Jeden Tag ein Abenteuer

Ein lehrreicher Ausflug zweier Volontäre in die Allianz Arena

In der Günter-Holland-Journalistenschule geht es nicht nur theoretisch zu. Viele praktische Inhalte sind über den Einführungsmonat verteilt, so auch ein Besuch beim Eishockey. Ein Fußballspiel stand bislang jedoch nicht auf dem Plan, so machten sich zwei Volontäre auf zum DFB-Pokalspiel in München. Dabei hatten sie eine professionelle Begleitung.

Mit Nachnamen heißen die Fußballer des FC Bayern offenbar alle gleich. Zumindest wenn es nach den Fans der TSG Hoffenheim geht. Diese schrien stets denselben Nachnamen, nachdem der Stadionsprecher der Allianz Arena den Vornamen des jeweiligen Bayern-Spielers vorgelesen hatte. Gut, so muss man sich als Außenstehender die vielen Namen immerhin nicht merken. Dass ihre Mütter aber tatsächlich ihre Körper für Geld verkaufen, dürfte der blühenden Fantasie der Hoffenheimer entspringen. Für uns waren die Nachnamen jedoch kein Problem. Denn mein Kollege und ich, beide Volontäre der Günter Holland Journalistenschule, sind Fußballfans durch und durch.

Das war auch der Grund, warum wir uns spontan entschlossen hatten, zum DFB-Pokalspiel des FC Bayern gegen Hoffenheim in die Münchner Allianz Arena zu fahren. Was wir nicht wussten: Es würde das letzte DFB-Pokalspiel in der Arena für lange Zeit sein. Denn knapp eineinhalb Monate später verkündete Markus Söder die Ausgangsbeschränkungen für ganz Bayern. An Fußballspiele mit Gegnerkontakt und Zuschauern war fortan nicht mehr zu denken.

Vom Voloseminar direkt in die Arena

Dafür waren wir an diesem bitterkalten Februarabend umso motivierter – und erinnern uns noch heute umso lieber und intensiver an dieses Erlebnis. Auch, weil wir in der zwar spärlich besetzten, aber dafür umso lauteren Hoffenheimer Kurve standen. Eine Kurve, für die wir relativ leicht Tickets bekommen hatten, weil das Stadion nicht ausverkauft war. Eigentlich ungewöhnlich für ein solches Spiel. Uns war das aber nur recht und so suchten wir schnurstracks Zugverbindungen heraus, die uns nach unserem Voloseminar an der Günter Holland Journalistenschule in Lechhausen nach München bringen würden.

Als wir gerade diskutierten, ob ein Bayernticket der Deutschen Bahn sinnvoll sei, fiel uns siedend heiß ein, dass wir ja bei der Augsburger Allgemeinen und damit in einer der größten bayerischen Zeitungsredaktionen arbeiten. Von dort musste doch irgendjemand das Spiel anschauen. Von Berufswegen. Ein Besuch in der Sportredaktion und schon hatten wir zwei Exklusivplätze auf der Rückbank eines Redaktionsautos. Kostenlos. Hurra. Hatten ja schon knapp 40 Euro für die Tickets gezahlt. Aber eine halbe Stunde später fanden wir uns erst einmal in einem Stau auf der A 8 in Höhe Dasing wieder.

Ein lehrreicher Ausflug zum Fußball

Schlimm war das aber nicht, war doch die Stimmung dank der zahlreichen Anekdoten des Kollegen aus der Sportredaktion bestens. Dies sollte sich während der gesamten zweieinhalbstündigen Fahrt nur kurz ändern, als das Gespräch auf die Lieblingsvereine HSV und 1860 München kam. Interessant waren auch die Einblicke, die unser Kollege geben konnte. Wir erfuhren nicht nur, inwieweit er bereits die Richtung seines Textes für die Augsburger Allgemeine im Kopf hatte, sondern auch, welche Fragen er bei der anschließenden Pressekonferenz zu stellen gedachte.

