denken die meisten.

Es ist auch Wahnsinn, einerseits. Andererseits stärkt diese Entscheidung – mit einigem Abstand, zugegeben – auch das Vertrauen in den Rechtsstaat. Denn bevor einem Menschen eines seiner höchsten Güter, die Freiheit, genommen werden soll, darf es keine Zweifel an seiner Schuld geben. Und hier gab es gleich mehrere. Dass dieses Urteil einen faden Beigeschmack hinterlässt und vor allem bei den Angehörigen des Toten viele offene Wunden, ist zutiefst unbefriedigend. Das ist in diesem Fall aber leider egal. Wahnsinn, was Recht ist.

Alles, was uns bewegt

Sieben Wochen Einführungskurs: Wer bin ich, und wenn ja wie viele?

Die Jungvolontäre der Augsburger Allgemeinen. Foto: Jochen Aumann

Volontäre der Augsburger Allgemeinen müssen so einiges wissen. Wie schreibt man eine lesenswerte Nachricht? Was besagt das Presserecht? Wie läuft eine Sitzung im Gemeinderat ab? Die Volos an der GHJS lernen das in einem siebenwöchigen Einführungskurs. Und der ist alles andere als rein theoretisch.

Zu den großen Bereicherungen, die wir sozialen Medien verdanken, gehören ja melodramatische Bilder mit sinnstiftenden Sprüchen à la „Vergiss nie, wer du bist.“ Respektive soll man sich merken: woher man kommt, wohin man will. Nun, das zu vergessen ist nach sieben Wochen Einführungskurs in der GHJS schlichtweg unmöglich – zu oft pflegten die zwölf Jung-Volos ihr liebgewonnenes Vorstellungs-Ritual vor den Referenten, die den Weg in die Höhle des Löwen,  den Seminarraum B150, gefunden hatten. Lektion eins der Ausbildung war also schnell gelernt. Und viele weitere folgten, wenn auch eher beruflicher denn persönlicher Natur.

Ein Rundum-Paket für alle Fälle

Kurz vor Beginn der siebenwöchigen Fastenzeit wurden wir ebenso lange – nun ja – gemästet. Los ging’s mit dem täglichen Brot: Wie schreibe ich eine Meldung? Wie drücke ich mich angemessen aus? Und überhaupt: Wer oder was steckt hinter unserer Zeitung? Stefanie Sayle, Geschäftsführerin der Medien-Akademie, hatte sich ein informatives wie abwechslungsreiches Programm ausgedacht, das bei wirklich jedem der Volos Anklang fand.

So etwa die Gesprächsrunden mit Gregor Peter Schmitz (Chefredakteur) und Gerd Horseling (stellvertretender Chefredakteur), die durch die Brille unserer Zeitung zurück und nach vorne blickten – auch, wenn es mehr und mehr zum Mode-Wort geworden ist: spannend.

Oder Besuche beim Polizeipräsidium Schwaben-Nord und am Amtsgericht Augsburg, die uns einen besonderen Eindruck journalistischer Verantwortung verliehen – nicht zuletzt, da man bei Missbrauch dieser Verantwortung auch selbst in Probleme geraten kann, wie unsere Schulung in Presserecht zeigte.

Im Einführungskurs geht’s auch um die verschiedenen Ressorts

Oder der zweitägige Foto-Kurs mit den Fotografen Jochen Aumann und Silvio Wyszengrad, in dem Wyszengrad vor der Kamera für großes Gelächter sorgte. Er spielte seine Rolle als Model nämlich dermaßen authentisch, dass man beinahe glaubte, er sei der geldgierige Geier, für den er sich ausgab. Neben der Gaudi standen aber auch die fotografischen Feinheiten auf dem Programm, mit denen wir jetzt jede Szenerie, jedermann und –frau besten Gewissens ablichten können.

Oder Einblicke in die verschiedenen Ressorts, die die Wahl für das zweite Volontärs-Jahr definitiv schwieriger machten – zu interessant präsentierten sich beispielsweise die Konkurrenten Sport (Stadion?) und Kultur (Konzert?). Eines der beiden Ressorts ist Pflicht im zweiten Ausbildungsjahr an der Günter Holland Journalistenschule. Bei anderen Pflichtressorts, etwa Bayern oder Online, wuchs die Vorfreude umso mehr.

Abends geht es zum Eishockey – oder in den Gemeinderat

Oder die zahlreichen Schulungstage, an denen die großartigen Coaches uns den Umgang mit den verschiedenen Arbeitssystemen (Alfa, Cue, Media Suite etc.) beibrachten, um nicht zu sagen eintrichterten – anstrengend, aber unsagbar wichtig für unser künftiges Arbeiten.

