Fliegendes Klassenzimmer

So halten nicht nur Volos noch mehr zusammen

Hoch hinaus ging es für die Volontäre der GHJS im Niedrigseilgarten der St. Gregor Kinder-, Jugend- und Familienhilfe. Doch nicht nur das gemeinsame Balancieren war Thema des actionreichen Volo-Tags – hinter meist simplen Übungen wartete auf uns vor allem eine wichtige Erkenntnis.

Ja, Journalismus ist Teamwork: morgens gemeinsam im Gespräch Ideen finden, abstimmen, wer sich um welches Thema kümmert, problematische Fälle diskutieren oder auch mit den freien Mitarbeitern und Fotografen Texte und Bilder besprechen. Nur wenige Tage nach dem Volo-Ausflug zur Bundeswehr, bei dem wir im Kollektiv unsere fiktiv verwundeten Kollegen aus der Gefahrenzone auf einem arabischen Basar befreit hatten, verschlug es uns in eine weitere – nunja ähnlich adrenalingeladene Situation. Und auch hier, oben auf einem dünnen Drahtseil, war der Zusammenhalt entscheidend.

Angefangen hat der actionreiche Tag relativ harmlos

Wir waren zu Gast bei der St. Gregor Kinder-, Jugend- und Familienhilfe in Augsburg. Geschäftsführer Otto Bachmeier erläuterte, wie er und seine Kollegen jungen Menschen mit erschwerten Startbedingungen kompetent, engagiert und achtsam auf dem Weg in ein selbst gestaltetes Leben helfen. Auch Eltern werden bei der Erziehung des Nachwuchses unterstützt. Im Zentrum der Arbeit steht immer eine grundlegende Frage: Wie kann einem Kind das Recht auf Erziehung ermöglicht werden – auch in schwierigen Zeiten? Die St. Gregor Jugendhilfe kann auf viel Erfahrung zurückgreifen, schließlich existiert die Einrichtung seit 446 Jahren!

Volontären huschen und balancieren durch den Wald

Erst die zweite Programmhälfte führte uns näher an die eingangs erwähnte schweißtreibende Herausforderung. Wir testeten am eigenen Leib das „clip“-Programm der Einrichtung, das für „creatives lernen und innovative pädagogik“ steht. In einem Waldstück in Bliensbach bei Wertingen, das direkt an das Landschulheim der Jugendhilfe angrenzt, versteckt sich der Hoch- und Niedrigseilgarten.

Schnell wechselten wir von der Theorie rund ums intensive Lernen durch Erleben in die Praxis.
Verschiedene Aufwärmübungen erwarteten uns, alle mit einem Ziel. „Es wird klar, wie wichtig Kommunikation ist – sowohl bei den Übungen hier im Wald, als auch später im Berufsalltag“, sagte uns Angelika Hafner. Die Heilpädagogin ist Fachübungsleiterin für Klettersport und führte uns durch die Aufgaben, bei denen es um Vertrauen und Verlässlichkeit ging: Sich mit gestrecktem Körper in die Hände seines Übungspartners fallen zu lassen, oder nebeneinander stehend sich an den Händen haltend zur Seite zu lehnen, – alles ist für die Ewigkeit festgehalten:

Als Leser mag man sich schon fragen: Wofür auch immer brauchen Journalisten so bizarre Spiele? Die Antwort ist simpel, aber lehrreich. Man lernt daraus: miteinander sprechen, gemeinsame Ideen entwickeln, andere auf Probleme aufmerksam machen, auch mal „Nein“ sagen, um Hilfe bitten – all das, was eigentlich selbstverständlich ist, im oft hektischen Alltag dann aber doch vergessen wird.

Hoch hinaus: im Niedrigseilgarten

Auf dem dünnen Seil, einen Meter über dem Waldboden, balancieren normalerweise Schüler oder Jugendliche. Alleine, aneinandergereiht in Zweier- und Dreiergruppen und vor allem mit vielen Absprachen wandelten wir über die gespannten Drähte. Weil Bilder und Videos mehr sagen als tausend Worte, hier ein Einblick in unsere akrobatischen Künste:

Fazit des erlebnisreichen Tages: Selbstverständlich ist im Normalfall nichts. Weder die zahlreichen Angebote für hilfsbedürftige Kinder und Familien, der Einsatz der engagierten Hilfskräfte vor Ort noch die einfache, ehrliche Kommunikation im Team – egal ob im Wald oder am Schreibtisch.

