Lea Binzer

Lea Binzer, Jahrgang 1992, aus Immenstadt im Allgäu war schon früh klar, dass sie später einmal irgendwas mit Medien machen wollte. Am liebsten als Auslandskorrespondentin am anderen Ende der Welt. Denn Europa hat die begeisterte Urlauberin im familieneigenen, knallroten VW-Bus schon fast komplett bereist. Mit der Zeit jedoch lernte Lea bei der Allgäuer Zeitung in Immenstadt und bei Allgäu.TV in Kempten die Reize des Lokaljournalismus schätzen. Für ihr Geschichtsstudium schaffte sie es immerhin bis nach München, wo sie in den Semesterferien den Bayerischen Rundfunk, SAT.1 Bayern und die Süddeutsche Zeitung unsicher machte. Um dem Münchner Mietwahnsinn zu entkommen, zog Lea während ihres Studiums nach Rosenheim. Dort war sie den Rosenheim Cops und somit einer ihrer Leidenschaften ganz nah: Krimis. Sie hofft, dass ihr Spürsinn sie auch bei der Günzburger Zeitung nicht im Stich lässt.

Jeden Tag ein Abenteuer

Grenzgeschichten in Corona-Zeiten bei der Augsburger Allgemeinen

Wegen Corona ist die Grenze zwischen Deutschland und seinen Nachbarländern dicht. Meine Reportage führte mich nach Bayerisch Gmain. Nur der kleine Weißbach trennt die Gemeinde vom österreichischen Großgmain. Doch die Brücke ist gesperrt. Foto: Lea Binzer

Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der offene europäische Grenzen selbstverständlich sind. Dass das nicht immer so war, ist mir bewusst. Doch ich habe es nicht anders kennengelernt. Durch Corona hat sich das geändert: Die Grenzen zu unseren europäischen Nachbarn sind dicht. Es gibt wieder Kontrollen und wer rüber will, kann das nur an bestimmten Stellen und braucht einen triftigen Grund dafür. Merkwürdig war daher mein erster Termin außer Haus nach über sechs Wochen Corona-bedingtem Homeoffice an der deutsch-österreichischen Grenze bei Bad Reichenhall. Österreich war so nah und doch gleichzeitig so fern für mich.

Als gebürtige Oberallgäuerin bin ich die Nähe zu Österreich von Kindheit an gewohnt: Mal schnell zum Wandern ins Kleinwalsertal, hinter Oberstaufen zum Tanken nach Riefensberg oder für einen Tagesausflug nach Bregenz. Und auch von Rosenheim aus, wo ich seit meinem Studium mit meinem Freund eine Wohnung habe, bin ich schnell und problemlos in Kufstein oder Salzburg. Stünden – gerade an den kleineren Straßen und Wegen – keine Schilder, die einen darauf aufmerksam machen, dass man gleich ein anderes Land betritt, hätte ich den Grenzwechsel öfter einmal gar nicht bemerkt. Doch wegen Corona kann das momentan nicht passieren: Die Grenzen sind dicht.

Dass ich mich für das Homeoffice von meinem kleinen WG-Zimmer in Augsburg in die deutlich geräumigere Wohnung nach Rosenheim begeben habe, ist auch schnell meinen Kollegen in der Zentrale der Augsburger Allgemeinen zu Ohr gekommen. „Du bist am nächsten von uns an der österreichischen Grenze dran. Kannst du morgen bitte für eine Reportage hinfahren?“ Na klar, immerhin heißt das auch, nach sechs Wochen Heimarbeit mit ausschließlichem Telefonieren, um an Infos für Artikel zu kommen, mal wieder einen Außentermin wahrnehmen zu können.

Fast übersehen hätte ich am Ortseingang von Bayerisch Gmain das Schild "Grenze gesperrt". Foto: Lea Binzer

Die Grenzbewohner nutzen die gesperrte Brücke nun als Treffpunkt

Meine Fahrt führt mich in die Gemeinde Bayerisch Gmain bei Bad Reichenhall, die nur durch den kleinen Weißbach von Großgmain auf österreichischer Seite getrennt ist. Fast übersehen hätte ich am Ortseingang das kleine Schild „Grenze gesperrt“. Spätestens an der einzigen Brücke, die mit dem Auto passierbar ist, wird aber klar: Hier geht es nicht weiter. Denn mitten auf der Brücke befinden sich drei aneinandergereihte und mit blauen Plastikplanen verhangene Bauzäune, die mit Metallringen am Brückengeländer befestigt sind. Sie machen ein Übertreten oder Überfahren unmöglich.