Und dann waren wir da. Imposant ist die Arena ja schon. Auch wenn man uns beiden Volos nicht unbedingt als Bayernfans bezeichnen kann. Gerade pünktlich zum Anpfiff saßen wir auf unseren Plätzen. Das satte Grün stand im Kontrast zu dem ansonsten bitterkalten und regnerischen Tag. Das Spiel war aber ohnehin interessanter, trafen mit dem FCB und Hoffenheim doch zwei ambitionierte Teams aufeinander. So langweilig die Partie aus unserer Sicht begonnen hatte (Tor für Bayern), so spektakulär hörte sie auf: Hoffenheim macht in der Schlussphase den Anschluss zum 4:3. Das Ergebnis war uns trotz seiner Knappheit dann aber doch nicht so wichtig, denn viel einprägsamer war die Stimmung.

Der AZ-Sportredakteur ließ keine Frage unbeantwortet

Lange Zeit hielt das Hoffenheimer Grüppchen lautstärketechnisch einigermaßen mit, und sogar die Münchner Fans ließen sich zu einem Wechselgesang hinreißen. Was im Februar noch selbst bei einem Sieg unwahrscheinlich war, ist heute in Zeiten von Geisterspielen unvorstellbar. Was sich festhalten lässt, ist, dass sogar ein Spiel der Bayern gegen Hoffenheim von der Stimmung her besser ist als ein Spiel ohne Zuschauer. Ob diese Einschätzung auch etwas mit unserer Begegnung mit Oliver Kahn am Bayernbus zu tun hat? Vielleicht. Aber noch viel interessanter war, dass der Sportredakteur, der seinen Text live während des Spiels verfasst hatte, uns sein Vorgehen bei der Heimfahrt schilderte. Insofern war der Ausflug auch lehrreich. Und wenn die Bayern demnächst ihre Meisterschaft vor einem leeren Marienplatz feiern, könnte sogar Nostalgie mitschwingen. Und das liegt nicht nur daran, dass die Meisterfeiern auch vor Corona schon immer weniger Besucher hatten.

Alles, was uns bewegt

Volontär in neuer Heimat: beinahe angekommen

Die Nördlinger Mess' ist das beliebteste Volksfest Nordschwabens. Ich hatte mich im Vorfeld sehr darauf gefreut. Wegen des Coronavirus fällt es - wie so vieles - in diesem Jahr aus. Foto: Jochen Aumann

Anschluss in der neuen Heimat finden? Zum ersten Mal eine Wohnung ganz für mich allein? Das wird super, sagte ich mir anfangs. Dann kam das Virus und würfelte meine Planungen ein wenig durcheinander. Eine Zwischenbilanz.

So entspannt, wie ich bei der Verabschiedung von meinen lieben Menschen getan habe, bin ich nicht wirklich. Mir schwirren zahlreiche Gedanken durch den Kopf. Es ist Ende Februar, auf mich warten neue Gesichter, wartet meine erste eigene Wohnung und eine fremde Stadt. Alles neu und auch ein wenig aufregend. Seit Beginn des Jahres bin ich Volontär an der Günter Holland Journalistenschule, für mein Lokaljahr bei der Augsburger Allgemeinen wurde ich nach Nördlingen geschickt. Verschmähte muslimische Bürgermeisterkandidaten, ein Landwirt, der seine Frau in der Güllegrube erstickt haben soll und ein Meteoriden-Einschlag (oder war es ein Asteroid?): Das ist alles, was meine vorbereitende Recherche ergeben hat. Wie überaus ermutigend.

Nördlingen ist eine besondere Stadt. Und die Rieser Nachrichten sind eine besondere Zeitung, dessen werde ich mir nach meiner Ankunft schnell bewusst. Die Lokalausgabe ist eng verwoben mit ihren Lesern: Auf dem Stadtmarkt unterhält man sich über die neueste Titelgeschichte, man packt das dort gekaufte Obst und Gemüse in Zeitungspapier – und passiert hier etwas, wissen es die Lokalredakteure meist als Erste.

Ein Beispiel: Ende März rief ein Mann in der Redaktion an und berichtete unserer Sekretärin am Telefon, er habe beim Spazierengehen mit seinem Hund etwas Seltsames entdeckt, genauer: einen vollständig skelettierten menschlichen Schädel. Was er denn nun tun solle, wollte er weiter wissen. Nach kurzer Beratung ließ sich der Mann schnell überzeugen, dass es vermutlich eine gute Idee sei, doch als allererstes einmal die Polizei zu verständigen. Dies ist nur eine von vielen Anekdoten und sie zeigt auf, welchen Stellenwert eine Zeitung bei ihren Lesern haben kann. Wer bei den Rieser Nachrichten volontiert, erlebt Lokaljournalismus unter dem Brennglas.