Weitere Infos über die St. Gregor Kinder-, Jugend- und Familienhilfe gibt es hier, Details über das „clip“-Programm hier.

Jeden Tag ein Abenteuer

Mein Fußballabenteuer in Russland

Einmal ein WM-Spiel im Stadion sehen – das ist ein Traum, den ich bis vor kurzem mit vielen Fußball-Fans geteilt habe. Ende Juni bin ich tatsächlich in den Flieger nach Sotschi gestiegen und habe den Wahnsinn mitgemacht. Angefangen beim Flug mit einer russischen Fluggesellschaft, über die Jagd nach einem Foto mit Jogi Löw, bis zu […]

Einmal ein WM-Spiel im Stadion sehen – das ist ein Traum, den ich bis vor kurzem mit vielen Fußball-Fans geteilt habe. Ende Juni bin ich tatsächlich in den Flieger nach Sotschi gestiegen und habe den Wahnsinn mitgemacht. Angefangen beim Flug mit einer russischen Fluggesellschaft, über die Jagd nach einem Foto mit Jogi Löw, bis zu einer Reise in die kaukasischen Berge. Der Elbrus, der höchste Berg des Kaukasus, ist ja quasi „um die Ecke“. Mittlerweile kann ich darüber lachen. Mit im Schlepptau: meine russischen Eltern. Nein, die Reise war nicht entspannend. Und ja, sie entwickelte sich so chaotisch, wie befürchtet.

So ähnlich könnte die russische Version von Agatha Christies „Mord im Orient-Express“ beginnen. Tausche lediglich Luxus-Zug gegen rostigen Lada, die junge Gräfin Elena Andrenyi gegen eine Volontärin der Medien-Akademie in Augsburg und platziere sie auf einer holprigen Straße im nördlichen Kaukasus, irgendwo zwischen dem Kaspischen und dem Schwarzen Meer. Ach wie sehr hat der besonnene Detektiv Hercule Poirot auf dieser Reise gefehlt. Nicht um einen Mörder zu überführen, sondern um zu ergründen, warum Russen nicht so viel Wert auf durchgehend asphaltierte Straßen legen. Oder warum postsowjetische Taxifahrer das Zeug zum Bösewicht im nächsten Bond-Film haben. Oder warum Jogi Löw einfach kein Bild mit mir machen wollte.

Weite Distanzen? Von wegen!

Als ich wenige Stunden nach dem WM-Spiel Deutschland gegen Schweden aufwache, klebt mein Gesicht an der hinteren Seitenscheibe eines alten Lada. Die Knie sind an den Vordersitz gepresst. Vor 350 000 gefahrenen Kilometern hat ein Sicherheitsgurt existiert. Davon zeugt zumindest das ausgehöhlte Gurtschloss. Neben mir haben sich meine Eltern in das Auto gequetscht. Draußen herrschen 32 Grad, drinnen gefühlt 40. Was gäbe ich jetzt für eine Klimaanlage. Hercule Poirot ist nicht da. Stattdessen Genadij und Vladimir, zwei Freunde meiner Eltern. Sie bringen uns nach Stavropol, auch eine Stadt im Kaukasus, 560 Kilometer von Sotschi entfernt. Trotz 30 Jahren Altersunterschieds sehen sich die zwei Russen verblüffend ähnlich: Geheimratsecken, Zahnlückenlächeln, Fünftagebart, Jogginghose, Badelatschen. Ihnen scheinen die Hitze und das stundenlange Sitzen nichts auszumachen. „Ihr Deutschen wisst doch gar nicht, was weite Distanzen sind“, sagt Vladimir und lacht. Es seien ja lediglich 12 Stunden Fahrt.

Während ich also durchgerüttelt und unfreiwillig sauniert werde, denke ich über Sotschi nach. Wie für einen richtigen Fan angebracht, bin ich bereits vier Tage vor dem Spiel angereist. Die erste Überraschung der Reise ließ auch nicht lange nach der Landung auf sich warten. Als ich aus dem Zimmer meines Hotels geschaut habe, erblickte ich doch tatsächlich knapp 300 Meter vor mir das „Radisson Blu Paradise“. Das Schicksal meinte es gut mit mir, das Mannschaftshotel in Seh- und vor allem Gehweite. Und weil deutsche Zeitungen fleißig darüber berichtet haben, dass Jogi Löw täglich um 7.30 Uhr joggen geht, wusste ich natürlich wo ich am nächsten Morgen sein werde. Natürlich ohne Trikot und Flagge. Ich bin doch kein aufdringlicher Fan. Jogi sollte allerdings einen ganz anderen Eindruck bekommen.

