Jeden Tag ein Abenteuer

Skandal um’s Baugebiet

Wer über eine Gemeinderatssitzung berichtet, muss sich in der Regel erst in die Materie einarbeiten. Foto: Schopf

Flächennutzungsplanänderung, Wasserabgabesatzung, Ausgleichsfläche – eine Gemeinderatssitzung erfordert Sachkenntnis. Erst recht, wenn brisante Themen auf die Tagesordnung kommen. Doch das Hereinfuchsen lohnt sich. Denn selbst die trockensten Satzungen und Bestimmungen können Grundlagen für spannende Artikel liefern.

Flächennutzungsplanänderung, Wasserabgabesatzung, Ausgleichsfläche – ok Google, ich brauche dich und erstmal eine Pause. Mit diesem Gedanken und sieben vollgekritzelten DIN A4-Seiten verließ ich meine erste Gemeinderatssitzung in Dasing. Fazit: ahnungslos, aber lernwillig. Zum Glück hatte mein Vorgänger mir einen handlichen Sitzplan hinterlassen, so wusste ich zumindest, wer was zu welchem Thema gesagt hatte. Am nächsten Tag nahm ich den Hörer in die Hand und ließ mir nochmal einige Punkte erklären. Wo genau kommt der neue Kreisverkehr hin, welche Halle wird erweitert und weshalb hat sich die Baugrenze jetzt um vier Meter nach Osten verschoben? Alles relevante Fragen in einem Ort, von dem ich bis dato nicht mehr gesehen hatte als das Ausfahrtschild auf der A8 im Vorbeifahren Richtung München.

Drei Monate und einige Sitzungen später kann ich den meisten Gesichtern im Saal auch ohne Plan einen Namen zuordnen und bin nicht mehr völlig ahnungslos, wenn ich mir die Tagesordnung durchlese. Kurz: Ich weiß ungefähr, was mich erwartet. Aber der Job wäre langweilig, wenn das immer so wäre.

Fünfte Sitzung, 19.30 Uhr, der Bürgermeister eröffnet die Runde, alles wie gehabt. Plötzlich ein Einwand: Man möge einen Punkt aus dem nicht-öffentlichen Teil doch bitte öffentlich verhandeln. Kurzes Geraune. Es folgt eine Abstimmung hinter verschlossenen Türen: stattgegeben. Daraufhin übernimmt die zweite Bürgermeisterin den Vorsitz. Mal was anderes, denke ich und lausche gespannt: Fehler im Vergabeverfahren von Bauplätzen, persönliche Beteiligung des Bürgermeisters, rechtlich dünnes Eis, enormer Schaden für die Gemeinde, wütende Baubewerber. Klingt ja hochinteressant, denke ich.

Da springt der Bürgermeister plötzlich auf, packt seine sieben Sachen, lässt ein aufgebrachtes: „Ich finde es unmöglich, dass das jetzt öffentlich diskutiert wird“ raus und stürmt aus dem Sitzungssaal. Mein Kollege von der anderen Zeitung schüttelt den Kopf: „So etwas habe ich in den 15 Jahren, die ich hier berichte, noch nicht erlebt.“

Für mich als Außenstehende also ein ziemliches Spektakel, für alle Beteiligten wohl eher ein Debakel. Denn es ging um die Vergabe von Bauplätzen nach dem Einheimischenmodell und die Frage, was die Gemeinde da falsch gemacht hat und was das für die Bewerber bedeutet. Zum Glück hatten wir zufällig am Tag zuvor einen Aufmacher zu eben jenem Modell und den neuesten EU-Regelungen im Blatt, so hatte ich zumindest eine grobe Idee, worum es geht. Aber im Detail klafften Lücken. Heikles Thema, besser noch mal nachfragen, dachte ich, schnappte mir tags darauf den Hörer, rief die zweite Bürgermeisterin an und ließ mir die ganze Sache von Anfang bis Ende nochmal erzählen.

