Archiv: 2016

Nach Redaktionsschluss

Weihnachtsfeier unter dem Mistelzweig

SCHÖN WARS

Auf den ersten Blick ist bei dieser Weihnachtsfeier alles wie gehabt. Junge Volontäre und altgediente Redakteure essen Plätzchen, trinken Glühwein und erzählen sich neue und nicht so neue Anekdoten aus ihrem Journalisten-Alltag. Mit einem will sich aber niemand abgeben.

Der ungewöhnlichste Gast bei dieser Weihnachtsfeier kommt nicht durch die Tür, hat keine Beine und kann nicht sprechen. Unscheinbar hängt er gute zwei Meter über dem Fußboden und streckt seine grünen Zweige und Blätter in den Raum. Mit ihm abgeben will sich offenbar niemand. Dabei will er, der Mistelzweig, doch nur Glück bringen.
Doch viele bemerken ihn erst gar nicht. Die anderen haben für ihn lediglich ein schelmisches Grinsen übrig. Da treten doch zwei junge Leute unter den Mistelzweig.
Donnerstag, 18.30 Uhr, Haupthaus der Augsburger Allgemeinen. Die Volontäre und ihre Journalistenschule haben zum ungezwungenen Plausch mit Plätzchen und Glühwein geladen. Dafür mussten sie ihren Seminarraum kräftig umbauen. Sie trugen Tische und Stühle weg und stellten Stehtische auf. Die Volontäre beklebten die Fenster mit Sternen und Kugeln aus Zeitungspapier und ließen digitale Flocken an der Wand schneien. Zudem schafften sie Tannenzweige und einen Mistelzweig herbei. Letzteren hängten sie in der Mitte des Raums auf.

Die Volontäre waren bei der Gästewahl nicht kleinlich. Sie hatten die Leiter der Lokalredaktionen, Volontärsbetreuer und Mantelredakteure eingeladen. Einige von ihnen kamen tatsächlich auf eine Tasse Glühwein vorbei und mischten sich unter die jungen Kollegen. Manchen gefiel es sogar so gut, dass sie am liebsten im Seminarraum übernachtet hätten. Nur der Mistelzweig fand keine Freunde. Und wenn doch jemand aus Versehen unter dem Grün stand? Dann verdrückte er sich möglichst unbemerkt wieder. Würden auch die zwei jungen Leute, die sich leichtfertigerweise unter den Baum begeben hatten, so einfach davonkommen?

Ein Gast wollte sich nicht damit abfinden. Sie müssten sich jetzt schon küssen, witzelte er. Durchsetzen konnte er sich nicht. Die beiden weigerten sich und eilten mit geröteten Backen davon.
Bis zum Schluss baumelte der Zweig alleine von der Decke. Dann hängte ihn das Aufräumteam wieder ab. Seiner dem Brauch entsprechenden Bestimmung konnte der Mistelzweig zumindest an diesem Abend nicht gerecht werden.
Fotos: Ida König, Andreas Baumer

Nach Redaktionsschluss

Vom Fernseher und der Weihnachtsbäckerei

Wer Gendertheorien mag, könnte sich über diesen Text ärgern. Denn er bestätigt Geschlechterklischees auf wunderbare Weise. Oder doch nicht? So ganz klar ist das nicht zu beantworten.

Wer Gendertheorien mag, könnte sich über diesen Text ärgern. Denn er bestätigt Geschlechterklischees auf wunderbare Weise. Oder doch nicht? So ganz klar ist das nicht zu beantworten.

Die Kollegen mögen Plätzchen. Diesen unauffälligen Wink mit dem Nudelholz nahmen die Volontäre artig mit auf den Weg. Denn es galt, einen Weihnachtsumtrunk vorzubereiten. Für den besorgte eine Kollegin zu erwärmende Getränke. Zwei kümmerten sich um die notwendige Dekoration. Und eine Handvoll traf sich zum Backen.

Dafür war der Plan flugs geschrieben. Zwei Nachmittage, vier Sorten Plätzchen und dazu einen Stollen. Weil das Backen höchstens im weitesten Sinne zur Arbeiten zu rechnen ist, blieben als Termine nur Wochenendtage.

Womit wir bei den Gendertheorien wären. Denn zum Wochenende gehört der Samstag. Und zum Samstag gehört die Bundesliga. Die eigens gekauften Ausstecher Herz und Lokomotive kamen beim Backteam zwar an. Die Spieltagskonferenz im Bezahlfernsehen überzeugte die männlichen Kollegen aber mehr. Also backte: eine Frau. Das Ergebnis von knapp sechs Stunden Backzeit: ein paar Bleche Butterplätzchen.

Die gewieften Volontäre wählten darum einen Sonntag als zweiten Termin und eine Küche ohne Fernseher als Ort. Da liefen die Rohre und Herdplatten heiß. In kürzester Zeit fertigen die Bäcker drei zusätzliche Sorten und glasierten die Butterplätzchen vom vergangenen Mal. Dafür war damals nämlich wirklich keine Zeit mehr gewesen.

