Archiv: 2017

Jeden Tag ein Abenteuer

Volos testen Marken – und sich selbst

Marken sind überall, No-name-Produkte auch. Für einen Artikel haben wir getestet, was uns mehr überzeugt: Tempo oder Taschentuch, Nutella oder Nuss-Nougat-Creme. Über alberne Herausforderungen und unerwartete Erkenntnisse. Irgendwie besteht der halbe Alltag aus Vergleichen. Seriöse Magazine prüfen, welche Schneeketten am besten greifen. Menschen zwischen 20 und 30 erörtern, wie groß der Vorsprung von Berliner Gemüse-Kebab […]

Marken sind überall, No-name-Produkte auch. Für einen Artikel haben wir getestet, was uns mehr überzeugt: Tempo oder Taschentuch, Nutella oder Nuss-Nougat-Creme. Über alberne Herausforderungen und unerwartete Erkenntnisse.

Irgendwie besteht der halbe Alltag aus Vergleichen. Seriöse Magazine prüfen, welche Schneeketten am besten greifen. Menschen zwischen 20 und
30 erörtern, wie groß der Vorsprung von Berliner Gemüse-Kebab zu einem beliebigen Döner einer deutschen Kleinstadt ist. Und jeder vergleicht jede Woche mindestens einmal, bewusst oder unbewusst in irgendeinem Supermarkt. Nivea oder das billige Duschgel von Lidl? Dr. Oetker oder die Tiefkühlpizza der Penny-Hausmarke? Immer ist da eine Marke und immer ist da noch etwas anderes, das günstiger zu haben ist. Wir haben den Vergleich gezogen. Ganz bewusst, aber nicht mit vollem Ernst. Ein Praxistest von fünf Produkten, Marken gegen No-names. Vorgenommen haben wir uns Produkte, bei denen die Markennamen in der Alltagssprache die eigentliche Bezeichnung ersetzt haben: Tempo, Tesa, Tupperware, Edding, Nutella. Oder sagt irgendjemand wirklich Nuss-Nougat-Creme?

Der Test ist Teil eines Themenschwerpunkts: Macht der Marken ist der Titel einer Wochendausgabe der Augsburger Allgemeinen, die von Artikeln zu diesem Thema geprägt ist. Geschrieben haben diese Texte wir, die Volontäre der Günter Holland Journalistenschule. Einer der Texte ist besagter Test. Ein Test, der mit einer Herausforderung beginnt.
Taschentücher, Brotaufstrich, Klebefilm – okay. Ein Besuch in fünf
Supermarkt- und Drogeriemarktketten und wir haben jeweils drei Produkte gesammelt. Lästiger wird es bei Permanent-Markern, die so aussehen, aber nicht so heißen sollen wie ein Edding. Der Gipfel: verschließbare Plastikboxen. Die nämlich gibt es vielerorts im praktischen 54-teiligen Sammelpack. Drei annähernd gleich große Gefäße zu finden, ohne dafür eine dreistellige Zahl von Boxen kaufen zu müssen, stellt sich als Herausforderung dar, die kaum zu bewältigen ist. So albern das auch klingen mag. Also geben wir auf, oder nach. Ganz wie man das sehen will.
Aber ein bisschen Willkür hat noch keinem Vergleich geschadet, finden wir.

Bleibt der Test: Überall nehmen wir uns eine Praxis-Komponente vor. Bei Nutella und den Konkurrenz-Produkten ist es der Geschmack. Bei Edding die Haltbarkeit der Schrift. Bei Tesa die Klebestärke. Bei Tupperware die Verschlusskraft der Deckel. Bei Tempo nehmen wir vom naheliegenden Gedanken Abstand. Wir probieren lieber, was passiert, wenn die Taschentücher in der Hosentasche vergessen werden und in der Waschmaschine landen. Also bestreichen wir Brote, schreiben auf Plastikdeckel, kleben Postkarten an die Wand, schütteln mit Suppe gefüllte Boxen und Waschen Hosen mit Tüchern in der Tasche.

Es ist ein Selbstversuch, der nicht annähernd wissenschaftlich ist und auch nicht vollends ernst gemeint. Trotzdem bringt er uns zum Grübeln.
Sind wir fair? Ist es okay, dass wir bei Rewe eingekauft haben und nicht bei Edeka? Kann es wirklich sein, dass das Markenprodukt jedes Mal zumindest ein kleines bisschen besser abschneidet als der Rest? Bei Nutella haben wir den Probe-Essern noch die Augen verbunden. Waren wir bei den vier anderen Tests wirklich neutral? Eine spannende Erfahrung, auf diese Fragen zu stoßen. Es sind Fragen, auf die wir keine genügenden Antworten finden. Komplett fair waren wir nicht, aber das war uns diesmal auch nicht wichtig. Bei der Qualität von Schneeketten und dem Geschmack von Döner würden wir anders testen.