Oder der Besuch des Gemeinderats Affing, den wir nach schier endlosen Debatten um Ausschüsse und kalte Nahwärme (oder war es nahe Kaltwärme? Warme Nahkälte?) nach dreieinhalb Stunden verließen, um einige Lektionen in schwäbischem/altbayerischem „G’schwätz“ bereichert. Auch das eine Erfahrung, die uns zweifelsfrei für den Umgang mit kommunalpolitischen Interessen und Befindlichkeiten sensibilisierte und damit wertvoll war.

Oder Blattkritiken der Augsburger Allgemeinen. Oder GEZ-Diskussionen. Oder Readerscans. Oder Video-Drehs. Oder Glossen. Oder das Kennenlernen der Kantine und unserer künftigen Kollegen (nicht nach Priorität sortiert).

Sieben Wochen voller Gaudi, Abwechslung und Erkenntnisse – nicht nur darüber, wer wir sind. Liebe Lokalredaktionen: Es kann losgehen! Wir kommen!

Alles, was uns bewegt

Volos und Videos – Liebe auf den ersten Tag

Die 12 Jungvolos durften endlich raus aus dem Schulungsraum und selbst Videos drehen.

Ein Drehbuch schreiben, Szenerien auswählen, filmen und Videos schneiden. All das gehört heute zur Arbeit eines Zeitungsredakteurs dazu. Für die Jungvolos der Günter Holland Journalistenschule heißt das: Raus aus dem Schulungsraum und ab hinter die Kamera.

Zeitungsjournalist zu sein, bedeutet schon lange nicht mehr nur: Recherchieren, Sortieren, Abtippen. Das Bedürfnis nach crossmedial aufbereiteten Inhalten ist vor allem durch soziale Medien stark gestiegen – und damit auch unser Anspruch, diese Nachfrage zu befriedigen. So stand kurz vor Schluss der sieben Einführungswochen an der Günter Holland Journalistenschule ein eintägiger Video-Crashkurs auf dem Programm, den Karl „Charly“ Rauch, ehemaliger Chef vom Dienst der Augsburger Allgemeinen, leitete.

Ein ehrgeiziges Ziel

Er formulierte ein ehrgeiziges Ziel: Am Ende des Tages sollte jeder der zwölf Jung-Volontäre in der Lage sein, eine Video-Kamera professionell zu bedienen, ein Drehbuch zu erstellen, mehrere Szenerien und Gesprächspartner angemessen und aus verschiedenen Perspektiven zu filmen, und all das schließlich so zu schneiden, dass ein semi-professioneller Kurz-Film entstehen könne. Puh. An einem Tag?

Kniffe aus jahrzehntelanger Erfahrung

Aber gut, dachte man sich, pack ma’s an. Der Vormittag war dem Theorie-Teil gewidmet, in dem Herr Rauch sämtliche Kniffe aus jahrzehntelanger Bewegtbild-Erfahrung teilte. Etwa, welche Perspektiven das Auge als angenehm wahrnimmt, wie abwechselnde Einstellungsgrößen die Aufmerksamkeit steigern oder wie man stabil filmt („Der Mensch hat nicht umsonst zwei Arme“). Nach einer ersten Probe aufs Exempel, einem Kurzfilm über das Schälen eines Apfels, bildeten die Jungvolos vier Gruppen, in denen sie das Gelernte nun umsetzen sollten.

Trubel, Tipps, Tippkick-Turnier

Der Kreativität waren dabei keine Grenzen gesetzt – Freiheit, die die Gruppen mit viel Freude zu nutzen wussten. So entstanden im Laufe weniger Stunden ganz unterschiedliche, aber immer wohlüberlegte Kurzfilme. Mal ging es um die Leiden des busfahrenden oder des parkplatzsuchenden AZ-Volkes, mal um lustige Tipps für kalte Wintertage, mal um ein verbissenes Tippkick-Turnier zwischen Redakteuren und Volos. Am besten sehen Sie selbst.

Näher an der Goldenen Ananas – aber…

Natürlich waren die Produktionen näher an der goldenen Ananas als am Oscar, das geschulte Auge von Herrn Rauch identifizierte in Sekundenbruchteilen gnadenlos auch kleinste handwerkliche Ungereimtheiten. Trotzdem: Dafür, dass unter den Jung-Volos zuvor kaum jemand Erfahrungen im professionellen Umgang mit Videos gemacht hatte, war der Fortschritt innerhalb eines Tages durchaus beachtlich. Und Spaß hatte es auch gemacht.