Beim zweiten Anlauf klappte es dann – schließlich läuft die Sportschau am Sonntag nicht. (Foto: Sebastian Mayr)

Wer sich nun ärgert über die Geschlechterklischees, dem sei ein Trost mit auf den Weg gegeben: Vier von fünf Bäckern waren Männer, nur eine Frau stand hinterm Herd. Von den Bäckern mussten übrigens auch am zweiten Backtag, dem Sonntag, zwei früher gehen. Zum Fußball.

Fliegendes Klassenzimmer

Verstrahlte Volos

Aus den Kühltürmen der Reaktorblöcke B und C des Kernkraftwerks Gundremmingen steigen Dampfwolken in den Himmel. (Foto: Bernhard Weizenegger)

Ohne Strom läuft in der Redaktion nichts. Woher der Saft kommt, darüber machen wir uns im Alltag aber keine Gedanken. Höchste Zeit für einen energiegeladenen Tag.

Ohne Strom läuft in der Redaktion nichts. Woher der Saft kommt, darüber machen wir uns im Alltag aber keine Gedanken. Höchste Zeit für einen energiegeladenen Tag. Also ab zur LEW, den Lechwerken, die große Teile Bayerisch-Schwabens versorgen. Jetzt wissen wir nebenbei auch wie unsere Stromrechnung zustandekommt. Dass bei der Stromgewinnung in unserer Region vorwiegend regenerative Quellen wie Wasserkraft oder Photovoltaik eine Rolle spielen, ist aufgrund der geografischen Begebenheiten keine wirkliche Überraschung.

Mehr überrascht uns, wie groß das Netz ist und welchen Aufwand es braucht, um unsere Redaktionen rund um die Uhr mit Strom zu versorgen. Kein Wunder, dass die Leitstelle der LEW der Kommandobrücke der Enterprise Konkurrenz machen könnte. Blinkende Lichter, schier endlose bunte Linien und Monitore über Monitore.

Noch eine deutliche Nummer größer ist das Atomkraftwerk in Gundremmingen (Landkreis Günzburg). Dort wird der Großteil des bayrischen Stromes produziert. Allerdings, wie wir wissen, nur noch bis 2022. Das bedeutet allerdings nicht zwangsläufig das Ende des Standortes. Die Abbauarbeiten des riesigen Komplexes werden noch bis ca. 2040 dauern. Erst dann sei das Areal atomfrei, erfahren wir.

Warum das so lange dauern wird? Davon bekommt man erst eine Vorstellung, wenn man den streng gesicherten Komplex einmal betreten hat. Ein weitläufiges Gelände mit 160 Meter hohen Kühltürmen, also fast so hoch wie das Ulmer Münster, und jeder Menge Technik. Die Anlage ist schon von der A8 aus zu sehen und hat sogar einen eigenen Gleisanschluss. Wir erfahren nicht nur, wie die Energie gewonnen wird, sondern dürfen auch ins Innere des Atomkraftwerks blicken.

Ohne strenge Sicherheitskontrollen kommt man aber nicht rein. Handys und andere elektronische Geräte müssen draußen bleiben, sogar die von uns so lieb gewonnene Kamera. Eine Sicherheitskontrolle wie am Flughafen reicht in einem Atomkraftwerk nicht aus.

Also erstmal in die blauen Baumwoll-Overalls geschlüpft, damit unsere Kleidung keine Strahlung abbekommt. Außerdem Pflicht: Sicherheitsschuhe, Schutzhelm, Handschuhe. Und als hübsches Accessoire ein Messgerät. Damit wir wissen, wie schlimm wir kontaminiert sind.

Also ab durch die Schleuse und rein ins Herz von Gundremmingen. Schnell wird uns klar, dass der Arbeitsplatz nicht unbedingt zum Verweilen einlädt. Bei der Energiegewinnung entsteht vor allem Wärme und schnell wird es uns in unseren Anzügen sehr warm. Deshalb tragen die meisten Mitarbeiter also nur Unterwäsche unter den Overalls.

Hinzu kommt der Lärm. In der Nähe des Generators versteht man sein eigenes Wort nicht mehr. Zum Glück haben wir Gehörschutz. Der Boden vibriert und wir bekommen einen Eindruck von der gewaltigen Leistung, die hier aufgewendet wird.

Nach dem Rundgang also schnell wieder raus aus dieser Sauna. Nicht mit der Sicherheitsschleuse! Arme spreizen und in die Vorrichtung legen, die Füße müssen ebenfalls gecheckt werden. Warum? Wer radioaktiv kontaminiert ist, der darf nicht raus. „Keine Kontamination“, sagt die Computerstimme. Am Ende sind alle wieder heil rausgekommen, obwohl die Messgeräte einen sehr geringen Sievert-Wert, der Einheit für die Wirkung einer radioaktiven Strahlung, anzeigten. Alles normal, sagen die Mitarbeiter. Diese minimale Verstrahlung sollte uns also nicht vom Schreiben abhalten.

Die Leitstelle der LEW gleicht einer Kommandobrücke in Raumschiffen. (Foto: Sebastian Richly)

Die Leitstelle der LEW gleicht einer Kommandobrücke in Raumschiffen. (Foto: Sebastian Richly)

Aufmerksames Lauschen: So funktioniert ein Kernkraftwerk. Nur echt mit Tafel. (Foto: Sebastian Richly)

Aufmerksames Lauschen: So funktioniert ein Kernkraftwerk. Nur echt mit Tafel. (Foto: Sebastian Richly)

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