Raus aus der Komfortzone 

Dann kam das Coronavirus und mit ihm viele Veränderungen – auch im Leben eines Volontärs. Ich war es bis dato nicht gewohnt, allein zu sein. Vor meiner Zeit in Nördlingen hatte ich noch nie eine Wohnung ganz für mich. Klar, knapp 70 Kilometer oder einen Knopfdruck entfernt warten Freunde und Familie. Aber ich bin nach Nördlingen auch mit der Absicht gekommen, in das hiesige Leben einzutauchen. Ich will mich bewusst auf neue Menschen einlassen und aus meiner Komfortzone heraustreten. „Du bist ein offener Typ, David, das wird nicht schwer“, so sagte ich mir anfangs. Als Journalist ist man ja naturgemäß nah dran am Menschen und an seiner Wirkungsstätte.

Große Hoffnung setzte ich zu Beginn auch auf die Vereine, Bars und Restaurants, die es in Nördlingen in sehr hoher Zahl gibt. Der Grund ist, die nächste Großstadt liegt recht weit entfernt, aus dem Inneren heraus haben sich die Bewohner deshalb eine üppige Kultur- und Gastronomie-Szene geschaffen, mit vielen Festlichkeiten und Veranstaltungen.

Es gibt auch Zwischenerfolge

All das schränkt das Coronavirus im Moment bekanntermaßen stark ein. Ich will mich nicht beschweren. Meine Probleme sind sehr klein angesichts der Belastungen und Existenzsorgen, mit denen sich gerade viele Menschen konfrontiert sehen. Und dennoch: Ein wenig anders vorgestellt hatte ich mir meine ersten Monate in der temporären Heimat schon.

Wenn ich diese Zeilen schreibe, kann ich sagen, dass ich mich wohl fühle in Nördlingen, in der Stadt und auch in der Redaktion. Nur gänzlich angekommen bin ich nach wochenlangem Homeoffice und den coronabedingten Einschränkungen noch immer nicht. Einen ersten Zwischenerfolg gibt es jedoch zu verzeichnen: Nach 50 Nussschnecken bin ich in der Bäckerei meines Vertrauens mittlerweile Stammgast. Auf die Frage „Das gleiche wie immer?“ antworte ich jeden Morgen: „Ja, danke Frau Meyer.“

Jeden Tag ein Abenteuer

Grenzgeschichten in Corona-Zeiten bei der Augsburger Allgemeinen

Wegen Corona ist die Grenze zwischen Deutschland und seinen Nachbarländern dicht. Meine Reportage führte mich nach Bayerisch Gmain. Nur der kleine Weißbach trennt die Gemeinde vom österreichischen Großgmain. Doch die Brücke ist gesperrt. Foto: Lea Binzer

Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der offene europäische Grenzen selbstverständlich sind. Dass das nicht immer so war, ist mir bewusst. Doch ich habe es nicht anders kennengelernt. Durch Corona hat sich das geändert: Die Grenzen zu unseren europäischen Nachbarn sind dicht. Es gibt wieder Kontrollen und wer rüber will, kann das nur an bestimmten Stellen und braucht einen triftigen Grund dafür. Merkwürdig war daher mein erster Termin außer Haus nach über sechs Wochen Corona-bedingtem Homeoffice an der deutsch-österreichischen Grenze bei Bad Reichenhall. Österreich war so nah und doch gleichzeitig so fern für mich.

Als gebürtige Oberallgäuerin bin ich die Nähe zu Österreich von Kindheit an gewohnt: Mal schnell zum Wandern ins Kleinwalsertal, hinter Oberstaufen zum Tanken nach Riefensberg oder für einen Tagesausflug nach Bregenz. Und auch von Rosenheim aus, wo ich seit meinem Studium mit meinem Freund eine Wohnung habe, bin ich schnell und problemlos in Kufstein oder Salzburg. Stünden – gerade an den kleineren Straßen und Wegen – keine Schilder, die einen darauf aufmerksam machen, dass man gleich ein anderes Land betritt, hätte ich den Grenzwechsel öfter einmal gar nicht bemerkt. Doch wegen Corona kann das momentan nicht passieren: Die Grenzen sind dicht.