Ein merkwürdiges Gefühl ist das. Die Häuser auf der anderen Bachseite sind vielleicht fünf Meter entfernt, ich kann sogar durch die Fenster in die Zimmer dahinter schauen. Doch näher heran komme ich nicht. Für die Bewohner der beiden Gemeinden ist die Grenzschließung besonders schlimm. Denn die Orte sind normalerweise eng verbunden: Sie teilen sich einen Sportplatz und haben gemeinsame Vereine. Um ins jeweils andere Land zu gelangen, müssen Schüler wie Berufspendler nun einen langen Umweg über den nächsten offiziellen Grenzübergang am Walserberg machen.

Ganz begeistert bin ich deshalb vom Einfallsreichtum der Grenzbewohner, die die Brücke nun als Treffpunkt nutzen. Da sind die zwei Männer, die sich schräg über das Brückengeländer hinweg unterhalten. Da ist die Frau auf bayerischer Seite, die der Frau in Österreich am Bauzaun vorbei einen Korb mit Katzenwelpen-Aufzuchtsmilch zum Großziehen von Eichhörnchen überreicht. Bei der normalerweise aus China importierten Milch gibt es momentan Lieferschwierigkeiten. Da ist der Mann, der zwei Kisten mit Lebensmitteln aus einem Auto mit Bad Reichenhaller Kennzeichen und Reformhaus-Logo darauf holt und an eine Österreicherin hinübergibt. Und da ist die ältere Dame, die als Österreicherin in der Nähe auf deutscher Seite wohnt und sich wundert, dass man nicht einmal zu Fuß über die Brücke darf. So viele Grenzgeschichten in nur eineinhalb Stunden, in denen ich vor Ort war.

 

 

Mitte Juni sollen die Grenzen in Europa wieder öffnen

Zumindest haben die Bayerisch Gmainer und Großgmainer Glück: Einen Tag, nachdem ich für das Politik-Ressort der Augsburger Allgemeinen dort gewesen bin, durfte die Brücke zwischen den Gemeinden wieder passiert werden. Doch einfach so über die Grenze gehen, ist auch weiterhin nicht möglich. Als ich vor Ort war, haben zwei österreichische Polizisten allerlei Kartons in einen blauen Container auf Großgmainer Seite getragen – vermutlich Material für die kommenden Grenzkontrollen. Denn nur so und mit einem triftigen Grund ist ein Grenzübertritt von Großgmain nach Bayerisch Gmain und umgekehrt erlaubt.

Immerhin: Mitte Juni sollen die Grenzen in Europa wieder öffnen. Mal sehen, ob dann alles wieder wie vor der Corona-Krise ist: offene Grenzen, über die ich dann einfach so für eine Wanderung oder einen Tagesausflug nach Österreich kann. Natürlich mit Sicherheitsabstand und Maske.

Alles, was uns bewegt

Rückblick auf das Lokaljahr: Lasst die Volontärin bluten

Wer Blut spenden will, muss zuvor einen medizinischen Fragebogen ausfüllen. Der Blutspendedienst des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK), unterstützt vom Kreisverband Günzburg, organisierte im August 2019 eine Blutspende-Aktion im Kulturzentrum von Gundremmingen. Foto: Bernhard Weizenegger

Auf einmal ist es vorbei: Das Lokaljahr, das die Volontäre der Günter Holland Journalistenschule in ihrem ersten der beiden Ausbildungsjahre durchlaufen. Das Ende kam schneller als gedacht. Doch statt in ein schwarzes Loch zu fallen, denke ich lieber an all die schönen Dinge zurück, die ich im Lokaljahr zum Teil zum ersten Mal in meinem Leben machen durfte – Blut spenden zum Beispiel. Und was wäre ein Abschied, ohne einen zünftig-bayerischen Ausstand?

An meinen allerersten Termin in Günzburg werde ich mich immer erinnern. Meine Volobetreuerin kam nach unserer 10-Uhr-Konferenz, in der wir die Themen der Zeitung für den nächsten Tag besprechen, zu mir und meinte: „Lea, um 11 Uhr kommen zwei Frauen vom Katholischen Frauenbund Günzburg, der dieses Jahr sein 100-jähriges Bestehen feiert. Kümmer´ du dich bitte darum.“ Keine Zeit für Panikattacken, denn schon standen die beiden Damen mit allerlei Unterlagen und Archivmaterial vor der Tür. Den Wurf ins kalte Wasser habe ich gut überstanden. Und ehrlich gesagt, läuft es in einer Lokalredaktion öfter so spontan ab: Irgendetwas Unvorhergesehenes passiert immer.

Wie ein Gasalarm in einem Günzburger Kindergarten, zu dem ich ausrücken durfte. Gasalarm? Und ich mittendrin? Ein wenig mulmig war mir schon zumute. Auch, weil ein Großaufgebot an Feuerwehr, Polizei und Rettungskräften vor Ort war. Sogar eine Spezialeinheit wurde alarmiert. 90 Kinder und zehn Erzieherinnen brachten sich im Garten in Sicherheit. Zum Glück stellte sich alles als Fehlalarm heraus.