Gefühlte zehn Stunden, mehrere Anläufe und hundert Zeilen später stand der Artikel. Aber die Zeit hatte sich gelohnt. Denn am Ende glaubte ich verstanden zu haben, was schief gelaufen war und war auf den weiteren Verlauf des kleinen Skandals vorbereitet. Nur so viel: Es fehlten Eingangsstempel, Richtlinien wurden geändert, ohne die Öffentlichkeit rechtzeitig darüber zu informieren und der Bürgermeister hatte die Liste, nach der die Bewerber bewertet werden, selbst erstellt, obwohl sein Sohn unter den Bewerbern war. Die Vergabe wurde daraufhin gestoppt. Für die 30 Bewerber drohte der Traum vom Eigenheim zu platzen. Wohnungen waren bereits gekündigt, Kredite aufgenommen und Hoffnungen geschürt. Die Nerven lagen blank.

Zwei Sondersitzungen und drei Artikel später (den Bürgermeister hatte ich mir bei der Eröffnung des neuen Schwimmbads für eine Stellungnahme à la „Ich habe mir nichts vorzuwerfen“ geangelt) war alles beim Alten. Die Gemeinde hatte sich mit gefühlten 20 Einzelbeschlüssen rechtlich abgesichert, die Bewerber behielten ihre Grundstücke und der Bürgermeister sein Amt. Und ich bin gespannt auf die nächsten Sitzungen. Denn eigentlich verbirgt sich hinter jedem neuen Kreisverkehr, Grünstreifen oder Feuerwehrhaus ein bürokratisches und doch sehr menschliches Spektakel.

Alles, was uns bewegt

Gemeinsame Sache beim Mittagessen

Jeden Mittag treffen sich die Volontäre zum gemeinsamen Mittagessen. Foto: Andreas Schopf

Im zweiten Ausbildungs-Jahr arbeiten fast alle Volontäre gleichzeitig im Augsburger Medienzentrum. Doch das Areal ist groß, die Gänge lang. Wer sich mit all seinen Kollegen treffen möchte, braucht Organisationsgeschick. Das wird besonders zur Mittagszeit deutlich.

Das zweite Jahr unserer Ausbildung bringt es mit sich, dass fast alle Volontäre des Jahrgangs gleichzeitig im Medienzentrum in Augsburg-Lechhausen arbeiten. Das ist angenehm, schließlich tut es im nicht immer leichten Berufsalltag gut, Gleichgesinnte um sich herum zu haben.

Doch es benötigt eine gehörige Portion Organisationsaufwand, um jeden Tag als Gruppe zusammenzukommen. Denn die Volontäre sind über das ganze Medienzentrum verteilt, arbeiten in unterschiedlichen Abteilungen, Stockwerken und im Falle von Radio und Fernsehen sogar in einem anderen Gebäude. Da sind vielfältige Absprachen nötig, um sich zur selben Zeit am selben Ort zu treffen.

Das wird besonders jeden Mittag deutlich. In der Regel essen die Nachwuchsjournalisten gemeinsam in der Kantine der Mediengruppe Pressedruck. Die Planungen dafür beginnen meist zwischen halb und dreiviertel zwölf. Irgendjemand nimmt dann das Heft beziehungsweise das Handy in die Hand und startet über die Volo-WhatsApp-Gruppe einen ersten Aufruf. Was dann folgt, schaut in der Regel etwa so aus:

Volo 1: Essen um 12?

Volo 2: Daumen nach oben

Volo 3: Geht 11.45 auch? Um 12.15 muss ich zur Radiokonferenz.

Volo 4: Hab einen Termin, bin heute raus.

Volo 5: Geht schon mal vor, ich telefoniere noch.

Volo 6: Esse heute mit den Onlinern.

Volo 7: Hab noch gar kein Hunger. Eher 12.45 Uhr…

Volo 1: Passt auch. Holt ihr mich in der Kultur ab?

Volo 7: Machen wir doch um halb?

Volo 2: Würde mit Volo 3 schon mal vorgehen.

Volo 7: Seid ihr schon gegangen?

Volo 7: Wo seid ihr???

Volo 2: Sorry, sind schon fertig.