Dass ich mich für das Homeoffice von meinem kleinen WG-Zimmer in Augsburg in die deutlich geräumigere Wohnung nach Rosenheim begeben habe, ist auch schnell meinen Kollegen in der Zentrale der Augsburger Allgemeinen zu Ohr gekommen. „Du bist am nächsten von uns an der österreichischen Grenze dran. Kannst du morgen bitte für eine Reportage hinfahren?“ Na klar, immerhin heißt das auch, nach sechs Wochen Heimarbeit mit ausschließlichem Telefonieren, um an Infos für Artikel zu kommen, mal wieder einen Außentermin wahrnehmen zu können.

Fast übersehen hätte ich am Ortseingang von Bayerisch Gmain das Schild "Grenze gesperrt". Foto: Lea Binzer

Die Grenzbewohner nutzen die gesperrte Brücke nun als Treffpunkt

Meine Fahrt führt mich in die Gemeinde Bayerisch Gmain bei Bad Reichenhall, die nur durch den kleinen Weißbach von Großgmain auf österreichischer Seite getrennt ist. Fast übersehen hätte ich am Ortseingang das kleine Schild „Grenze gesperrt“. Spätestens an der einzigen Brücke, die mit dem Auto passierbar ist, wird aber klar: Hier geht es nicht weiter. Denn mitten auf der Brücke befinden sich drei aneinandergereihte und mit blauen Plastikplanen verhangene Bauzäune, die mit Metallringen am Brückengeländer befestigt sind. Sie machen ein Übertreten oder Überfahren unmöglich.

Ein merkwürdiges Gefühl ist das. Die Häuser auf der anderen Bachseite sind vielleicht fünf Meter entfernt, ich kann sogar durch die Fenster in die Zimmer dahinter schauen. Doch näher heran komme ich nicht. Für die Bewohner der beiden Gemeinden ist die Grenzschließung besonders schlimm. Denn die Orte sind normalerweise eng verbunden: Sie teilen sich einen Sportplatz und haben gemeinsame Vereine. Um ins jeweils andere Land zu gelangen, müssen Schüler wie Berufspendler nun einen langen Umweg über den nächsten offiziellen Grenzübergang am Walserberg machen.

Ganz begeistert bin ich deshalb vom Einfallsreichtum der Grenzbewohner, die die Brücke nun als Treffpunkt nutzen. Da sind die zwei Männer, die sich schräg über das Brückengeländer hinweg unterhalten. Da ist die Frau auf bayerischer Seite, die der Frau in Österreich am Bauzaun vorbei einen Korb mit Katzenwelpen-Aufzuchtsmilch zum Großziehen von Eichhörnchen überreicht. Bei der normalerweise aus China importierten Milch gibt es momentan Lieferschwierigkeiten. Da ist der Mann, der zwei Kisten mit Lebensmitteln aus einem Auto mit Bad Reichenhaller Kennzeichen und Reformhaus-Logo darauf holt und an eine Österreicherin hinübergibt. Und da ist die ältere Dame, die als Österreicherin in der Nähe auf deutscher Seite wohnt und sich wundert, dass man nicht einmal zu Fuß über die Brücke darf. So viele Grenzgeschichten in nur eineinhalb Stunden, in denen ich vor Ort war.

 

 

Mitte Juni sollen die Grenzen in Europa wieder öffnen

Zumindest haben die Bayerisch Gmainer und Großgmainer Glück: Einen Tag, nachdem ich für das Politik-Ressort der Augsburger Allgemeinen dort gewesen bin, durfte die Brücke zwischen den Gemeinden wieder passiert werden. Doch einfach so über die Grenze gehen, ist auch weiterhin nicht möglich. Als ich vor Ort war, haben zwei österreichische Polizisten allerlei Kartons in einen blauen Container auf Großgmainer Seite getragen – vermutlich Material für die kommenden Grenzkontrollen. Denn nur so und mit einem triftigen Grund ist ein Grenzübertritt von Großgmain nach Bayerisch Gmain und umgekehrt erlaubt.

Immerhin: Mitte Juni sollen die Grenzen in Europa wieder öffnen. Mal sehen, ob dann alles wieder wie vor der Corona-Krise ist: offene Grenzen, über die ich dann einfach so für eine Wanderung oder einen Tagesausflug nach Österreich kann. Natürlich mit Sicherheitsabstand und Maske.