Jeden Tag ein Abenteuer

Eben noch Volontärin, dann die Frau vom Nikolaus

Nikolaus besucht Grundschule und Kindergarten in Tiefenbach mit dem Schlitten. Foto: Alexander Kaya

Auf manche Termine freut man sich als Volontär besonders. Vor allem, wenn man eine Person trifft, die einem in positiver Erinnerung geblieben ist. Um genauer zu sein: in Kindheitserinnerungen voller Schokolade, Nüsse, Rauschebärte und Bischofsstäbe.

Am 6. Dezember war ich mit dem Nikolaus unterwegs. Ja, dem Mann draußen vom Walde, mit langem weißem Bart und dem gütigen Blick in den Augen. Und ich durfte feststellen: Der Nikolaus heißt Ottmar Rädler, ist 60 Jahre alt und wohnt in Illertissen.

Seit 30 Jahren ein dynamisches Duo in der Region Augsburg

Eigentlich begann die Geschichte sehr un-besinnlich: Im kargen Konferenzraum der Neu-Ulmer Zeitung. Dort hieß es: „Wir brauchen noch eine Story zum Nikolaus.“ Wir sammelten Ideen und wägten ab, was wir in der kurzen Zeit (es blieben noch drei Arbeitstage bis zum 6. Dezember) schreiben könnten. Ursprünglich hatte ich den Einfall, über die Ausbildung von zu mietenden Nikolaus- und Weihnachtsmann-Doubles zu schreiben. Doch nach ein paar Telefonaten stellte sich heraus: Es gibt noch eine bessere Geschichte.

Zwei Männer aus der Region, die seit über dreißig Jahren gemeinsam als Nikolaus und Knecht Ruprecht unterwegs sind – und das alles für den guten Zweck. Denn die beiden verlangen für den Besuch von Schulen, Kindergärten oder Betriebsfeiern kein Geld. Freiwillige Spenden geben sie an wohltätige Organisationen weiter. Die Hälfte der gesammelten Einnahmen gehen an die Kartei der Not, das Leserhilfswerk der Augsburger Allgemeine.

Mit Nikolaus und Knecht Rupprecht ging es in den Kindergarten St. Martin in Illertissen. Foto: Alexander Kaya

Bei so einer interessanten Geschichte nimmt man sich dann auch einen Vormittag Zeit, um mit Nikolaus und Knecht Ruprecht um die Häuser zu ziehen – beziehungsweise zu fahren. Denn standesgerecht reisten die beiden nicht im Audi TT, sondern mit der Pferdekutsche an.

Schön, als Volontärin der Augsburger Allgemeinen mit Jubel empfangen zu werden

Der erste Stopp war an der Grundschule Tiefenbach. Kaum dass die beiden Männer mit den Rauschebärten erschienen, wurden sie mit Jubelgeschrei und Adventsliedern begrüßt. Schön, wenn man das mal als Volontär miterleben darf. Bei Presseterminen werden Journalisten ja eher selten auf diese Weise ein Empfang genommen. Nach ein paar Nikolaus-Gedichten und Ermahnungen an die Schüler durch den Mann mit der roten Bischofsmütze ging es für Knecht Ruprecht, Nikolaus und mich weiter zu einem Kindergarten in Illertissen.

Auf den Schlitten war Platz für das Christkind, den Nikolaus und Knecht Ruprecht. Foto: Alexander Kaya

Dort angekommen herrschte erstaunlicherweise zunächst Stille. Wie gebannt und voller Ehrfurcht schauten die über 70 Kinder Nikolaus und Knecht Ruprecht an. Während die beiden Protagonisten des Tages mitten im Raum standen und bewundernde Kinderblicke bekamen, setzte ich mich auf eine Mini-Bank am Eingang. Und dachte mir: Auch einmal schön, wenn man rein als Beobacher – ohne Fragestellen oder intensive Recherche – zu einem Termin gehen kann.

Und einen Auftritt des Nikolauses sieht man gewiss nicht alle Tage. Doch obwohl die Aufmerksamkeit auf den beiden Männer im Kostüm lag, bemerkten zwei Mädchen meine Anwesenheit. Ich winkte ihnen zu. Und das eine sagte zum anderen: „Ich glaube, das ist die Frau vom Nikolaus.“

Fliegendes Klassenzimmer

Wo (nicht nur) die Politiker arbeiten: Volontäre zu Besuch im Bayerischen Landtag

Wer die Artikel unseres München-Korrespondenten Uli Bachmeier liest, fragt sich schon manchmal: Woher weiß er das? Wie ist er an diese Information gekommen? Wie der Arbeitsalltag eins Landtag-Reporters aussieht und wer sich so alles im Maximilianeum tummelt, erfuhren wir bei einem Seminartag.

Er kennt sie alle. Diesen Eindruck bekommt zumindest, wer mit unserem München-Korrespondenten Uli Bachmeier durch den Bayerischen Landtag läuft. An der Einlasskontrolle scherzt er mit der Pförtnerin, vor dem Sitzungssaal plaudert er mit der Saaldienerin. Im Steinernen Saal – dem großen Raum vor dem Sitzungssaal, wo Journalisten und Politiker aufeinander treffen – erklärt er uns, mit welchen Korrespondenten die Sprecherin von Finanzminister Markus Söder gerade spricht. Und ganz nebenbei erwähnt er, dass er natürlich die Namen aller 180 Abgeordneten kennt.

