Jeden Tag ein Abenteuer

Baggerfahren und Kälbchen knuddeln

Baggerfahren in Dillingen

Morgens um kurz nach acht startet meine tägliche kleine Reise in die Dillinger Lokalredaktion. Mit jedem Kilometer, der mich weiter von meinem Wohnort Augsburg entfernt, tauche ich ein bisschen tiefer ins Landleben ein. Mein Weg führt mich vorbei an weiten Feldern und Wäldern. Manchmal spüre ich den Geruch von Bauernhöfen in der Nase. Ich durchkreuze […]

Morgens um kurz nach acht startet meine tägliche kleine Reise in die Dillinger Lokalredaktion. Mit jedem Kilometer, der mich weiter von meinem Wohnort Augsburg entfernt, tauche ich ein bisschen tiefer ins Landleben ein. Mein Weg führt mich vorbei an weiten Feldern und Wäldern. Manchmal spüre ich den Geruch von Bauernhöfen in der Nase. Ich durchkreuze kleine Dörfer mit schönen Kirchen und leeren Bushaltestellen. Menschen sehe ich hier erst mal kaum. Wenn es Stau gibt, dann nur weil ein Lkw oder Trecker die Straße blockiert. Und die Zahl der Ampeln kann ich an einer Hand abzählen.

Als ich die Strecke zur Redaktion zum ersten Mal antrete, umschlossen von der ländlichen Idylle, steigt mir gleich ein Gedanke in den Kopf: „Hier ist ja nichts los. Wie komme ich bloß an spannende Geschichten?“

Mittlerweile sind mehr als vier Wochen vergangen und meine anfänglichen Zweifel verpufft. Nach einigen Tagen in der Redaktion durchquere ich die kleine Kommune Aislingen und lerne die ersten interessanten Menschen kennen. Aislingen ist eine von drei Gemeinden, für die ich die nächsten elf Monate zuständig bin. Mit dem dortigen Bürgermeister fahre ich durch die Gegend. Hier treffe ich Bauern in Latzhosen und Gummistiefeln, die starken Dialekt sprechen. Je kleiner die Gemeinde, umso größer die Augen, wenn wir durch die Straßen fahren. Denn in Rieder, einem 87 Einwohner kleinen Ortsteil von Aislingen kennen sich die Menschen. Hier grüßt man sich noch. Ich falle auf, weil ich fremd bin. Aber das macht nichts. Ich fühle mich willkommen. Ein Bauer nimmt sogar seinen Hut ab, als er mir zur Begrüßung lächelnd seine Hand entgegenstreckt.

Der Bürgermeister zeigt mir noch das Kieswerk, das schöne Panorama seines Dorfes und einen Milchbetrieb. Nachdem ich mir von einem flauschigen Kälbchen meine Hand abschlabbern lassen habe, wartet schon die nächste Überraschung: Der Baggerfahrer aus dem Ort ist gerade zufällig am Schaufeln. Ich komme zum passenden Zeitpunkt. Geschickt hieve ich mich auf das Fahrzeug und schiebe die Hebel in alle Richtungen. Der Bagger setzt sich in Bewegung und ich schippe einen kleinen Haufen Steine von einem Fleck zum nächsten. Schön ist es hier, denke ich mir und freue mich auf die nächsten Wochen.

Beim großen Faschingsumzug in Holzheim erlebe ich die nächsten unerwarteten Begegnungen. Mit meiner Kamera stiefele ich den vorbeifahrenden Wagen hinterher und knipse drauf los. Plötzlich kommt ein nett aussehender Mann auf mich zu und reicht mir die Hand. „Hallo, ich bin langjähriger Abonnent Ihrer Zeitung“, sagt er und strahlt mich an. Dass ich die neue Volontärin bin, wisse er aus dem Lokalteil. Er wolle sich einfach nur mal vorstellen.

An diesem Tag werde ich noch einige Male angesprochen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt spüre ich, wie bedeutend unsere Zeitung für die Menschen aus dem Landkreis ist. Es zeigt mir aber auch, dass ich hier keinesfalls anonym bin. Ich kann mich nicht verstecken, wenn mir ein Fehler unterläuft oder jemandem meine Geschichte nicht passt. Das merke ich nach meinem ersten Termin beim Kabarett. Eine E-Mail des Veranstalters liegt in meinem Postfach. Netter Artikel, schreibt er. Aber die Überschrift, die müsse ich ihm doch bitte mal erklären. . .

 

 

 

 

 

 

Fliegendes Klassenzimmer

Zum Glück nur zu Besuch

Ein Patientenzimmer im BKH Kaufbeuren. Foto: Jakob Stadler

Was denjenigen bevorsteht, die von den Richtern zum geschlossenen, stationären Drogenentzug verurteilt werden, konnten wir bei unserem Volontärstag im Bezirkskrankenhaus Kaufbeuren ansatzweise beobachten.