Einmal im Monat hieß es für mich: Gemeinderat

Glück hatte ich auch mit meiner zu betreuenden Gemeinde Offingen. Einmal im Monat hieß es für mich: Gemeinderat. Im März war es zum ersten Mal soweit und es stand gleich ein entscheidendes Thema auf der Tagesordnung: die Wahl des Zweiten Bürgermeisters. Da es der Offinger Gemeinderat aber gewohnt ist, von einem Volontär begleitet zu werden, gaben sich alle Gemeinderäte größte Mühe, das Wahlprozedere so verständlich wie möglich zu gestalten. Hilfreich für mich war nach jeder Gemeinderatssitzung immer, am nächsten Tag mit „meinem“ Bürgermeister zu telefonieren, um Unklarheiten zu beseitigen und beim einen oder anderen Punkt nochmal nachzuhaken. Denn – ich gebe es zu – alles sofort verstanden habe ich bei einer Gemeinderatssitzung nie. Deshalb: nachfragen.

Nachgefragt habe ich kurz vor Ostern auch beim Dekan des Dekanats Günzburg, was es denn mit den verschiedenen Farben der Messgewänder auf sich hat, die ein katholischer Priester während des Osterfestkreises, der von Aschermittwoch bis Pfingsten geht, auf sich hat. Mit einer Engelsgeduld erklärte mir der Dekan den gesamten Aufbau eines Messgewandes, vom Talar über die Albe bis zum eigentlichen, farbigen (roten, violetten, altrosa, weißen oder goldenen) Messgewand und führte mir alles an sich selbst vor. Ich hatte ja keine Ahnung, wie vielschichtig das im wahrsten Sinne des Wortes ist und dass einige Messgewänder schon über hundert Jahre alt sind. Ein wirklich informativer und farbenfroher Termin.

Lasst die Volontärin bluten

Anfang August habe ich dann nur noch eine Farbe gesehen: rot. Denn meine lieben Kollegen hatten mitbekommen, dass ich noch niemals in meinem Leben Blut gespendet hatte. Ihnen war sofort klar: Das muss sich schleunigst ändern. Wie gut, dass wir eine Serie mit Namen „Ich probier’s mal“ haben, bei der ein Redakteur etwas machen soll, was er schon immer in seinem Leben ausprobieren wollte, es aber bisher noch nicht geschafft hat. Bei mir wurde also beschlossen, das das Blutspenden ist.

Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich Blut gespendet. Foto: Bernhard Weizenegger

Nun gut, ich habe mich auf das Positive konzentriert: Blut spenden, Gutes tun, Leben retten. Und vor Nadeln habe ich keine Angst. Außerdem war unser Fotograf als moralische Stütze mit dabei. Toll war auch, dass ich vor Ort per Schnelltest meine Blutgruppe erfahren habe, die ich davor nicht wusste. Null negativ – die beste Blutgruppe, da sie der Universalspender ist. Jeder kann sie kriegen. Blöd nur, dass ich selbst ausschließlich Null negativ empfangen kann. Doch kurz bevor es ernst wird und ich zur Ader gelassen werden soll, klappt hinter mir eine Frau zusammen und eine andere klagt über Schwindel. Na toll. Doch schneller als gedacht, ist es überstanden und vorbei.

Zum Abschied im Lokalen gibt’s Weißwürste und Geschenke

Genau wie mein Lokaljahr bei der Günzburger Zeitung. Zeit, Abschied zu nehmen. Und wie ginge das besser, als mit einem zünftig-bayerischen Ausstand mit Weißwurst, Brezn und süßem Senf – in meinem Fall allerdings mit mittelscharfem. Meine Kollegen sahen mich hinsichtlich dieses kulinarischen Frevels etwas entgeistert an und staunten umso mehr, als ich meine Weißwurst samt Haut verspeiste. Da überwiegt der Pragmatiker in mir und nicht der Allgäuer: Wieso unnötig Zeit auf Häuten oder Zuzeln verwenden, wenn man die Pelle auch mitessen kann?

Meine Kollegen verdauten diesen bayerischen Fauxpas allerdings recht schnell. Am Ende bekam ich sogar noch Geschenke, liebevoll verpackt in – wie kann es anders sein – Zeitungspapier. Damit hatte ich wirklich nicht gerechnet.

Neben einer lieben Karte kamen eine Fotocollage meines einjährigen Wirkens bei der Günzburger Zeitung, ein Monopoly-Spiel, das auf Günzburg und das naheliegende Legoland gemünzt ist, und eine Umhängetasche mit Günzburg-Schriftzug vorne drauf heraus. Damit ich Günzburg nicht vergesse, so der Tenor meiner Kollegen. Das kann gar nicht passieren. Nicht, nach einem so ereignisreichen Lokaljahr mit so lieben Kollegen an meiner Seite.