„Herr Löw, warten Sie, meine Tochter arbeitet bei der Zeitung!“

Ich hatte die Rechnung ohne meine Mutter gemacht. Sie wollte unbedingt, dass ihre Tochter ein Foto mit dem deutschen Trainer bekommt – ohne Rücksicht auf Kameraleute, Reporter, Sicherheitsleute und natürlich Jogi selbst. Nur so viel: Ich wurde mehrmals in Richtung Jogi Löw geschubst. Und als Schubsen und Nachlaufen keine Wirkung zeigten, schrie meine Mutter dem Bundestrainer hinterher: „Herr Löw, warten Sie, meine Tochter arbeitet bei der Zeitung!“ Wo ist nur dieses ominöse Erdloch, das sich in solchen Situationen vor einem aufreißt, wenn man es mal braucht?

15 Minuten Ruhm

Ich war zufällig auf ein Agenturfoto geraten, auf dem der Bundestrainer und ich zu sehen waren. In den Tagen darauf bekam ich deshalb viele Nachrichten aus Deutschland. Hier zwei Beispiele: „Hey, bist du in Sotschi? Ich glaube, ich habe dich gerade auf NTV gesehen“ oder „Als ich heute Morgen die Fuldaer Zeitung aufgeschlagen habe, habe ich meinen Augen nicht getraut. Das bist doch du neben Löw?“ Ich habe also doch mein Foto bekommen, nur nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe. Auch auf die Online-Seite der Augsburger Allgemeinen habe ich es geschafft. Danke, liebe Kollegen. Um es mit Andy Warhol, Filmemacher und Vertreter des amerikanischen Pop Art, zu sagen: Das waren wohl meine 15 Minuten Ruhm.

Die Stimmung während und nach dem Spiel war phänomenal. Die deutschen Fans feierten, umarmten sich, tranken Bier und grölten die ganze Nacht. Und ich mittendrin. Selbst die Polizisten machten mit, also die deutschen. Ihre russischen Kollegen haben ihren griesgrämig bis wutentbrannten Gesichtsausdruck perfektioniert. Überall waren kreative Deutschlandperücken, schwarz-rot-gold geschminkte Gesichter, Deutschlandtrikots und weinende Schweden zu sehen. Und die deutsche Mannschaft war an einem Abend ganz „Kroos“.

Das Spiel allein ist nur das halbe Erlebnis

Wer erst am Tag des Spiels angereist ist, hat viel verpasst. Wenige Tage vor dem Match war der Zugang zum Mannschaftshotel nicht versperrt. Müller und Co. spazierten ohne Security auf der Promenade, gingen abends ab etwa 19 Uhr im Meer baden. Ich war natürlich nicht dort. Aber ich habe von weitem gesehen, wie andere an diesem Strandabschnitt herumgelungert sind. Nicht ich. Je mehr Deutsche kamen, desto lustiger wurde es am Strand. Die Vorfreude stieg. Mit dem Ausgang des Spiels kam leider nicht die erhoffte Wende.

In den Genuss einer Zugfahrt bin ich im Übrigen auch gekommen. Der über alle Maßen gelobte Hochgeschwindigkeitszug, der von Krasnodar nach Sotschi und zurück verkehrt – er fuhr streckenweise 35 Kilometer in der Stunde. Fake News? Leider nicht. Eine Fahrt in einem rostigen Lada ist aber auch nicht zu empfehlen. Hercule Poirot würde mir sicher Recht geben.

Jeden Tag ein Abenteuer

Wie ein Volo auf der Schweineweide landete

So sehen zufriedene Schweine auf einem mittel-fränkischen Biobauernhof aus. Foto: Veronika Lintner

AZ-Volontärin Veronika Lintner schreibt eigentlich für die Schwabmünchner Allgemeine. Das Volontariat an der Günter-Holland-Journalistenschule führt einen aber auch an ganz unerwartete Ort, wie etwa einen Biobauernhof in Mittelfranken…

Als ich die Tür zum Kühlraum des Bauernhofs öffne, strahlt mir ein breites Grinsen entgegen. „Du kommst heute genau richtig“, begrüßt mich die Bäuerin und greift zum Messer. „Maja hat vor ein paar Stunden geferkelt. Gleich neun Stück, richtig süß. Die zeig ich dir nachher.“ – sagt sie und lässt die Klinge mit Schwung durch ein Stück Speck gleiten. Ein Berg von Fett, in Klötzen und Blöcken, liegt vor ihr auf der Theke. Und ich? Ich soll sofort mit anpacken! Ich zögere kurz, höre auf das Kommando der Bäuerin und greife zum zweiten Messer. Und schneide den nächsten Klotz Schweinespeck. Im Kühlhaus eines Bio-Bauernhofs. Im tiefsten Mittelfranken. Wie konnte es so weit kommen?