Termine am Amtsgericht gehören für jeden Nachwuchsredakteur zur Pflichtaufgabe im Lokaljournalismus. Nicht selten berichten wir dort über Fälle, die mit Drogenkriminalität und schwerem Alkoholismus in Zusammenhang stehen. Was denjenigen bevorsteht, die von den Richtern zum geschlossenen, stationären Drogenentzug verurteilt werden, konnten wir bei unserem Volontärstag im Bezirkskrankenhaus Kaufbeuren ansatzweise beobachten.

Ein karger Flur mit steinernen, blankpolierten Fließen, kahlen Wänden und einem Metalldetektor. Türen, die sich nur dann öffnen lassen, wenn alle anderen Türen zu sind. Diesen Weg in den geschlossenen Entzug muss antreten, wer im Zuge seiner Alkohol- oder Drogensucht straffällig geworden ist und nach §63 des Strafgesetzbuches verurteilt wurde. Die meisten bleiben für mindestens ein halbes Jahr, ein ganzes oder je nach Schwere der Straftat oder der eigenen psychischen Langzeitschäden auch länger. Einige sind zum wiederholten Male da.

Trotz der sterilen Unpersönlichkeit des Gebäudeinneren drängt sich beim Betreten der Station das Gefühl auf, in einen sehr intimen Privatbereich anderer Menschen vorzudringen. Im Putzmitteldunst, den jeder aus Krankenhaus und Arztpraxis kennt, hängt noch ein bisschen das Aroma des Mittagessens von vor zwei Stunden. Die Patienten wissen von unserem Besuch – und die wenigsten sind auf dem Gang geblieben. Eine Handvoll junger Männer in kurzen Ärmeln und Jogginghosen hat berechtigterweise nicht das Gefühl, sich verstecken zu müssen. Wieso auch? Aus gutem Grund werden die Bewohner der Abteilung nicht als „Insassen“, sondern als „Patienten“ bezeichnet.

Darf man den Vorträgen des Ärztlichen Direktors Norbert Ormanns und des Pflegedirektors Harald Keller glauben, so haben viele Drogen mittel- und langfristig einen bleibenden Einfluss auf die Selbst- und Außenwahrnehmung der Konsumenten. Auch die Persönlichkeit verändert sich teils drastisch, wenn das Denken und Handeln über einen längeren Zeitraum von Rauschmitteln und deren Beschaffung beherrscht wurde. Sich selbst wieder nüchtern kennenzulernen, Verantwortung zu übernehmen und einen drogenfreien Alltag zu meistern, ist die große Herausforderung für die 15 jungen Männer, die überwiegend in unserem Alter sind.

Neben dem kalten Entzug an sich gibt es noch andere Schwierigkeiten, mit denen sich die Patienten auseinandersetzen. Bereitwillig beantworten sie unsere Fragen zum Miteinander auf der Station, dass Konflikte untereinander geregelt werden und wie Budenkoller und Langeweile erträglicher werden. Denn den Großteil des Tages verbringen die Patienten nicht in Therapiegesprächen, sondern miteinander. Abwechslung bieten die tägliche Zeit im Hof, Telefonate und Besucher. Dennoch besteht der Großteil des Tages aus Warten und Zeit totschlagen.

Wir Volontäre nehmen viele wichtige Erfahrungen von diesem Tag mit. Die wenigsten Menschen entscheiden sich bewusst für eine Drogenkarriere, die meisten geraten hinein und finden selbst nicht mehr heraus. Denn die eigene Suchtaffinität ist keine Frage der Intelligenz oder Bildung. Die immense Macht vieler Drogen spiegelt sich auch in den hohen Rückfallquoten wider, von denen uns das Krankenhauspersonal berichtet. Diese Zahlen demonstrieren ebenfalls die Macht des Gegners, mit dem es die Patienten Tag für Tag aufnehmen müssen. Bei aller Ablehnung der Straftaten, die unsere Gesprächspartner begangen haben, empfinde ich vor allem Mitleid für ihre jetzige Situation. Ich bin sehr froh zu der Gruppe zu gehören, die die Station bereits nach einer guten halben Stunde wieder verlassen darf.

Nach Redaktionsschluss

Den Köder geschluckt

Abenteuer an der Wertach: Christian Gall (links) versucht sich als Fliegenfischer unter professioneller Anleitung von Angel-Experte Stefan Nohe. Foto: Matthias Schalla

Im Lokaljournalismus kommen einem die unterschiedlichsten Interessen und Hobbys unter. An manchen kann man selbst hängen bleiben – seien sie noch so ungewöhnlich.