Sitzt man dann mal halbwegs gemeinsam in der Kantine, sprengt sich die Gruppe mitunter schnell wieder. Der eine muss zu einem Termin, die anderen wollen noch rauchen. Die Verbliebenen spaltet die Frage: noch ein Eis in der Sonne oder Kaffee am Automaten? Danach geht es zurück an die Schreibtische. Bis zum Nachmittag. Dann beginnen die Absprachen für die Kaffeepause.

 

Nach Redaktionsschluss

Volos rennen durch die Stadt

Gut gelaunte Volos vor dem Start. Foto: Sebastian Mayr

Das Digitale kann ziemlich analog sein. Meinen zweiten Tag in der Online-Redaktion verbringe ich auf dem Fahrrad. Die Runden, die ich rund um Messe und Uni durch den Süden Augsburgs drehe, empfinde ich als Wettbewerbsvorteil. Auf dem Fahrrad entsteht ein Video der Strecke des Augsburger Firmenlaufs. Ein Video der Strecke, die ich eine Woche später zu Fuß zurücklegen möchte. Ich weiß also, wo es lang geht, ausnahmsweise im Wortsinn.

Das Digitale kann ziemlich analog sein. Meinen zweiten Tag in der Online-Redaktion verbringe ich auf dem Fahrrad. Die Runden, die ich rund um Messe und Uni durch den Süden Augsburgs drehe, empfinde ich als Wettbewerbsvorteil. Auf dem Fahrrad entsteht ein Video der Strecke des Augsburger Firmenlaufs. Ein Video der Strecke, die ich eine Woche später zu Fuß zurücklegen möchte. Ich weiß also, wo es lang geht, ausnahmsweise im Wortsinn.

Sekunden, nachdem ich die Redaktion wieder erreicht habe, beginnt es zu regnen. Ein Vorzeichen für den Tag des Laufs. Zwei Teams haben wir Volontäre angemeldet, auf Grund von Urlauben schrumpfen die Vierergruppen zunächst auf eineinhalb, wachsen durch Nachmeldungen an und verkleinern sich durch Erkrankungen abermals. Letztlich starten sechs Volontäre und eine erfahrenere Kollegin in den beiden Volo-Teams. Eine weitere Volontärin hat sich schon früher einem anderen Team angeschlossen und wird zu unserem leichten Ärger mit diesem wesentlich erfolgreicher abschneiden. Insgesamt sind 11.000 Läufer unterwegs, die als Viererteams oder als Einzelläufer starten, fast alle in Laufshirts ihrer jeweiligen Arbeitgeber.

Der Schein trügt: Es sind nicht nur fünf von sechs Volos ins Ziel gekommen, auch wenn auf diesem Bild einer fehlt. Foto: Sebastian Mayr

An den Start gehen wir mit den Teamnamen Volos I und Volos II, ein Beweis für die besondere Kreativität, die in unserem Beruf entscheidend ist. Bevor die Volos I und II auch ihre Schnelligkeit beweisen können, beginnt es zu schütten. Doch auch der Himmel meint es nicht gut mit den Läufern: Minuten vor dem Start ist es wieder trocken, die wohl letzte seriöse Ausrede für ein mäßiges Abschneiden fällt weg.

Der Lauf selbst zeigt: Die Ausrede braucht es gar nicht. Zwar landet kein Volo in der Spitzengruppe der 11.000 Läufer. Immerhin schafft jeder das, was er schaffen wollte – mancher sogar ein bisschen mehr. Die firmeninterne Wertung  zeigt zwar, dass andere wesentlich fixer auf den Beinen sind. Aber eigentlich ist uns das ziemlich egal.

Eine weitere Erkenntnis erschließt sich mir selbst erst einige Tage nach dem Lauf: An den Zeiten in der Ergebnisliste und an der Originallänge des Streckenvideos lässt sich recht genau nachvollziehen, dass ich laufend für die 6,3 Kilometer gerade einmal gute sieben Minuten länger gebraucht habe. Ich erwäge nur kurz, zukünftig zu Fuß in die Redaktion zu kommen.

Fotos: Sebastian Mayr