Augsburger Volontäre lernen an der Akademie der Bayerischen Presse

Vier Volontäre der GHJS begaben sich im Sommer auf eine Fortbildungsreise nach Kulmbach.  Meine drei Kollegen und ich, wir nahmen dort an einem Seminar der Akademie der Bayerischen Presse teil. Die Dozenten – erfahrene Redakteure anderer Zeitungen – vermittelten uns Wissen, plauderten aus ihrem Erfahrungsschatz und stellten uns praktische Aufgaben. Die wichtigste Übung des Seminars: eine Reportage rund um Kulmbach.

Am Ende einer langwierigen Themensuche (verzweifelte Suchanfrage bei Google: „Hat Kulmbach denn wirklich nichts zu bieten außer Bier?“) landete ich einen Glückstreffer. Inmitten der fränkischen Wildnis betreiben ein Heilpraktiker und eine Sozialpädagogin einen Biobauernhof. Ihr Konzept: Tierfreunde und Touristen können hier Schweinchen auf der Weide beobachten, sie füttern und bestaunen – und sie am Ende des Tages verkosten. Definitiv kein Ferienprogramm für militante Veganer.

„Was gegessen wird, braucht keinen Namen“

Und dann finde ich mich schon mitten auf der Weide wieder. Ein Volo zwischen glücklichen Weideschweinen mit niedlichen Löckchen. An diesem Sommertag suhlen sich die Tiere in ihren selbstgebuddelten Kuhlen und marinieren sich im Schlamm. Schnell lerne ich, dass bei Schweins eine Zweiklassengesellschaft herrscht: Schweine ohne Namen und Schweine mit Namen. Schweine, die zur Zucht dienen und ein langes Leben führen dürfen – und Schweine, die als Steak, in Schmalztöpfchen und Leberkäsegläsern enden. „Was gegessen wird, braucht keinen Namen“, erklärt die Bäuerin.

Abkühlung gefällig? Die Bio-Bäuerin gönnt ihre Schweinen eine Dusche mit dem Wasserschlauch. Foto: Veronika Lintner

Und dennoch erlebe ich an diesem Tag rührende Szenen. Die Bäuerin gönnt den Schweinen  eine Wasserdusche aus dem Schlauch und kommentiert das verschmitzt: „Swimmingpool für die Sau“. Sie erzählt von einem Ferkel, das sie mit der Flasche großziehen musste und das mit Hunden aufwuchs: „Das hat mit dem Schwänzchen gewedelt, wenn es uns gesehen hat.“  Das Verhältnis zwischen Mensch und Tier ist hier nah und zugleich natürlich. Ein Hektar Weideland für knapp 40 Tiere – so viel Raum genießt kaum eine Sau in Deutschland. Und auch Maja und ihre kleinen Ferkel lerne ich kennen, aber leider nur aus sicherer Distanz. Das Grunzen der Schweinemutter klingt dann doch wie eine ernstzunehmende Drohung.

Für eine Reportage braucht der Volo alle seine Sinne

Einen Tag lang habe ich das Bauernpaar begleitet, mich im Selbstversuch als Aushilfsmagd geübt, beim Ladenverkauf geholfen. Und immer wieder musste ich mich selbst daran erinnern, warum ich hier bin: Block zücken, jeden Eindruck festhalten. Denn so eine Reportage ist eine Übung für alle Sinne. Hören, wie die Schweine freudvoll schreien, wenn sie Futter wittern. Sehen, wie sich die Ringelschwänzchen am Trog aneinanderreihen. Schmecken, wie am Ende des Arbeitstages die gegrillte Bratwurst schmeckt. Zwei, drei Sekunden zögere ich, als ich den ersten Bissen auf die Gabel spieße.

Dann entfaltet sich das Aroma. Die Bäuerin beobachtet das mit amüsiertem Blick. „Schmeckt fluffig, so wie unsere Schweinchen sind, nicht wahr?“

Wie das Seminar in Kulmbach sonst so ist, hat Volo Denis  Dworatschek im vergangenen Jahr zusammengefasst: Urlaub mit Schulungen.