Im Lokaljournalismus kommen einem die unterschiedlichsten Interessen und Hobbys unter. An manchen kann man selbst hängen bleiben – seien sie noch so ungewöhnlich.

Alles begann ganz unspektakulär an einem Tag im frühen Oktober. Ein Kollege hat ein Thema ausgegraben und Kontakte hergestellt. Es geht um: Fliegenfischen. Eine Beschäftigung, der sich wohl nur wenige Menschen widmen.

Treffpunkt ist der Fluss Wertach im Westen von Schwabmünchen. Am Gewässer warten bereits Männer in Wathosen – Mitglieder des Fischereivereins Schwabmünchen. Auf einem Tisch liegen die Angelruten ausgebreitet: filigrane Stäbe aus Fiberglas oder Tonkin-Rohr, die in der Hand zerbrechlich wirken. Als der erste Fliegenfischer loslegt, wird klar, dass der Eindruck getäuscht hat. Mit rhythmischen Vorwärts- und Rückwärtsbewegungen schwingt er die Rute durch die Luft, die sich dabei immer weiter biegt und ausschlägt. Dabei gibt der Angler immer mehr Schnur frei, die durch die Luft peitscht. Rund 20 Meter der Leine fliegen in Bögen durch die Luft – dann visiert er sein Ziel an, senkt die Rute herab und lässt die winzige Fliege am Ende der Schnur wenige Zentimeter vor dem Fisch landen. Der kann nicht widerstehen und beißt an. Nach kurzer Gegenwehr liegt er im Kescher des Anglers – und schon am Abend auf dem Grill.

Die dicke Schnur auf der Rolle katapultiert die winzigen Fliegen meterweit durch die Luft. Foto: Christian Gall

Am Abend dieses Tages fahren mein Kollege und ich nach Hause, entspannt von den Stunden in der Natur und begeistert vom Können der Angler. Die Faszination lässt uns auch in den Tagen darauf nicht los. In den Pausen gibt es kein anders Thema als das Angeln. Bald darauf kommen wir auf eine Idee: Wir machen den Angelschein und treten selbst in den Kreis der Angler ein. Aus der Idee wird ein konkreter Plan – der Kollege, seine Frau und ich machen den Angelschein gemeinsam bei den Fischern in Schwabmünchen. Eines freut mich ganz besonders: Die Kollegen in der Redaktion übernehmen für mich die Kosten des viertägigen Vorbereitungskurses, der vor der Prüfung ansteht – als vorgezogenes Abschiedsgeschenk, wenn mein Jahr in Schwabmünchen endet.

Der Vorbereitungskurs findet in Schwabmünchens Fischerhütte statt. Ein Holzgebäude, das den Begriff „urig“ neu definiert. Die Einrichtung ist überladen von Angel- und Jagdtrophäen. Auf knarrenden, uralten Holzbänken lassen sich die Kursteilnehmer nieder. Der Kursleiter passt nicht ganz in das Bild. Ein modern gekleideter Mann im Alter von etwa 25 Jahren klickt sich durch seine Powerpoint-Präsentation, zeigt Anschauungsmaterial und stellt Fragen. Der Inhalt hat es in sich. An vier Tagen stehen fünf Fachgebiete auf dem Programm. Zu jedem gibt es ein Lehrbuch, keines hat weniger als 100 Seiten. Der Unterricht bereitet uns auf die Prüfung vor, und die ist anspruchsvoll. Aus einem Katalog von 1070 (Eintausendsiebzig!) Fragen müssen 60 Stück in der Prüfung beantwortet werden. Also heißt es auch nach abgeschlossenem Kurs weiterhin: jeden Abend büffeln. Der Tagesablauf eines Volontärs in der Vorbereitungszeit der Fischerprüfung: tagsüber Lokaljournalismus, abends ein Date mit Karpfen und Hecht.

Urig hoch drei: Schwabmünchens Fischerhütte. Foto: Christian Gall

Urig hoch drei: Schwabmünchens Fischerhütte.
Foto: Christian Gall

Der Showdown findet in Augsburg statt. Im elften Stockwerk des BCM-Gebäudes nahe der Uni stellen wir uns der Prüfung – mit grandiosem Erfolg. Alle drei bestehen wir – nach wochenlanger Vorbereitung und intensivem Lernen dürfen wir uns endlich „Angler“ nennen. Eine Erfahrung, die uns nicht nur viel Wissen vermittelt, sondern uns auch freundschaftlich zusammengeschweißt hat. Im Lokaljournalismus lohnt es sich eben immer, die Augen offenzuhalten. An den ungewöhnlichsten Orten lauern die spannendsten Erfahrungen.

 

Hier geht’s zum Fliegenfisch-Artikel aus Schwabmünchen