Wie sieht der Alltag eines München-Korrespondenten aus?

Der Alltag eines Korrespondenten unterscheidet sich deutlich von dem eines Volontärs. Während wir fast immer tagesaktuell recherchieren, uns schnell in neue Themen einarbeiten müssen und jeden Monat in einem anderen Ressort arbeiten, kümmern sich die Journalisten in München fast ausschließlich um die Vorgänge im Landtag. Die Schwerpunkte der Reporter, die für regionale Medien arbeiten, und derer, die überregional tätig sind, unterscheiden sich dabei stark. Das erklärten uns Uli Bachmeier und Main-Post-Kollege Henry Stern im Gespräch mit F.A.Z.-Korrespondent Albert Schäffer und ZDF-Reporter Alexander Poel. Während für die regional tätigen Kollegen zwar auch wichtig sei, präsent zu sein, berichten sie dennoch verstärkt über Entscheidungen, die das Parlament getroffen hat. Bei den überregional arbeitenden Journalisten geht es hingegen hauptsächlich um Hintergrundrecherche und Networking: „Es kann sein, dass ich wochenlang keine Sendeminute habe“, sagte Alexander Poel. „Aber im Ernstfall muss ich alle Hintergründe kennen und innerhalb von fünf Minuten bereit sein, vor die Kamera zu treten.“

Unsere folgenden Gesprächspartner berichteten aus einem anderen Blickwinkel: Grünen-Fraktionschef Ludwig Hartmann und Natascha Kohnen, Vorsitzende der Bayern-SPD, plauderten aus dem Nähkästchen. Natürlich alles „unter drei“ (sprich: vertraulich), weswegen die wirklich pikanten Aussagen an dieser Stelle nicht wiedergegeben werden können. Nur so viel: Seit der Bundestagswahl haben sich auch die Machtverhältnisse im Landtag verändert. Die SPD, die im Bund bald höchstwahrscheinlich in der Opposition sitzen wird, muss sich nun auch in München an eine andere Behandlung durch die übrigen Parteien gewöhnen. Was nicht unbedingt heißt, dass im Gegenzug bald die Zusammenarbeit von Grünen und CSU leichter wird. Denn der Umgang mit der Bayerischen Schwesterpartei ist ein anderer als der mit der CDU in Berlin, erfuhren wir.

Gespräch mit Grünen-Fraktionschef Ludwig Hartmann und Natascha Kohnen, Vorsitzende der Bayern-SPD. Foto: Stefanie Sayle

CSU-Fraktionschef Thomas Kreutzer ist an Sondierungsgesprächen für eine Jamaika-Koalition beteiligt

Apropos CSU: Fraktionschef Thomas Kreutzer stellte sich ebenfalls unseren Fragen. Er ist zurzeit an den Sondierungsgesprächen für eine Jamaika-Koalition in Berlin beteiligt, weswegen sich unsere Diskussion eher um Bundes- als um Landespolitik drehte. Er berichtete über die Schwierigkeiten in Berlin, „aus einer rein mathematischen Mehrheit auch eine Mehrheit zu bilden, die den Volkswillen widerspiegelt“. Außerdem erklärte er uns, wie die CSU versuchen will, Wähler zurückzuholen, die zur AfD abgewandert sind – eine interessante Frage, vor allem mit Blick auf die im kommenden Jahr anstehende Landtagswahl.

Zurück zu einem journalistischen Blickwinkel ging es anschließend mit den Pressesprechern Franz Stangl von der CSU und Holger Laschka von den Grünen, die erklärten, wie die Zusammenarbeit mit Medienvertretern und Politikern abläuft.  CSU-Pressesprecher Franz Stangl erzählte zudem von der Angst vieler Politiker, zu twittern: „Die denken, dass mit einem Shitstorm ihre Karriere vorbei ist und posten deshalb nur Unverfängliches.“

Der Mann, der keinen Shitstorm fürchtet: Markus Söder im Gespräch

Einer, der deutlich weniger zurückhaltend in den sozialen Netzwerken unterwegs ist (und dort auch schon manches Mal einen Shitstorm provoziert hat), ist Finanzminister Markus Söder – der uns zum Abschluss unseres Seminartags Rede und Antwort stand. Der studierte Jurist und gelernte Journalist präsentierte uns seine Sichtweise auf das CDU/CSU-Wahldebakel bei der Bundestagswahl, sprach über seine Bedenken für eine Jamaika-Koalition und erklärte, warum Politiker oft so umständlich formulieren: „entweder, weil sie es selber nicht verstanden haben, oder weil sie nicht wollen, dass es jemand anderes versteht.“

Markus Söder, bayerischer Finanzminister, steht den Volontären Rede und Antwort. Foto: Stefanie Sayle

Mit diesem Wissen sind wir dann gerüstet, für künftige Zusammentreffen mit Politikern – ganz gleich, ob im kleinen Gemeinderat oder im großen Landtag.